Leseprobe von "Elviras Rache"

Kapitel 1: Wieder zu Hause

Niklas atmete tief durch, als sein Flugzeug sicher auf der Landebahn aufsetzte und langsam ausrollte. In Serbien war er mit dem Zug bis nach Belgrad gefahren und dort in das Flugzeug nach München gestiegen.
Fliegen war nicht wirklich Niklas sein Ding. Es machte ihn nervös, obwohl er sich jedes Mal erneut versuchte einzureden, dass seine Angst lächerlich war; denn immerhin war das Flugzeug statistisch gesehen das sicherste Verkehrsmittel der Welt. Aber selbst sein Unfall vor ein paar Tagen hatte nichts daran geändert, dass er das Auto dem Flieger vorzog, egal wie lange die Fahrt dauern würde. Mit seinen Verletzungen war der direkte Weg durch die Luft jedoch der schnellste und bequemste Weg zurück nach Deutschland gewesen.
Als Niklas eine halbe Stunde später seine Reisetasche auf dem Rollband der Gepäckausgabe entdeckte,
griff er frustriert nach der Tasche, da ihm die Wartezeit darauf nervenaufreibend lange vorgekommen war. Die Waffen, die der Siebenundzwanzigjährige für gewöhnlich in seinem Rucksack mit sich herumschleppte, hatte er auf Lyonels Gut zurückgelassen, um Probleme bei der Sicherheitskontrolle der Flugabfertigung zu vermeiden. Sarah wollte sie ihm, wenn sie in zwei Monaten nach Deutschland kommen würde, mitbringen.
Niklas eilte zum Ausgang der Gepäckausgabe und musste nicht lange suchen, bis er seinen besten Freund, Eric Müller, in der Wartehalle entdeckte, der ihm mit einem breiten Grinsen entgegenblickte.
Niklas und Eric hatten sich im Alter von fünf Jahren beim Spielen im Sandkasten getroffen und von da an fast alles gemeinsam gemacht. Egal ob es Schule, Studium, verrückte Experimente oder Streiche gewesen waren – und heute arbeiteten sie zusammen in Niklas’ Firma.
Eric eilte Niklas entgegen, schlug ihm zur Begrüßung auf die Schulter, und musterte einen Moment dessen Gesicht.
„Du hast schon mal gesünder ausgesehen, Alter!“
Der Siebenundzwanzigjährige grinste und betrachtete die nach allen Seiten abstehenden, blonden Haare seines Freundes sowie die dunklen Ringe unter dessen Augen.
„Und du siehst aus, als hättest du die letzte Nacht durchgezockt, Silvo.“
„Mehr oder weniger habe ich das auch“, antwortete Eric, der sich nicht an seinem Spitznamen störte. Diesen hatten seine Freunde während einer Feier von der Rebsorte Silvaner abgeleitet und ihm verpasst, weil er Wein liebte und immer wieder behauptete, der beste Weinkenner Deutschlands zu sein. „Du weißt doch, dass meine Schwester vorgestern Geburtstag hatte und da ist reichlich Alkohol geflossen. Aber keine Angst, durch meine Adern dürfte mittlerweile wieder mehr Blut als Wein fließen. Außerdem habe ich die letzte Nacht nicht besonders viel Schlaf bekommen, bin aber durchaus in der Lage, dich sicher nach Hause zu fahren.“
Niklas nickte und sein Grinsen wurde noch etwas breiter, als er an Erics Schwester Lisa dachte. Die Frau konnte reden wie ein Wasserfall, und da sie ihren Bruder nur sehr selten sah, kostete sie die Zeit mit ihm jedes Mal voll aus, wenn er sich in München aufhielt und sie besuchte. Lisa vertrat die Meinung, dass Eric genügend schlafen konnte, wenn er in seinen eigenen vier Wänden in Lindau war.
„Geht es deiner Schwester gut?“
„O ja, sie strotzt nur so vor Energie“, antwortete Eric und rieb sich über seinen Bauch, der sich leicht unter seinem T-Shirt abzeichnete.
"Du hast doch bestimmt Hunger, oder?“
„Eigentlich nicht.“
„Doch, hast du, und da du bezahlen wirst, schleife ich dich jetzt in ein gutes, teures Restaurant“, bestimmte Eric, fasste nach Niklas' Arm und zog ihn mit sich.
„Warum habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass jeder meint mir vorschreiben zu müssen, was ich zu tun habe“, murrte der Siebenundzwanzigjährige.
