Leseprobe von "Durchkreuzte Rache"

Kapitel 1: Schicksalhafte Begegnung

Niklas umklammerte das Lenkrad seines Wagens etwas fester und blinzelte in die tiefschwarze Nacht. Vor den Mond hatten sich dicke Wolken geschoben und die Lichtkegel seiner Scheinwerfer schafften es kaum, die Dunkelheit zu durchdringen.
Immer wieder sah Niklas unheimliche Schatten durch den Lichtschein huschen, welche durch die Bäume des dichten Waldes, rechts und links der schmalen, von Schlaglöchern übersäten Straße, hervorgerufen wurden.
Allmählich fragte sich der Siebenundzwanzigjährige, ob er sich verfahren hatte, doch ein kurzer Blick auf sein Navigationssystem verriet ihm, dass er noch auf dem richtigen Weg war. Seufzend rieb sich Niklas mit einer Hand durch seine brennenden Augen. Es fiel ihm immer schwerer, sich zu konzentrieren. Er wusste genau, dass
es unvernünftig war, nicht anzuhalten, um ein wenig zu schlafen. Doch er konnte es einfach nicht, denn der Hass auf die Mörder seines Vaters trieb ihn vorwärts, beherrschte ihn. Niklas spürte, dass er seinem Ziel zum Greifen nahe war, dass seine Jagd nun bald ein Ende haben würde. Die beiden Männer, die er bereits seit einem Jahr verfolgte, hielten sich angeblich in einer kleinen Stadt auf, die nur noch zwei Fahrtstunden von ihm entfernt war. Sein Verstand sagte ihm zwar, dass Rache seinen Vater nicht wieder lebendig machen würde, doch sein Herz war voller Zorn und Wut. Er konnte nur noch daran denken, die Männer zu töten, die seiner Mutter den Ehemann genommen hatten – auch wenn er dadurch selbst zum Mörder werden würde.
Plötzlich fielen vereinzelte Regentropfen auf die Windschutzscheibe, woraufhin Niklas die Scheibenwischer einschaltete. Er bereute es sofort, da sich nun die Überreste der vielen kleinen Fliegen und Käfer, die während der Fahrt gegen seine Windschutzscheibe geprallt waren, zu einer undurchsichtigen Schmierschicht verteilten. Niklas betätigte den Schalter für die Scheibenwaschanlage, doch aus dieser sprühten nur zwei kleine Wasserstrahlen, dann war sie leer.
„Na klasse!“, schimpfte der junge Mann und lehnte sich etwas weiter vor, um, durch die verschmierte Scheibe, die Straße besser erkennen zu können. Allerdings nützte das nicht besonders viel. Niklas blickte zur Seite auf den Beifahrersitz, auf dem eine halbgefüllte Flasche Wasser lag. Er überlegte, ob er damit die Scheibe reinigen könnte, und bemerkte erst im letzten Moment, dass die Straße eine scharfe Rechtskurve machte. Niklas trat auf die Bremse und riss das Lenkrad herum, doch es war zu spät. Sein Wagen stürzte einen zwanzig Meter tiefen Abhang hinunter und riss Büsche, Steinbrocken und Bäume mit in die Tiefe.
Das Erste, was Niklas spürte, als er zu sich kam, waren hämmernde Kopfschmerzen. Er drückte stöhnend eine Hand gegen seine Schläfe und zuckte zusammen, als gleich darauf ein zusätzlicher, stechender Schmerz durch seinen Schädel fuhr. Er ließ seine Hand sinken, öffnete seine Augen und blickte auf etwas, dass wie die Seitenansicht eines Wagens aussah. Genaugenommen sah es wie sein Golf aus, aber warum hing dieser, mit offener Beifahrertür, über ihm?
