Leseprobe von "Exesora"

Kapitel 1: Der Anruf

  David Martinez fuhr erschrocken hoch, als ihn ein lautes, schrilles Geräusch aus seinem Schlaf riss. Er brauchte
  einen Moment, um zu begreifen, dass es das Läuten des Telefons war. Mit einem leisen Stöhnen ließ er sich
  zurückfallen, griff nach seinem Zudeck und zog ihn über seinen Kopf - doch das änderte nichts an dem
  nervtötenden Gebimmel. Dafür lugten nun seine Füße unter der Bettdecke hervor, denn mit seinen 1,87 Metern
  waren die meisten Hotelbettdecken zu kurz für ihn.
  Einige Sekunden lang hegte David die Hoffnung, dass der Anrufer aufgeben würde, wenn er lange genug
  wartete und sich nicht rührte, doch das Telefon klingelte erbarmungslos weiter. Schließlich seufzte er und tastete
  mit geschlossenen Augen nach dem Apparat auf dem Nachttisch. Er nahm den Hörer ab, drückte ihn gegen
sein Ohr und brummte:
„Ja?“
„Hallo David.“
„Dad!?“
David war nicht begeistert.
„Habe ich dich etwa geweckt?“
Statt seinem Vater zu antworten, rieb sich David den Schlaf aus den Augen und blinzelte zum Radiowecker. Es war gerade einmal sechs Uhr! Frustriert strich er sich durch seine dunklen Haare. Er hatte den Abend mit seinem Freund Tim verbracht, den er vom Studium her kannte, und war erst um zwei Uhr ins Bett gekommen.
Tim hatte kurz nach Beendigung des Studiums geheiratet und war seiner Frau nach Colorado gefolgt. In einen kleinen, unspektakulären Ort, etliche Kilometer von Denver entfernt. Vor einer Woche hatte er David angerufen, weil er auf dem Speicher seiner Schwiegereltern ein altes Gemälde gefunden hatte, und ihn gebeten, den Wert des Bildes zu schätzen. David war dieser Bitte nur zu gerne nachgekommen, denn seit er als Zwölfjähriger bei einem Museumsbesuch über einige atemberaubende Landschaftsgemälde aus dem 17. Jahrhundert gestolpert war, hatte ihn die Faszination für diese Kunstwerke nicht mehr losgelassen. Selbst der Spott seiner damaligen Klassenkameraden hatte nichts daran ändern können. Die Suche nach alten Bildern war zu seinem Hobby geworden und mittlerweile hatte David sich ein beträchtliches Wissen auf diesem Gebiet angeeignet.
„David?“
„Was willst du, Dad?“
„Dich um einen Gefallen bitten.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“
Davids Müdigkeit war verflogen und er setzte sich genervt auf.
„Ich habe über ein Jahr lang nichts von dir gehört und jetzt rufst du mich an, damit ich etwas für dich tue?“
Dieses Mal war es Leon, der nicht sofort antwortete, sondern zuerst einmal tief einatmete und danach die Luft langsam wieder ausstieß.