„Vielleicht weil du es nicht geschafft hast, dich gegen einen alten Vampir und einer hübschen Frau durchzusetzen?“, antwortete Eric und drehte sich belustigt zu Niklas um, weswegen er eine junge Frau übersah, die zügigen Schrittes seinen Weg kreuzte. Er rannte in sie hinein, woraufhin die Frau taumelte und Mühe hatte, nicht zu Boden zu stürzen.
„He! Können Sie nicht aufp …“, schimpfte sie, unterbrach sich jedoch, als sie Eric anblickte. Das ärgerliche Funkeln aus ihren grünen Augen verschwand und wurde durch ein warmes Lächeln ersetzt. „Wir kennen uns doch! Sie … du bist doch auch öfter mal bei dem Bäcker in Lindau."
„Ä … ja … Tschuldigung“, stammelte der Angesprochene, während ihm das Blut ins Gesicht schoss.
„Ich heiße übrigens Miriam“, fuhr die Frau fort und streckte ihre Hand aus, die Niklas nach kurzem Zögern ergriff, da sein Freund sich nicht rührte und Miriam anstarrte, als sei sie das achte Weltwunder – was er ihm nicht verübeln konnte, denn die Frau sah mit ihren auf Kinnlänge geschnittenen, leuchtend roten Haaren und ihren Sommersprossen umwerfend aus. Ihr wohlgeformter Körper, der in einem Kostüm steckte, welches ihre Figur perfekt zur Geltung brachte, tat sein Übriges.
„Ich bin Niklas und mein versteinerter Freund heißt Eric. Wenn er Ihnen das nächste Mal bei dem Bäcker über den Weg läuft, spendiert er Ihnen einen Kaffee.“
„Das wäre sehr nett von ihm“, meinte Miriam und betrachtete mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen Niklas’ lädierte Schläfe. „Ich hoffe, daran ist nicht Ihr Freund Schuld, weil er andauernd blind durch die Gegend läuft und Leute umrennt.“
„Nein“, lachte Niklas. „Er ist zwar manchmal etwas abwesend, aber damit hat er nichts zu tun.“
„Ä ... hallo! ER kann euch hören“, meldete sich Eric unsicher zu Wort, der allmählich aus seiner Schockstarre erwachte.
„Das ist beruhigend zu wissen, denn dann hast du ja gehört, dass du mir bei unserer nächsten Begegnung einen Kaffee spendieren musst“, meinte Miriam lächelnd und blickte auf ihre Uhr. „Ich freue mich sehr, dass wir endlich einmal miteinander gesprochen haben. Leider habe ich es etwas eilig, aber ich hoffe, dass wir uns in ein paar Tagen beim Bäcker wiedersehen werden.“
„Bestimmt“, brachte Eric hervor und reichte ihr zum Abschied zögernd die Hand. Miriam ergriff sie kurz und stürmte anschließend davon.
Niklas beobachtete, wie sich – in dem Moment, als sie Erics Hand berührte – auch auf ihrem Gesicht Verlegenheit ausbreitete und blickte ihr kopfschüttelnd hinterher. Als sie sich noch einmal umdrehte, griff Eric nach Niklas’ Arm, zog ihn erneut hinter sich her, und zischte:
„Nun starr sie doch nicht so an. Was soll sie denn von uns denken.“
„Dass du an ihr interessiert bist?“
Eric blieb stehen und fuhr sich durch seine verwuschelten Haare.
"Du glaubst doch nicht, dass ich bei so einer Frau auch nur den Hauch einer Chance hätte. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass sie mich bei dem Bäcker überhaupt wahrgenommen hat.“
„Das hat sie eindeutig. Wie lange bist du schon verknallt in die Frau und traust dich nicht, sie anzusprechen?“
Eric antwortete nicht, sondern ging einfach weiter. Niklas folgte ihm und rief:
„Nun sag schon! Immerhin bin ich dein bester Freund.“
„Erst drei Monate!“, zischte Eric über seine Schulter in Niklas Richtung. „Und nun lass uns endlich etwas essen gehen.“
Eric steuerte zielstrebig ein teures, italienisches Restaurant an und hielt seinem Freund mit einem vielsagenden Grinsen die Tür auf, welches diesem eindeutig signalisierte, dass die Rechnung für ihn hoch werden würde.

Zwei Stunden später befanden sie sich auf der A 96 Richtung Lindau und eine weitere halbe Stunde später warf Eric seinem Freund einen Seitenblick zu, als er dessen leises Schnarchen vernahm. Er stieß einen leisen, dankbaren Seufzer aus, denn er war heilfroh, dass Niklas die Jagd nach den Mördern seines Vaters einigermaßen gesund überstanden hatte. Eric hatte sich ernsthafte Sorgen um seinen Freund gemacht und ihm nicht nur einmal angeboten, ihn bei seiner Suche zu begleiten – doch davon hatte Niklas nichts wissen wollen.