Niklas zog seine Stirn kraus. Er blinzelte ein paar Mal und betrachtete den Wagen genauer. Er fand es merkwürdig, dass der Motor aus war, aber die Scheinwerfer brannten. Der junge Mann versuchte, sich zu konzentrieren, doch er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Erst als er nach einigen Minuten realisierte, dass die Scheiben des Wagens zerbrochen waren, fiel ihm siedend heiß ein, dass er von der Straße abgekommen war. Er fuhr hoch und sackte mit einem gequälten Aufschrei wieder zurück, als durch seine linke Seite ein brennender, stechender Schmerz schoss, der ihm fast die Sinne raubte. Niklas atmete keuchend ein und aus. Erst als der glühende Schmerz nachließ, hob er vorsichtig seinen Kopf und blickte an sich hinab. Er schluckte, als er einen drei Zentimeter dicken Ast entdeckte, der in seiner linken Seite steckte.
‚Scheiße!’
Er ließ matt seinen Kopf zurücksinken und atmete mehrmals tief durch, um seine aufkommende Panik niederzukämpfen. Niklas ging davon aus, dass er auf sich allein gestellt war, da er in der letzten Stunde keinem anderen Auto begegnet war. Und selbst wenn in dieser frühen Morgenstunde ein Wagen vorbeikommen sollte, würde der Fahrer ihn von der Straße aus unmöglich sehen können.
Ein leises Knarren lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Wagen und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass dieser nur von einigen dicken Ästen zweier Bäume gehalten wurde. Sollten die Zweige brechen, würde sein Golf direkt auf ihn fallen und das war etwas, worauf Niklas gut verzichten konnte. Er versuchte sich auf seine rechte Seite zu drehen, um aus der Gefahrenzone zu kriechen, doch der Schmerz, der bei dieser Bewegung durch seine Seite schoss, trieb ihm die Tränen in die Augen. Sein hämmernder Kopf war auch nicht unbedingt hilfreich und Niklas ließ sich langsam auf den Rücken zurücksinken. Er ballte verzweifelt seine Hände zu Fäusten, während seine Gedanken sich überschlugen. Mit diesem Ast zwischen seinen Rippen konnte er sich nicht bewegen und sollte er ihn herausziehen, könnte es sein, dass er verbluten würde. Allerdings wurde Niklas sehr schnell klar, dass er keine Wahl hatte. Er konnte hier nicht liegen bleiben, denn dann würde er auf jeden Fall sterben. Entweder durch den herabstürzenden Wagen oder, falls nicht doch noch jemand vorbeikommen und ihm helfen sollte, an seinen Verletzungen. Also würde er sich den Ast herausziehen müssen. Wenn er das geschafft hatte, musste er aufstehen, den Verbandskasten aus seinem Wagen holen und sich verarzten. Danach würde er sich seinen Rucksack schnappen und auf den Weg in die nächste Stadt machen.
„Kein Problem“, flüsterte Niklas und versuchte, seine Verzweiflung niederzukämpfen. „Sind ja nur ein paar Stunden Fußmarsch bis dorthin.“
Er hob seinen Kopf und blickte auf den Ast, der gute zehn Zentimeter aus ihm herausragte. Niklas atmete tief durch, legte seine Hand um den Ast und zog ihn mit einem Ruck heraus. Der Schmerz, der schlagartig durch seinen Körper schoss, ließ ihn aufschreien. Ihm wurde übel und schwarz vor Augen. Niklas hörte seinen eigenen, wilden Herzschlag in den Ohren widerhallen, während er nach Luft ringend darauf wartete, dass seine Qual nachlassen würde. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er sich dazu in der Lage fühlte, sich zu bewegen – und das leise Knarren über ihm machte ihm deutlich, dass er sich beeilen sollte.

Dreißig Minuten später lehnte Niklas keuchend und schweißüberströmt an einem Baum. Er hatte es tatsächlich geschafft, aufzustehen, sich einen Druckverband anzulegen und seinen Rucksack aus dem Auto zu holen. Glücklicherweise war es nicht allzu schwer gewesen, an die nötigen Sachen heranzukommen, da Niklas sie im Fußraum hinter dem Fahrersitz gelegt hatte. Sein Rucksack und der Verbandkasten waren ihm regelrecht entgegengefallen, als er die Hintertür geöffnet hatte.