„Hör zu, Junge … ich weiß, dass ich mich lange nicht gemeldet habe und es tut mir leid.“
„Ja, diesen Spruch kenne ich schon! Es tut dir immer leid. Auch, dass ich ohne Vater aufwachsen musste und …“
„Das stimmt nicht ganz“, unterbrach Leon ihn. „Ich habe in deinen Ferien immer etwas mit dir unternommen.“
„Ja, in den Ferien und das letzte Mal, als ich fünfzehn war. Ich bin mir nicht sicher, ob du es mitbekommen hast, aber mittlerweile bin ich neunundzwanzig! Meine Vorstellung von einem heilen Familienleben sieht anders aus. Wenn Elia nicht gewesen wäre, dann …“
„Du weißt genau, warum ich euch alleine gelassen habe, David!“
„Nicht wirklich, Dad. Ich weiß nur, dass du uns verlassen hast, weil du irgendwelche Wesen jagst, die angeblich die Menschheit bedrohen. Den Rest wolltest du mir erzählen, als ich zwanzig wurde. Aber bis heute hast du dich erfolgreich davor gedrückt.“
„Auf Wunsch deiner Mutter, das weißt du genau. Sie möchte, dass du ein normales Leben führst und ich dich nicht mit in meine Jagd hineinziehe.“
„Ja, ja“, antwortete David und rutschte etwas höher, damit er sich mit seinem Rücken gegen die Wand am Kopfende des Bettes lehnen konnte. Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, mit seinem Vater über dieses Thema zu sprechen. Schon gar nicht jetzt und am Telefon. „Ich hoffe, du hast einen guten Grund, dich nach so langer Zeit bei mir zu melden und mich um einen Gefallen zu bitten.“
„Es geht um Elia,“ antwortete Leon ohne Umschweife. „Er wurde während der Jagd verletzt und um seine Wunden behandeln zu können, brauche ich ein paar Pflanzen, die nur an einigen Stellen in Colorados Wäldern wachsen. Ich habe zwar noch einige von den Pflanzen, benötige jedoch Nachschub. Und du bist in Colorado, Junge.“
Davids Magen zog sich zusammen, denn auch wenn er die Wesen, gegen die sein Vater und Elia kämpften, nicht kannte, so wusste er doch genau, wie die Verletzungen, die diese einem Menschen zufügen konnten, aussahen. Als Neunjähriger hatte er, weil er zufällig früher als geplant von der Schule nach Hause gekommen war, solche Wunden am Arm seines Vaters gesehen und dieser Anblick hatte sich tief in sein Gedächtnis gebrannt. Leons Arm hatte ausgesehen, als wäre er mit purer Säure übergossen worden, die sich tief in das Gewebe gefressen hatte. Stellenweise war das rohe Fleisch mit einer grün-bläulichen Masse bedeckt gewesen, die David an flaumigen Schimmel erinnert hatte.
Sein Vater hatte damals mit hohem Fieber gekämpft und auch wenn niemand mit ihm darüber sprechen wollte, war David klar gewesen, dass Leon beinahe gestorben wäre.
Nach diesem Vorfall war sein Vater noch seltener nach Hause gekommen, doch dafür hatte Elia sie immer öfter besucht. Letztendlich war Elia für ihn und seine Mutter da gewesen, hatte sich um sie gekümmert, wann immer er konnte und war für David zu einem Ersatzvater geworden, den er akzeptierte und liebte.
David hatte oft versucht, mit seiner Mutter über das Verhältnis von Elia und seinem Vater zu sprechen, denn immerhin waren die beiden Freunde und Kollegen, doch bis heute weigerte sie sich, darüber zu reden. Auch Elia schwieg eisern. Themen wie sein Vater oder der Kampf gegen diese unheimlichen Wesen waren tabu.
David rieb sich durch seine Augen und fragte:
„Wo finde ich diese Pflanzen?“
„Ich habe an dein Hotel bereits die nötigen Unterlagen und Beschreibungen gefaxt. Du wirst dir einen Geländewagen mieten müssen, denn in dem Landstrich, in den du dich begeben musst, sind die Straßen teilweise nicht asphaltiert und außerdem ist es dort recht einsam. Aber es gibt ein kleines Dorf, wir nennen es Sweet Colorado, das du bis heute Abend erreichen müsstest. Dort lebt eine Frau, Marta, bei der du übernachten kannst. Ich habe dich schon bei ihr angemeldet. Von dort aus musst du dann zu Fuß in die Wälder gehen, um an die Pflanzen zu kommen, wofür du noch einen Tag brauchen wirst. Leider ist der nächste Flughafen von Sweet Colorado auch wieder eine Tagesreise entfernt, sodass du also frühestens in drei … na ja, wohl eher in vier Tagen von Colorado zurück nach Vancouver fliegen kannst. Ich werde versuchen, in fünf oder sechs Tagen bei dir zu Hause vorbeizukommen, um die Pflanzen abzuholen. Sollte ich es selbst nicht schaffen, schicke ich jemand anderen.
„Und bis dahin reichen die Pflanzen, die du noch hast?