Eric war der Einzige aus Niklas’ Freundeskreis, der wusste, dass dessen Vater ein Vampirjäger gewesen war, und somit, dass es Vampire gab. Eine Tatsache, die dem jungen Mann Angst einjagte. Er hoffte, niemals so einem Wesen der Nacht über den Weg zu laufen, denn er glaubte nicht, dass eine Begegnung gesund für ihn sein würde. Allerdings empfand Eric Lyonel gegenüber Dankbarkeit, denn ohne den vierhundert Jahre alten Vampir hätte er seinen besten Freund wohl nicht mehr lebend wiedergesehen. Dass sich dieser Vampir in Rachel, Niklas’ Mutter, verguckt hatte, beunruhigte ihn jedoch sehr. Eric hoffte, dass Niklas sich täuschte und Lyonel nicht zusammen mit Sarah in Lindau aufkreuzen würde.
Bei dem Gedanken an Sarah umspielte Erics Lippen ein Lächeln und er warf seinem Freund einen weiteren Seitenblick zu. Er brannte darauf, die Frau kennenzulernen, die Niklas den Kopf verdreht hatte. Das gab dieser zwar nicht zu, aber Eric kannte seinen Freund lange genug, um an dessen Blick zu erkennen, was er für Sarah empfand, wenn er von ihr redete – und wie nervös diese Gefühle ihn machten.

Als die beiden Freunde in Lindau ankamen, war es bereits dunkel. Niklas bewohnte im Stadtteil Reutin eine kleine 3-Zimmer-Mietwohnung mit Balkon, von dem aus er einen fantastischen Blick auf den Bodensee sowie die Schweizer- und Österreichischen Alpen hatte.
„Tja, wie versprochen und befürchtet wartet deine Mutter auf dich“, meinte Eric, als er Rachels Wagen vor dem Mehrfamilienhaus entdeckte. „Wenn du sie nicht belügen möchtest, wirst du ihr wohl noch heute von Lyonel erzählen müssen.“
Niklas, der genau aus diesem Grund seit gut einer Stunde immer unruhiger geworden war und auch nicht mehr hatte schlafen können, rieb sich frustriert durch seine Augen.
„Am liebsten würde ich den Vampir mit keiner einzigen Silbe erwähnen, aber da ich davon ausgehe, dass er hier aufkreuzen wird, werde ich wohl nicht um die Wahrheit herumkommen.“
„Soll ich mit reinkommen und dir Händchen halten?“, foppte Eric seinen Freund, doch das Verständnis für Niklas’ Sorgen, welches in seinen Augen zu lesen war, stand im krassen Widerspruch zu den spöttischen Worten.
Deswegen lächelte Niklas nur gequält und stieg aus, als Eric den Wagen anhielt. Er griff nach seiner Reisetasche sowie seinem Rucksack und meinte:
„Danke, dass du mich gefahren hast, Silvo. Sehen wir uns morgen?“
„Natürlich, ich komme zum Frühstück und bringe Brötchen mit.“
Niklas stellte seine Tasche auf den Bürgersteig und blickte in den Wagen.
„Aber nicht vor zwölf Uhr.“
„Auf keinen Fall, Alter. Hast du vergessen, dass morgen Sonntag ist? Ich komme um dreizehn Uhr.“
„Gut“, bring mir ein Croissant mit“, meinte Niklas und schlug, ohne eine Antwort abzuwarten, die Autotür zu. Er hob zum Abschied kurz seine Hand, griff nach seiner Tasche und ging zur Haustür.
Eric blickte ihm einige Sekunden hinterher, und bevor er davonfuhr, murmelte er:
„Na dann viel Spaß, Kumpel.“

Niklas stieg die Treppen bis zur ersten Etage hinauf und ging den zehn Meter langen Flur entlang, an dessen Ende sich die Eingangstür zu seiner Wohnung befand. Er blickte zu der Wärmebildkamera, die gut getarnt zwischen einem üppigen, künstlichen Blumenarrangement steckte. Die Kamera übertrug die aufgenommenen Wärmebilder direkt an einen PC in der Wohnung. Da die Körpertemperatur von Vampiren niedriger war, als die von Menschen, konnte der Betrachter der Bilder – nachdem ihn ein dezenter Alarmton auf eine Annäherung aufmerksam gemacht hatte – sofort erkennen, was sich der Wohnung näherte. Niklas ging davon aus, dass seine Mutter den PC eingeschaltet hatte und lächelte in die Kamera, obwohl er genau wusste, dass sie das auf dem Wärmebild nicht sehen konnte.