Er wischte sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn und blickte sich um. Er musste mindestens eine Stunde bewusstlos gewesen sein, denn mittlerweile zeigte sich am Horizont ein milchiger, heller Streifen, sodass es nicht mehr ganz so dunkel war. Zwischen den Bäumen um ihn herum war es jedoch noch immer recht finster. Niklas atmete mehrmals tief durch – zumindest soweit der Schmerz, der zwischen seinen Rippen wühlte, es zuließ – um sein Schwindelgefühl in den Griff zu bekommen. Schließlich richtete er den Lichtstrahl seine Taschenlampe, die im Rucksack gewesen war, auf den Hang und begann mühselig, diesen hinaufzuklettern, um die Straße zu erreichen. Er wusste, dass er niemals bis in die nächste Stadt würde laufen können. Allerdings gab er die Hoffnung nicht auf, dass im Laufe des Tages ein Auto vorbeikommen und ihn mitnehmen würde. Er hatte auch schon versucht, über sein Handy Hilfe zu rufen, musste jedoch feststellen, dass er sich in einem Funkloch befand.
Als Niklas die Straße erreichte, glaubte er, keinen Schritt mehr gehen zu können. Er sackte keuchend auf seine Knie und schaffte es kaum, genügend Sauerstoff in seine Lungen zu pumpen. Der Schmerz, welcher in seiner Seite wühlte, sowie sein hämmernder Kopf waren kaum zu ertragen und zu allem Überfluss rebellierte sein Magen, sodass er glaubte, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
Nur mühsam kam Niklas wieder auf seine Beine und schlürfte mit kleinen Schritten vorwärts. Er war noch nicht weit gekommen, als er ein lautes Krachen hörte und ohne sich umdrehen zu müssen, wusste er, dass die Äste nachgegeben hatten und sein Wagen auf den Boden gestürzt war.
Eine Böe ließ Niklas frösteln und er schaute auf die sich leicht im Wind schaukelnden Baumwipfel. Schließlich blickte er zu den dicken, schwarzgrauen Wolken, die sich drohend am heller werdenden Himmel auftürmten. Er war sich sicher, dass sie gestern Abend noch in eine andere Richtung gezogen waren. Offenbar hatte der Wind sich gedreht. Niklas schüttelte leicht seinen Kopf und fragte sich, wieso er über den Wind nachdachte. Es war doch völlig egal, aus welcher Richtung dieser kam. Oder?
Der junge Mann ließ seinen Blick durch den noch immer dunklen Wald um sich herum schweifen und drehte sich dabei einmal um seine eigene Achse. In seinem Nacken kribbelte es und die feinen Härchen an seinen Armen richteten sich auf – und das nicht nur, weil er fror.
Nach wie vor begrüßten die ersten Vögel zwitschernd den Morgen, doch irgendetwas hatte sich verändert. Niklas hatte das Gefühl, als würde er beobachtet, als sei er nicht mehr alleine. Dank seinem Vater wusste er nur zu gut, welch gefährliche Gestalten in der Dunkelheit unterwegs sein konnten und deswegen hatte er nicht vor, seine Instinkte zu ignorieren. Er richtete seinen Blick wieder zum Himmel und schätzte, dass es noch eine gute halbe Stunde bis zum Sonnenaufgang dauern würde. Hastig setzte der Siebenundzwanzigjährige seinen Rucksack ab und holte eine runde Dose, ein Feuerzeug sowie eine Pistole daraus hervor. Erneut schaute er sich nervös um, da das Gefühl, dass sich ihm jemand näherte, immer stärker wurde. Er öffnete die Dose, in welcher sich ein schwarzes Pulver befand, und begann so schnell er es vermochte, dieses auf den Boden zu schütten. Er bildete einen Kreis von drei Meter Durchmesser um sich herum und entzündete anschließend das Pulver mit dem Feuerzeug. Die Flamme fraß sich rasend schnell die Pulverspur entlang, und Niklas wich in die Mitte des brennenden Kreises zurück, da das Feuer eine starke Hitze entwickelte.