„Auf jeden Fall, David. Ich denke, sie reichen auch noch zwei oder drei Tage länger. Aber es hat Elia schlimm erwischt und ich möchte kein Risiko eingehen.“
„Ich auch nicht, Dad“, meinte David und nach einer kurzen Pause fragte er:
„Weiß Mum Bescheid?“
„Ja, ich habe sie angerufen und von ihr habe ich erfahren, dass du in Colorado bist. Sie hat mir auch die Telefonnummer deines Hotels gegeben, da ich dich auf deinem Handy nicht erreichen konnte. Ich brauche dir sicher nicht zu erzählen, dass sie mir die Nummer niemals gegeben hätte, wenn sie sich nicht furchtbare Sorgen um Elia machen würde, oder?“
David schüttelte seinen Kopf, auch wenn Leon das nicht sehen konnte, und fragte sich wieder einmal, wie Elia und sein Vater so gute Freunde sein konnten. Immerhin hatte Elia, wenn man es nüchtern betrachtete, Leon die Frau weggenommen.
David seufzte leise. Er wollte Antworten auf all seine Fragen, doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Deswegen sagte er nur:
„Nein, das musst du nicht.“
Es entstand eine bedrückende Pause, die David schließlich mit leiser, belegter Stimme durchbrach:
 „Dad?“
„Ja, Sohn?“
„Sieh zu, dass Elia das überlebt und gib auch auf dich selbst Acht.“
„Das werde ich … und David?“
„Ja?“
„Du trägst doch noch immer das Armband, oder?“
Unwillkürlich huschten Davids dunkle Augen zu dem zwei Zentimeter breiten Armband an seinem rechten Handgelenk. Es war anthrazitfarben und mit goldenen Fäden durchzogen. David trug es bereits seit seinem zehnten Lebensjahr. Es gehörte zu ihm wie seine Fingernägel. Als er das Armband von seinem Vater bekommen hatte, musste er diesem, seiner Mutter und auch Elia hoch und heilig versprechen, es niemals abzulegen, da es ihn angeblich vor diesen gefährlichen, fremden Wesen schützte. Bis heute hatte David sich daran gehalten, auch wenn das Armband ein weiterer Punkt auf seiner langen Liste mit Fragen war.
Seufzend antwortete er:
„Klar Dad!“
„Gut!“ David glaubte, eine gewisse Erleichterung in der Stimme seines Vaters zu hören. „Wir sehen uns bald, Junge.“
Mit diesen Worten legte Leon auf und David starrte auf den Hörer in seiner Hand. Seine Fantasie verband sich mit den Bildern aus seinem Gedächtnis und er sah Elias entsetzlich zugerichteten, fiebernden Körper vor sich. Das rohe Fleisch, verätztes Gewebe und wuchernden Schimmel. David schüttelte seinen Kopf, um diese schrecklichen Bilder zu vertreiben. Er ließ den Hörer achtlos fallen, sprang aus dem Bett und eilte ins Bad, um zu duschen. Auch wenn sein Vater ihm versichert hatte, dass er vorläufig genug von den Pflanzen hatte, um Elia zu helfen, wollte David keine Zeit verschwenden.

Kapitel 2: Elena

Zwei Stunden später blickte David in den Rückspiegel seines gemieteten Wagens und hob seine Hand, um sich ein letztes Mal von seinem Freund Tim zu verabschieden. Dieser hatte ihn in eine zwanzig Kilometer entfernte Stadt zur nächsten Autovermietung gefahren.
David ließ das kleine Städtchen hinter sich, warf einen Blick auf seine Uhr und stieß leicht genervt die Luft aus. Einen Geländewagen zu mieten war schwieriger gewesen, als er gedacht hatte. Der Händler war ein schmieriger Typ und seine Wagen hatten nicht vertrauenserweckend ausgesehen. Er und Tim hatten überlegt, in die nächste Stadt zu fahren, doch David war zu kribbelig, um weitere Zeit zu verschwenden. Er hoffte inständig, keinen Fehler gemacht zu haben und dass der altersschwache Wagen ihn ohne Probleme bis nach Sweet Colorado bringen würde. Allerdings trug das beängstigende Rattern und Klopfen des Motors nicht zu seiner Beruhigung bei.

Sechs Stunden später verließ David die asphaltierte Straße und bog auf einen Schotterweg ab, der so schmal war, dass kaum zwei Autos nebeneinander passten. Etliche Kilometer vor ihm erstreckte sich ein bewaldeter Gebirgszug, den David nach weiteren zwei Stunden erreichte. Bald war er von dichtem Wald umgeben und die Schotterstraße ging in einen schmalen, unebenen Weg über, der nicht breiter wie der Geländewagen war.