Wenn man mit einem Vater aufgewachsen war, der einer Gruppe von Vampirjägern angehört hatte, die von einer geheimnisvollen Organisation mit genügend Geld und den neuesten, technischen Geräten ausgestattet wurde, war eine Wärmebildkamera vor der eigenen Tür etwas völlig normales. Genauso normal war es auch, dass die Wohnungstür sich nur durch einen gespeicherten Daumenabdruck und einem Code öffnen ließ. Niklas’ Eingangstür konnten nur er selbst, seine Vermieterin – die eine alte Freundin der Familie war – seine Mutter und Eric ohne Gewaltanwendung öffnen. Natürlich waren auch die Fenster und die Balkontür an das Alarmsystem angeschlossen.

Noch bevor Niklas seine Wohnungstür erreichte, wurde diese aufgerissen und seine Mutter stürmte auf ihn zu. Er ließ seine Reisetasche fallen, damit er sie in seine Arme schließen konnte.
Rachel klammerte sich für einige Sekunden stumm an ihren Sohn und dann schob sie ihn auf Armeslänge von sich, damit sie hinauf in sein Gesicht blicken konnte. Sie legte eine Hand auf seine Wange, schlang jedoch gleich darauf wieder ihre Arme um ihn und flüsterte:
„Ich bin so dankbar, dass du wieder zurück bist. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn du bei deiner Jagd umgekommen wärst.“
„Ich weiß, Mum“, murmelte Niklas, während er seine Mutter für einen Moment an sich drückte und sie anschließend sanft von sich schob. „Komm, lass uns rein gehen.“
Rachel nickte und wischte sich schnell ihre Tränen aus den Augen, die sie nicht hatte zurückhalten können. Zu groß war im vergangenen Jahr die Angst um ihren Sohn gewesen und sie konnte es auch jetzt noch nicht glauben, dass sein Rachefeldzug vorüber sein sollte, dass die Mörder ihres Mannes tot sein sollten. Sie brannte darauf zu erfahren, wer sie getötet, und vor allem, warum dieser jemand sich in Niklas’ hasserfüllten Feldzug eingemischt hatte.
„Ich mache uns jetzt einen Tee und dann möchte ich von dir wissen, was du mir am Telefon verschwiegen hast“, sagte Rachel mit belegter Stimme, während sie vor Niklas die Wohnung betrat und in die Küche eilte.
Da der Siebenundzwanzigjährige wusste, dass er keine Chance hatte, das Gespräch auf den nächsten Tag zu verschieben, nickte er nur und ging in das Wohnzimmer, um dort auf seine Mutter zu warten.
„Welchen Tee möchtest du?“, rief Rachel. „Himbeergeschmack mit Vanillearoma oder lieber Erdbeerrhabarbergeschmack.“
„Den mit Himbeeren“, antwortete Niklas und ließ sich auf sein Sofa fallen.

Weder er noch seine Mutter ahnten, dass sie belauscht wurden.
***
Die kleine Motorjacht lag im Hafen von Lindau vor Anker und schaukelte sanft im Wasser. Als Elvira Niklas’ Stimme aus dem Empfänger hörte, wandte sie ihren Kopf ein wenig und schenkte dem Mann, der neben ihr im Bett lag, ein Lächeln.
„Der ist ja schneller zurück, als ich dachte. Gut, dass du gestern schon die Wanze in die Handtasche seiner Mutter geschmuggelt hast.“
Adrian drehte sich auf seine Seite und richtete sich etwas auf, indem er sich auf seinen Ellenbogen abstützte. Er lächelte zurück und strich Elvira eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.
Adrian war Privatdetektiv und von Elvira vor drei Tagen angagiert worden. Sie hatte ihm eine KFZ-Nummer gegeben und er sollte herausfinden, auf wen diese zugelassen war. Schon nach kurzer Zeit hatte er seiner Kundin den Namen des Fahrzeughalters, Niklas Maelzer, sowie dessen Anschrift nennen können, woraufhin Elvira ihn beauftragt hatte, den Mann zu observieren. Adrian hatte zuerst vorgehabt, Wanzen in Niklas Wohnung zu verstecken, davon jedoch Abstand genommen, als ihm die Alarmanlage aufgefallen war. Da er als Profi auch Niklas Umfeld unter die Lupe genommen hatte und deshalb genau wusste, mit wem dieser Umgang hatte und was er beruflich tat, war ihm die Idee gekommen, der Mutter seiner Zielperson eine Wanze unterzujubeln. Ein kleiner Anrempler in einem Einkaufszentrum hatte genügt, um die Wanze in die Handtasche von Rachel Maelzer zu bugsieren. Aus Erfahrung wusste Adrian, dass Frauen ihre Handtaschen nicht jeden Tag ausräumten und erstaunliche Dinge – von denen in seinen Augen das meiste Müll war – mit sich herumtrugen. Er hoffte, dass Niklas Mutter keine Ausnahme war und sie die Wanze vorläufig nicht entdecken würde. Bis jetzt ging sein Plan wunderbar auf, denn wie erhofft, wartete Rachel auf die Rückkehr ihres Sohnes in dessen Wohnung und natürlich hatte sie ihre Handtasche dabei.