„Darf ich fragen, was das soll?“, ertönte plötzlich eine dunkle, tiefe Stimme hinter Niklas und dieser fuhr erschrocken herum. Er starrte den zwei Meter großen, schlanken Mann an, dessen Haut so weiß war, als wäre sie noch nie von einem Sonnenstrahl berührt worden, und wusste augenblicklich, dass sein Instinkt ihn nicht getrogen hatte.
„Ich habe Vorsichtsmaßnahmen getroffen“, antwortete er mit einer viel schwächeren Stimme, als er es sich gewünscht hätte.
„Vorsichtsmaßnahmen?“, wiederholte der Fremde und schlenderte einige Schritte um das Feuer herum, welches nun, fast einen Meter hoch, leise knisternd vor sich hinloderte.
Niklas nickte und drehte sich mit dem Fremden, der ein schwarzes Hemd trug, das locker über seine ebenfalls schwarze Jeans hing. Er ließ den Mann nicht aus den Augen, während er nach der Pistole griff, die er in seinen Hosenbund geschoben hatte. Die pechschwarzen, schulterlangen Haare des Fremden wehten leicht im Wind und seine bernsteinfarbenen Augen blickten Niklas lauernd an.
„Du glaubst wirklich, dass dieses kleine Feuerchen mich davon abhält, zu dir zu kommen?“
Als Antwort nickte Niklas erneut.

Der Fremde streckte seine Hand aus und hielt sie dem Feuer entgegen, zog sie jedoch sofort wieder zurück, da ihm die Hitze, die er spürte, unangenehm war. Sie hatte nichts von der heimeligen Wärme eines Kaminfeuers. Außerdem machte es ihn stutzig, dass es keine sichtbare Rauchentwicklung gab. Er trat vorsichtshalber drei Schritte zurück und betrachtete neugierig den jungen Mann im Feuerkreis, der ihn nicht aus den Augen ließ und die Pistole auf ihn richtete. Dieser war gute zehn Zentimeter kleiner als er selbst, trug eine blaue Jeans, ein schwarzes T-Shirt, auf dem sich ein großer, feuchter Blutfleck gebildet hatte, und darüber ein offenes, rotkariertes Hemd. Seine gebräunte Gesichtshaut wirkte fahl und war mit einem leichten Schweißfilm bedeckt. An der linken Schläfe des jungen Mannes befand sich eine Schnittwunde, die noch immer leicht blutete – und genau das viele Blut war es, welches den Vampir angezogen hatte; dessen Geruch ihm mit dem drehenden Wind in die Nase gestiegen war.
Seine lodernden, bernsteinfarbenen Augen musterten noch einmal das Feuer und trafen schließlich die moosgrünen von Niklas. Mit einem leichten Knurren in der Stimme stellte er fest:
„Du bist also ein Vampirjäger.“
Ein humorloses Lächeln huschte über Niklas Gesicht, als er antwortete:
„Nein, aber mein Vater war einer. Er hat auch dieses brennbare Pulver erfunden, dessen Feuer selbst einen Vampir umbringt, sollte er hineinfallen.“ Im Stillen fügte er hinzu: ‚Oder genügend von dem Zeug einatmet, welches das brennende Pulver freisetzt.
Ihn selbst würde die chemische Mischung nicht umbringen, allerdings auch nicht ohne Auswirkung bleiben. Dabei war ihm auch so schon übel und schwindelig genug.
Der Vampir rieb mit dem Knöchel seines Daumens nachdenklich über seine rechte Augenbraue und sinnierte:
„So, so, dein Vater. Verrätst du mir seinen Namen?“
Als Niklas schwieg, fuhr der Vampir fort:
„Aber deinen Namen verrätst du mir doch, oder?“
„Niklas“, antwortete der Gefragte zögernd und wischte sich mit der freien Hand über die Stirn. Er hatte Schmerzen und fühlte sich alles andere als gut. Er warf einen kurzen Blick zum Himmel und hoffte, dass die Sonne bald aufgehen würde.