David stoppte und griff nach der provisorischen, gefaxten Karte auf dem Beifahrersitz, um sich zu vergewissern, noch auf dem richtigen Weg zu sein. Laut Karte führte aus der entgegengesetzten Richtung eine weitere Straße nach Sweet Colorado, doch diese Strecke hatte David von Anfang an ausgeschlossen. Er hätte einen Umweg von mindestens drei Stunden in Kauf nehmen müssen, um diese Straße überhaupt erst zu erreichen, doch jetzt fragte er sich, ob es nicht die bessere Alternative gewesen wäre. David legte die Karte zurück auf den Beifahrersitz und tätschelte das Armaturenbrett des Geländewagens:
„Bis jetzt machst du deine Sache wirklich gut und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du auch noch den Rest des Weges durchhalten würdest.“
Langsam fuhr er weiter, nur um festzustellen, dass der Weg noch enger wurde. Niedrig hängende Äste schlugen gegen die Windschutzscheibe und schabten an der Außenseite des Wagens entlang. David schimpfte laut vor sich hin. Es würde ihn nicht wundern, wenn die Karte nicht passte und der Weg mitten im Nichts endete. Doch es ging immer weiter, im ermüdenden Schneckentempo.
Irgendwann schlug David wütend gegen das Lenkrad:
„So ein Mist! Ich kann genauso gut zu Fuß weiter gehen! Du hättest mir ruhig sagen können, dass diese Straße keine Straße ist, Dad!“
Als ob der Geländewagen nur darauf gewartet hätte, dass sein Fahrer endlich die Nerven verlieren würde, stotterte der Motor und erstarb mit einem bockigen Ruck sowie einem lang gezogenen, schrillen Geräusch.
David legte beide Hände auf das Lenkrad und ließ seinen Kopf darauf sinken. So wörtlich hatte er das mit dem ‚zu Fuß gehen’ nun auch wieder nicht gemeint.

Nach zwei erfolglosen Versuchen, den Wagen erneut zu starten und einem längeren Blick auf den verrosteten Motor, packte David einige seiner Sachen in einen Rucksack und marschierte zu Fuß weiter. Laut Karte konnte es nicht mehr allzu weit bis Sweet Colorado sein und David hoffte, dass er dort noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen würde. Falls nicht, würde er die Nacht im Wald verbringen müssen, etwas, worauf David gut verzichten konnte, aber es war auch nichts Neues für ihn. Vor allem Elia hatte dafür gesorgt, dass er durchaus dazu in der Lage war, in der Wildnis zu überleben. Sein väterlicher Freund hatte auch viel Wert darauf gelegt, dass er, seit seiner Jugend, Kampfsport betrieb und seinen Körper durch Schwimmen und Laufen in Form hielt. Einer von Elias Lieblingssprüchen war: Treibe Sport an jedem Ort, dann sehen die Frauen dich sofort!
David lächelte, als er an den Spruch dachte, und schickte ein Stoßgebet für Elia zum Himmel.
Als er einen düsteren, dichten Tannenwald durchquerte, bemerkte er einen Trampelpfad, der links vom Hauptweg abzweigte. David studierte die provisorische Karte und kam zu dem Schluss, dass dieser Pfad eine Abkürzung sein müsste. Als sein Blick auf eine Telefonnummer fiel, die sein Vater auf dem Plan notiert hatte, hinter der ‚Marta’ stand, zog er sein Handy aus der Hosentasche. Da er bei dieser Frau übernachten sollte und sie sicher bereits auf ihn wartete, hielt David es für besser, sich bei ihr zu melden - doch sein Handy hatte keinen Empfang.
„War ja klar“, murmelte er genervt, steckte das Handy wieder weg und betrat den Trampelpfad.
Nach einer Weile ging der Tannenwald in einen Mischwald über und David musste sich durch die im Weg hängenden, dünnen Äste kleinerer Büsche, sowie kniehohe Brennnesseln kämpfen. Obwohl er eine lange Jeans trug, juckten seine Beine bald unangenehm. David war froh, als der Pfad etwas breiter wurde und er eine kleine Lichtung erreichte, die, anstatt mit Brennnesseln, von einem Meer aus gelb und lila blühenden Blumen übersät war.