„Verrätst du mir jetzt den Grund, warum du den Mann beschattest?“
„Da ich dich bezahle, geht dich das nichts an“, meinte Elvira, doch ihr Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe.
„Ja“, flüsterte Adrian und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, um sich anschließend zärtlich ihren Hals hinunterzuarbeiten. Zwischen seinen Küssen murmelte er: „Aber ich möchte gar kein Geld von dir. Alles, was ich möchte, ist, mit dir zusammen zu sein, denn du bist unbezahlbar und wunderschön. Ich würde alles für dich tun.“
„Das ist gut zu wissen“, schnurrte Elvira und ließ ihre Hand über den durchtrainierten Bauch des Fünfunddreißigjährigen wandern. „Ich werde dich an dein Angebot erinnern.“
„Jederzeit“, flüsterte Adrian, knabberte an ihrem Ohrläppchen und nuschelte: „Also, warum beschattest du ihn?“
„Ehrlich gesagt wollte er mich umbringen und das wird er noch bitter bereuen“, antwortete Elvira und in ihre Augen schlich sich etwas Kaltes, Unheimliches, was Adrian einen fröstelnden Schauer über die Haut laufen ließ. Er hatte diesen Blick noch nie bei Elvira gesehen und zog sich etwas von ihr zurück. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er nichts über diese Frau wusste, was für seinen Beruf völlig untypisch war. Für ihn war nur von Bedeutung gewesen, dass sie ihm eindeutige Avancen gemacht hatte und er war nur zu gerne darauf eingegangen. Elviras Schönheit und Anmut faszinierten ihn und er hatte sich eingeredet, dass er später noch immer Informationen über sie würde einholen können.
„Was ist los?“, fragte Elvira und streichelte ihm durch seine dunkelblonden Haare.
„Nichts … du … du hast eben nur so kalt gewirkt.“
„Ist das ein Wunder? Der Mann wollte mich auf grauenvolle Weise töten.“
„Aber warum?“
Elvira wandte ihr Gesicht von Adrian ab, da sie es nicht verhindern konnte, dass ihre Fangzähne aus dem Kiefer fuhren. Die Erinnerung, wie Niklas ihr das Pulver ins Gesicht geschmissen und dieses anschließend durch einen Schuss hatte entzünden wollen, entfachte eine Wut in ihr, die sie kaum noch zügeln konnte – und nur zu gerne hätte sie ihren Zorn an Adrian ausgelassen. Sie freute sich schon jetzt auf das Entsetzen in seinem Gesicht, wenn sie ihm ihr wahres Wesen offenbaren würde, aber noch war es nicht so weit. Deswegen stand sie auf, ohne den Detektiv anzusehen, um in das kleine Bad zu gehen und sich zu beruhigen. Mit möglichst trauriger Stimme erklärte sie:
„Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen … es war einfach zu entsetzlich. Entschuldige bitte. Ich … gehe kurz ins Bad … um mich ein wenig zu fassen.“
Als plötzlich aus dem Empfangsgerät Rachels Stimme ertönte und etwas vom fertigen Tee erzählte, fügte sie hinzu:
„Mach doch bitte eine Flasche Sekt auf. Ich bin schon ganz gespannt, was Niklas seiner Mutter zu berichten hat. Deine Nähe und ein wenig Alkohol werden mir sicher über meine Furcht hinweghelfen, wenn ich seine Stimme höre.“
Adrian blickte ihr mit einem beklemmenden Gefühl hinterher, ohne ihrem nackten Körper Beachtung zu schenken. Elvira verbarg etwas vor ihm und das machte ihn nervös.
Als sie die Badezimmertür hinter sich schloss, stand Adrian auf, zog sich seine Boxershorts über und holte unsicher eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. Sein Instinkt sagte ihm, dass er schnellstens verschwinden sollte, doch er schüttelte über sich selbst den Kopf. Seine Gefühle waren lächerlich. Diese zierliche, anmutige Frau konnte ihm unmöglich gefährlich werden, denn schließlich war er viel stärker als sie. Was also sollte ihm passieren?