Der Vampir bemerkte den Blick und lächelte, wobei seine spitzen, langen Eckzähne zum Vorschein kamen.
„Brennt dein Feuerchen bis zum Sonnenaufgang?“
Wieder nickte Niklas und der Vampir fuhr fort:
„Was, wenn ich einfach über das Feuer hinwegspringe, ohne es zu berühren?“
„Dann hoffe ich, dass ich es schaffe, dir eine Silberkugel zu verpassen. Mir ist zwar klar, dass eine einzige Kugel dich nicht umbringen würde, aber vielleicht fällst du ja vor Schmerzen rücklings in das Feuer.“
Der Vampir spürte, dass der junge Mann ihm etwas verschwieg, was ihn jedoch nicht verwunderte. Schließlich wäre es dumm, alle Karten offen auszuspielen. Er trat vorsichtshalber weitere zwei Schritte zurück und erklärte:
„Ich gebe zu, dass ich keinen Wert darauf lege, dein Feuerchen auszuprobieren und außerdem hasse ich Silberkugeln. Allerdings frage ich mich, was du eigentlich vorhast. Ich habe deinen zertrümmerten Wagen gesehen. Du glaubst doch nicht ernsthaft, bis zur nächsten Stadt laufen zu können.“
Er richtete seinen Blick demonstrativ auf das blutdurchtränkte T-Shirt von Niklas und leckte sich über seine blassroten Lippen. „Ich könnte dir helfen.“
„Klar, mich noch schneller dem Tod näher zu bringen. Nein danke.“
Die bernsteinfarbenen Augen des Vampirs blitzten belustigt auf, doch dann zog er seine Augenbrauen leicht zusammen und meinte:
„Ich möchte noch immer wissen, wer dein Vater ist. Da ich, glaube ich zumindest, alle Vampirjäger kenne, die um die Zeit deiner Geburt herum Europa unsicher gemacht haben, beginne ich mal mit dem Ausschlussverfahren. Soviel ich weiß, haben nur fünf der Jäger Nachwuchs gezeugt.“
Er blickte Niklas an und mit einem spöttischen Lächeln zeigte er erneut seine Eckzähne.
„Offenbar haben die meisten Vampirjäger etwas anderes zu tun, als Kinder in die Welt zu setzen.“
Als Niklas darauf nicht reagierte, fuhr der Vampir mit seinen Ausführungen fort:
„Also, drei der fünf Nachkommen sind weiblich. Die fallen schon einmal weg, da du ja ganz offensichtlich männlich bist. Der Sohn von Mike Rendal ist bei einer Vampirjagd umgekommen, bleibt also nur noch der Jäger Marcel Maelzer übrig.“
In den Augen des Vampirs blitzte es triumphierend auf.
„Dein voller Name ist also Niklas Maelzer.“
„Und wenn schon“, antworte Niklas, der sich im Stillen darüber wunderte, warum der Vampir so ein Interesse an seinem Vater hatte.
„Da ich nun deinen Namen kenne, werde ich mich ebenfalls vorstellen.“
Ohne Niklas aus den Augen zu lassen, senkte der Vampir leicht seinen Kopf und erklärte mit Stolz in der Stimme:
„Ich wurde vor 361 Jahren verwandelt und bin 400 Jahre alt. Mein Name ist Lyonel Gelanis.“
Er beobachte Niklas genau, ob sein Name eine Reaktion bei diesem auslöste, doch der junge Mann erweckte den Eindruck, noch nie etwas von ihm gehört zu haben.
„Deine Eltern haben dir nichts von mir erzählt?“, frage er leise und Niklas glaubte, Enttäuschung in seiner Stimme mitschwingen zu hören.
„Nein“, antwortete er und sackte, obwohl er es nicht wollte und verbissen dagegen ankämpfte, schwer atmend auf seine Knie, da das Stehen ihm immer schwerer fiel.