Er überquerte die Lichtung und blieb, zwei Schritte vor der Stelle, wo der Trampelpfad wieder in den dichten Wald hineinführte, stehen. David atmete tief die würzige Luft ein und ließ seinen Blick über die Lichtung schweifen. Bald würde die Dämmerung einsetzen. Vielleicht sollte er hier übernachten, denn Sweet Colorado würde er sowieso nicht mehr rechtzeitig erreichen. Die Nacht auf dieser Wiese zu verbringen war allemal besser, als in völliger Dunkelheit durch den Wald zu stolpern.
David wollte gerade seinen Rucksack abnehmen, als aus dem Wald hinter ihm eine Männerstimme hallte, die nicht gerade freundlich klang:
„Bleib stehen, du kleines Miststück! Ich kriege dich ja doch!“
David drehte sich hastig um. Äste knackten, Blätter raschelten und im nächsten Moment rannte ein kleines Mädchen in ihn hinein, keuchend nach Atem ringend. Er konnte das Kind gerade noch festhalten und verhindern, dass sie beide das Gleichgewicht verloren.
„Woah! Du hast es aber eilig, Kleine!“
Große, blaue Augen schossen zu ihm empor, gefüllt mit purer Panik. Weitere Geräusche drangen aus dem Wald und David blickte alarmiert auf.
„Bitte, hilf meiner Tochter!“
Was hatte die Kleine da gesagt? David zog irritiert die Stirn kraus und sah erneut in die Augen des Kindes - und zuckte unwillkürlich zusammen. Die Augen des Mädchens waren nun dunkler, loderten unheimlich und starrten ihn an, als wollten sie in die Tiefen seiner Seele blicken. Das waren nicht mehr die Augen eines kleinen Mädchens! Entsetzt stolperte David einen Schritt zurück.
„Ich weiß, das hier ist verwirrend für dich. Aber hilf meiner Tochter, bitte!“
Im Gegensatz zu den Augen war die Stimme des Mädchens nicht horrorhaft. Sie klang flehend, sorgenvoll und kindlich.
Der unheimliche Ausdruck verschwand und David schaute wieder in die panikerfüllten Augen eines siebenjährigen Kindes. Er hatte jedoch keine Zeit, über die verwirrende Szene nachzudenken, denn nun kam ein Mann japsend aus dem Wald gestolpert und blieb abrupt stehen, als er ihn sah. Gleichzeitig rannte das kleine Mädchen um ihn herum und klammerte sich von hinten an seine Beine. Allerdings ließ sie ihn nach einigen Sekunden wieder los, als habe sie es sich doch anders überlegt. David, der an sich herabblickte, konnte gerade noch einen Blick auf ihr rechtes Handgelenk erhaschen und registrierte überrascht, dass sie genauso ein Armband trug, wie er selbst. Doch auch darüber konnte er im Moment nicht nachdenken, denn der Mann, den David auf ungefähr fünfzig Jahre schätzte, erklärte drohend:
„Ich rate dir, zu verschwinden, Junge! Diese Sache hier geht dich nichts an!“
„Da bin ich mir nicht so sicher. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Kleine Angst vor dir hat.“
„Na und?“, der Mann trat drohend zwei Schritte näher, blieb dann allerdings stehen. David war sich sicher, dass es daran lag, dass er selbst einen Kopf größer war als sein Gegenüber und keinen Bierbauch vor sich herschob.
„Hör zu!“, erklärte der Fremde giftig. „Die Mutter dieser Göre ist eine Schlampe! Sie und dieses kleine Miststück haben durchaus verdient, was wir mit ihnen vorhaben. Also verschwinde einfach und vergiss diesen kleinen Zwischenfall.“
Bevor David antworten konnte, dröhnte die Stimme eines weiteren Mannes durch den Wald:
„Bill! Wo bist du? Hast du die Kleine endlich?“
„Wir haben unerwarteten Besuch bekommen!“, rief Davids Gegenüber zurück.
„Ich hole das Gewehr und komme zu dir!“, schrie der andere Mann, woraufhin Bill seine Augen verdrehte.