***

Rachel setzte sich auf einen Sessel gegenüber dem Sofa und musterte das Gesicht ihres Sohnes. Als ihr Blick schließlich hinunter zu Niklas Rippen wanderte, hob dieser abwehrend eine Hand und meinte:
„Ich weiß, dass du jetzt am liebsten nach meiner Verletzung sehen würdest, aber mir geht es wirklich gut, Mum. Martin hat mich ausgezeichnet verarztet und ich bin schon genug von ihm und Sarah bemuttert worden.“
Rachel zog ein wenig belustigt ihre Augenbrauen hoch und meinte:
„Wenn das so ist, kannst du mir jetzt ja erzählen, was du mir am Telefon verschwiegen hast.“
„Gibt es eine Chance, das Gespräch auf morgen zu verschieben?“
„Nein, zumal du mir selbst bestätigt hast, dass es dir gut geht … ist es denn so schlimm für dich, darüber zu sprechen?“
Niklas schüttelte seinen Kopf und erklärte:
„Ich mache mir eher Sorgen um dich.“
„Um mich?“, fragte Rachel erstaunt und lehnte sich zurück. Sie starrte ihren Sohn eine Weile an und schließlich wollte sie wissen:
„Wem bist du begegnet, Niklas?“
Der Gefragte rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her, bis er schließlich tief durchatmete und den Namen des vierhundert Jahre alten Vampirs ausstieß:
„Lyonel!“
Rachels Augen weiteten sich ungläubig und sie schlug ihre Hand vor den Mund. Sie starrte Niklas an, als sei er ein Geist und sprang plötzlich auf, da sie nicht mehr still sitzen bleiben konnte. Sie eilte zur Balkontür, öffnete diese und trat nach draußen, um tief die frische Nachtluft einzuatmen.
Lyonel! Rachel hätte nicht gedacht, jemals wieder von ihm zu hören. Wie oft hatte sie heimlich den Ring, welchen er ihr geschenkt hatte, hervorgeholt und an ihn gedacht; von ihm geträumt und jedes Mal ein schlechtes Gewissen ihrem Mann gegenüber gehabt – den sie geliebt hatte. Genauso wie Lyonel, doch ihre Gefühle für den Vampir hatte sie tief in sich verschlossen, oder zumindest hatte sie es versucht. Sie hatte sich für Marcel entschieden und nicht für Lyonel, weil dieser ein Wesen der Nacht war und sie Angst vor einer Beziehung mit ihm gehabt hatte … und noch immer hatte.

Niklas blickte durch die Balkontür zu seiner Mutter, blieb allerdings, wo er war. Er konnte gut nachvollziehen, dass sie einen Moment für sich benötigte, und wartete geduldig, bis sie wieder hereinkam.
Rachel war blass und in ihren moosgrünen Augen lag eine Unruhe, die sich auf ihren ganzen Körper übertrug. Sie setzte sich und griff mit zitternden Händen nach ihrer Teetasse. Sie starrte auf das rötliche Gebräu und bat Niklas mit zittriger Stimme:
„Erzählst du mir alles von Anfang an?“
„Natürlich“, meinte dieser und begann ausführlich, seine Erlebnisse in Serbien zu schildern. Von seinem Unfall, der Begegnung mit Lyonel und Elvira sowie Martin und Sarah. Er erzählte Rachel alles, was Lyonel ihm gesagt hatte und auch, wie der Vampir Marcels Mörder getötet hatte. Das Tatmotiv der beiden Männer verschwieg Niklas jedoch, da er der Meinung war, dass es nicht gut für seine Mutter sein würde, wenn sie den wirklichen Grund für den Mord an ihrem Ehemann erfuhr.
Rachel hörte zu, ohne ihren Sohn zu unterbrechen, und als er mit seinen Schilderungen fertig war, schloss sie ihre Augen und sagte leise:
„Ich stehe tief in Lyonels Schuld. Nicht nur, dass er uns gerettet hat, als ich mit dir in Umständen war, nein, nun hat er auch noch Sorge dafür getragen, dass mir nicht das Wertvollste in meinem Leben genommen wird. Ich habe noch immer Probleme, Marcels Tod zu verkraften, aber er lebt in dir weiter. Du bist sein Sohn, unser Kind. Deswegen würde ich über deinen Tod niemals hinwegkommen.“
Darauf sagte Niklas nichts und beide schwiegen eine Weile. Plötzlich fragte Rachel:
„Und du bist sicher, dass Lyonel hierher kommen wird?“
Niklas fuhr sich durch seine dunklen Haare und stieß unglücklich ein „Ja“, hervor.