Lyonel beobachtete ihn, kommentierte den Zusammenbruch von Niklas jedoch nicht, sondern fragte:
„Du hast in der Vergangenheitsform von deinem Vater gesprochen, ist er gestorben?“
Niklas blickte zu ihm auf und es dauerte eine Weile, bis er antwortete:
„Ja, er wurde getötet. Und bevor du dich jetzt freust und denkst, dass ihn ein Vampir erwischt hat, muss ich dich enttäuschen. Er wurde von zwei Männern umgebracht, die ich dafür töten werde.“
Der Vampir sah den Hass in den moosgrünen Augen des jungen Mannes aufflackern und schüttelte seinen Kopf.
„Du bist also auf einem Rachefeldzug. Ich wünsche dir viel Glück.“
Er schlenderte einige Schritte um den Feuerkreis herum und fragte:
„Geht es deiner Mutter gut?“
„Das geht dich überhaupt nichts an“, zischte Niklas, woraufhin der Vampir leise lachte und meinte:
„Das sehe ich völlig anders.“
Lyonel blickte zum Himmel und seufzte:
„Ich muss jetzt gehen. Bist du sicher, dass du nicht mit mir kommen möchtest? Ich verspreche auch, dir nichts anzutun.“
„Ich bleibe lieber hier“, antwortete Niklas, woraufhin der Vampir bedauernd seinen Kopf schüttelte. Er warf einen Blick auf die Waffe in Niklas zitternder Hand und begutachtete ein weiteres Mal die brennende Barriere. Lyonel überlegte kurz, ob er nicht doch versuchen sollte, diese zu überspringen, entschied sich jedoch dagegen. Er hatte in der Vergangenheit auf schmerzliche Weise lernen müssen, die Erfindungen von Vampirjägern nicht zu unterschätzen. Außerdem war innerhalb des Kreises nicht sonderlich viel Platz und er konnte deutlich sehen, dass Niklas nicht nur seine Verletzungen zu schaffen machten, sondern auch die Auswirkungen der Flammen.
„Du solltest aufpassen, dass du nicht selbst in das Feuer gerätst. Schließlich habe ich noch ein paar Fragen an dich“, knurrte er zum Abschied und wandte sich ab.
Der Vampir entferne sich so schnell, dass Niklas seinen Bewegungen nicht mehr folgen konnte. Der junge Mann atmete erleichtert auf und sackte vollends zu Boden. Er blieb mit angezogenen Beinen auf seiner rechten Seite liegen und bewegte sich erst wieder, als das Feuer um ihn herum erloschen war. Unter größter Kraftanstrengung erhob er sich und wankte die Straße weiter Richtung Stadt. Allerdings kam er nur einhundert Meter weit, dann musste er nach Luft ringend stehend bleiben. Seine Sicht begann zu verschwimmen und sein Magen rebellierte. Sich selbst zu verarzten, den Hang hinaufzuklettern, das Bilden des Feuerkreises sowie das Einatmen der freigesetzten, chemischen Mischung hatten seine letzen Kraftreserven aufgebraucht.
Niklas sank auf seine Knie und fragte sich, ob der Vampir ihm wirklich hatte helfen wollen. Hätte er ihm vertrauen sollen? Er selbst war bis heute noch nie einem Vampir begegnet, war nie mit auf der Jagd gewesen, aber von seinem Vater wusste er, dass nicht alle Vampire blutrünstige Monster waren. Im Gegensatz zu anderen Vampirjägern hatte sein Vater darauf geachtet, wen er jagte und zur Strecke brachte. Allerdings hatte er dennoch immer betont, dass er einem Vampir niemals hundertprozentig vertrauen würde, niemals eine Freundschaft mit einem Blutsauger eingehen würde. Dafür hatte sein Vater zu viele grauenhafte Morde gesehen, für die diese Wesen verantwortlich gewesen waren. Also würde Niklas auch keinem Vampir sein Vertrauen schenken.
Der Siebenundzwanzigjährige schwankte und ihm wurde schwarz vor Augen. Er bemerkte nicht mehr, wie er vollends zu Boden stürzte und sein Bewusstsein verlor.
 
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© Elisa Vordano 2014