„Aber warum?“, fragte Rachel fast ängstlich. „Es kann doch unmöglich sein, dass er noch etwas von mir wissen möchte. Ich meine, immerhin bin ich schon siebenundvierzig Jahre alt.“
„Ja und? Er ist vierhundert Jahre alt, Mum!“
„Was ich meine ist, dass ich bestimmt älter aussehe als Lyonel“, erklärte Rachel.
„Tust du nicht und ich glaube, dass du das ganz genau weißt“, konterte Niklas. Er erhob sich vom Sofa und begann, unruhig durch sein Wohnzimmer zu tigern. „Du kannst locker mit den fünfunddreißigjährigen Frauen mithalten, denn du siehst mindestens zehn Jahre jünger aus, als du wirklich bist. Bisher habe ich immer geglaubt, dass du noch so klasse aussiehst, weil du dich gesund ernährst und Sport treibst; aber mir ist auf dem Rückweg von Serbien der Gedanke gekommen, dass dein junges Aussehen eine ganz andere Ursache haben könnte.“
Er stellte seine Wanderung durch das Wohnzimmer ein und sah seine Mutter voller Erwartung an, als müsste sie wissen, was ihm durch den Kopf gegangen war. Diese stieß seufzend die Luft aus und erklärte:
„Es liegt an Lyonels Markierung. Das hast du doch vermutet, oder?“
Niklas nickte und Rachel fuhr fort:
„Bill Gudjan, ein Vampirjäger und Wissenschaftler, den du nicht kennst, hat herausgefunden, dass sich durch den Markierungsbiss eines Vampires bestimmte Gene des betroffenen Menschen verändern, die Einfluss auf das Altern und die Lebenserwartung haben. Außerdem hat er herausgefunden, dass Menschen, die sich hin und wieder freiwillig von einem Vampir beißen lassen und ihm ihr Blut geben, ebenfalls langsamer altern und dadurch länger leben. Allerdings konnte er noch nicht herausfinden, um wie viele Jahre der Alterungsprozess eines Menschen hinausgezögert wird. Zuletzt ist Bill davon ausgegangen, dass es von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist und es bis zu dreißig Jahre sein könnten.“
Niklas setzte sich wieder auf das Sofa und berührte mit den Fingerspitzen die Stelle seines Halses, in die Lyonel seine Zähne geschlagen hatte.
„Es könnte also sein, dass ich durch den Biss zehn Jahre an Lebenszeit dazubekommen habe?“
Rachel nickte bestätigend.
„Das ist beängstigend und faszinierend zugleich“, murmelte Niklas und lehnte sich zurück. „Ich könnte mir vorstellen, dass so mancher Wissenschaftler aufgrund dieser Tatsache bereits auf dumme Gedanken gekommen ist, und Versuche an Menschen und Vampire durchführt, um die menschlichen Gene zu verändern und den Alterungsprozess aufzuhalten."
„Dein Vater hat geglaubt, dass Bill Gudjan schon vor Jahren auf diesen Gedanken gekommen ist und grausame Experimente durchgeführt hat und noch durchführt, aber er konnte ihm nichts nachweisen“, bestätigte Rachel bedrückt die Befürchtung ihres Sohnes. „Außerdem ist Bill seit ungefähr eineinhalb Jahren untergetaucht und angeblich weiß niemand von den anderen Jägern oder der Organisation, wo er ist.“
Niklas schüttelte betroffen seinen Kopf und meinte:
„Manchmal wünschte ich mir, nie etwas von Vampiren gehört zu haben und in Bezug auf dieses Thema genauso sorglos leben zu können, wie der überwiegende Teil der Menschheit es tut.“
Rachel senkte ihren Blick, weil sie sich ein wenig schämte, als sie zugab:
„Ich bin natürlich nicht für diese Experimente. Aber darüber, dass ich jünger aussehe und eine etwas höhere Lebenserwartung habe, weil Lyonel mich gebissen hat, bin ich nicht gerade traurig.“
„Das kann ich dir nicht verübeln“, meinte Niklas, trank seinen kalt geworden Tee aus und schenkte sich nachdenklich eine neue Tasse ein. „Traurig macht mich das auch nicht gerade.“
Rachel schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln und trank ebenfalls ihren Tee aus.

***
Auf der Motorjacht zuckte Adrian zusammen, als er Niklas’ Bericht lauschte und mitbekam, dass die hübsche Frau an seiner Seite ein Vampir sein sollte. Vorsichtig warf er Elvira einen Seitenblick zu, um herauszufinden, wie sie auf diese Offenbarung reagierte, doch sie zeigte keine Regung. Elvira starrte gebannt auf das Empfangsgerät und schenkte ihm keinerlei Beachtung.
Adrian fragte sich, ob er sich vielleicht verhört haben könnte und Niklas überhaupt nichts von Vampiren erzählt hatte, denn eigentlich hielt er Blutsauger für einen Mythos. Leider ging es in dem weiteren Gesprächsverlauf der Belauschten jedoch eindeutig um diese beängstigenden Wesen der Nacht.
Adrian atmete tief durch und rutschte langsam zur Bettkante, doch Elviras leise und dennoch drohend klingende Stimme ließ ihn mitten in der Bewegung innehalten.
„Ich kann deine Angst riechen … und hören, wie dein Herz rast.“
Der Detektiv starrte in Elviras Augen und beobachtete entsetzt, wie sich ihre schwarzen Pupillen im Zeitlupentempo vergrößerten und schließlich fast die gesamte Iris ausfüllten, sodass nur noch ein kleiner, blauer Rand von dieser zu sehen war. Elviras Augen glitzerten dabei bedrohlich und Adrian musste unwillkürlich an ein lauerndes Raubtier denken, welches kurz vor dem tödlichen Sprung war. Als Elvira plötzlich, mit einem bösartigen Fauchen, ihren Mund aufriss und ihre langen Fänge entblößte, sprang Adrian mit einem Schrei auf und hechtete zur Tür, die in den oberen Teil des Bootes führte. Doch noch bevor er diese erreichen konnte, tauchte wie aus dem Nichts die Vampirin vor ihm auf. Elvira schlug ihm so kräftig in sein Gesicht, dass er zurück auf das Bett flog und dort benommen liegen blieb.
Adrian spürte, wie er auf den Bauch gedreht und ihm die Hände auf den Rücken gezogen wurden. Noch bevor er in der Lage war, sich ernsthaft zur Wehr zu setzen, waren seine Hände und Füße gefesselt.
„Bitte“, wisperte er, „lass … mich gehen. Bitte … ich bin doch …“
Noch bevor Adrian den Satz zu Ende sprechen konnte, stopfte Elvira ihm einen aufblasbaren Knebel in den Mund und füllte diesen erbarmungslos damit aus. Er konnte nicht mehr reden und bekam nur noch durch seine Nase Luft.
Elvira riss ihn wieder herum, sodass er auf dem Rücken sowie seinen gefesselten Armen lag, und beugte ihr Gesicht über seines:
„Ich weiß gar nicht, warum du weg möchtest, Adrian. Du hast doch eben selbst gesagt, dass du alles für mich tun würdest. Du darfst jetzt für mich sterben und meinen Hunger mit deinem warmen, köstlichen Blut stillen. Und versuch nicht so laut zu stöhnen, denn ich möchte doch noch das Gespräch von Niklas und seiner Mutter hören können.“
Elvira lächelte bösartig und drückte den Nagel ihres Zeigefingers in Adrians Brust bis Blut hervorquoll und dann zog sie ihren Nagel bedächtig zehn Zentimeter weiter durch sein Fleisch. Adrians Körper bäumte sich auf, doch Elvira lachte nur, beugte sich vor und leckte genussvoll das warme Blut von seiner Brust.
Als Adrian nach vier Stunden seine letzten Atemzüge tat und dennoch Elviras Zähne in seinem Hals spürte, empfing er den Tod mit offenen Armen - und fand in den Tiefen des Bodensees sein Grab. Elvira hatte ihm nicht nur Schmerzen zugefügt und seinen Körper mit zahlreichen Wunden übersät, sie hatte ihn auch sexuell erniedrigt und gequält. Seine Marter war ein zum Leben erwachter Albtraum gewesen.
Nachdem Elvira hinaus auf den See gefahren war und den Leichnam entsorgt hatte, ging sie unter die Dusche. Noch bevor sie Adrians Blut von ihrem Körper gewaschen hatte, war dieser bereits vergessen, denn Elvira dachte schon über ihre weiteren Pläne nach.
Die Vampirin hatte aus dem Gespräch zwischen Niklas und Rachel herausgehört, dass Sarah und Lyonel in gut zwei Monaten nach Lindau kommen würden. Sie hatte also genug Zeit, sich einen Racheplan auszudenken. Lyonel sollte dafür büßen, dass er sie zurückgewiesen hatte, und Niklas dafür, dass er sie fast umgebracht hatte. Sie würde diesen beiden Idioten die Frauen nehmen, die sie liebten, und danach zuerst Lyonel und dann Niklas töten. Oder vielleicht auch umgekehrt. Langsam und qualvoll. Und Elvira wusste auch schon, wer ihr bei der Umsetzung ihres Racheplanes helfen würde.
 
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© Elisa Vordano 2014