„Mein Bruder ist nicht unbedingt der Hellste. Aber jetzt weißt du, dass wir eine Waffe haben und deswegen solltest du verschwinden, solange …“
David musste nicht überlegen, was er als Nächstes tun sollte, denn dass er gegen ein Gewehr keine Chance hatte, brauchte ihm niemand zu erklären. Noch während Bill redete, spannte David seine Muskeln an, ging leicht in die Hocke und sprang gleich darauf schwungvoll in die Luft. Sein rechtes Bein schwang nach oben und sein Fuß landete zielsicher im Gesicht des älteren Mannes. Wie ein gefällter Baum fiel Bill auf seinen Rücken und blieb stöhnend liegen.
„Es lebe der Kampfsport!“, knurrte David und drehte sich zu dem Mädchen um.
Diese blickte ihn verängstigt an, zeigte rechts auf den Wald und hauchte zaghaft:
„Mama sagt, wir sollen da lang laufen“.
Ohne auf eine Reaktion von ihm zu warten, rannte das Mädchen los und verschwand zwischen den dicht stehenden Bäumen.
David zuckte mit seinen Schultern und folgte ihr. Die Idee, querfeldein durch den Wald zu laufen, anstatt auf dem Weg zu bleiben, war vielleicht gar nicht so schlecht und die Richtung war ihm herzlich egal. Hauptsache weg von Bill und seinem waffenschwingenden Bruder. Die Kleine war ihm zwar unheimlich, aber David hielt sie nicht für gefährlich. Sie trug, genau wie er, eines der seltenen Armbänder und konnte deswegen nicht zu den Wesen gehören, die sein Vater und Elia jagten. Außerdem hatte er als Kind ein Gespräch zwischen seinem Vater und Elia belauscht, in dem es um Menschen mit besonderen Fähigkeiten gegangen war. Menschen, die in den Geist anderer eindringen konnten und genau das schien die Mutter des Mädchens zu können. Irgendwie stand sie mit der Kleinen in Verbindung und David brannte darauf, diese Frau kennenzulernen. Mit Sicherheit würde sie ihm einige seiner Fragen beantworten können.

Das Mädchen lief zielstrebig durch den Wald, doch plötzlich stoppte sie und wandte sich zu David um. Als er sie erreichte, sah er den Grund dafür. Vor ihnen lag eine zwanzig Meter tiefe Schlucht, durch die sich ein Fluss schlängelte.
„Mama sagt, wir müssen da runter“, meinte das Mädchen und blickte David erwartungsvoll an.
Dieser trat etwas vor und blickte skeptisch den steil abfallenden Hang hinunter. Es gab zwar einige Absätze aus dicken Steinen und genügend Äste, woran er sich würde festhalten können, aber zusammen mit dem Mädchen wollte David diesen Abstieg nicht unbedingt wagen.
„Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist“, murmelte er mehr zu sich selbst und studierte seine Umgebung. „Vielleicht sollten wir uns irgendwo hier oben verstecken.“
„Mama sagt, da unten ist es besser. Du musst mich nur sicher da runter bringen.“
David musterte das Kind und seufzte, als er von Weitem die wütenden Stimmen der beiden Männer hörte.
„Also gut. Verrätst du mir deinen Namen, bevor wir da runter klettern?“
„Ich heiße Elena und meine Mama heißt Nadia. Ich soll dir von ihr sagen, dass sie sich geistig mit mir verbinden kann. Sie kann auch sehen, was ich sehe, aber es ist sehr anstrengend für sie.“
David nickte:
„Darüber müssen wir noch einmal sprechen, wenn wir in Sicherheit sind. Aber jetzt sollten wir uns etwas beeilen.“
Er streckte seine Arme aus und erklärte:
„Wenn wir da runter wollen ist es besser, wenn ich dich trage. Ist das in Ordnung?“
Elena schaute ihn an, spitzte ihre Lippen und nickte schließlich so heftig, dass ihre langen, blonden Locken wippten. Ohne ein weiteres Wort trat sie zu David und ließ sich von ihm hochheben.
„Okay, dann halt dich mal an mir fest“, meinte er, setzte Elena auf seine Hüfte und schlang seinen linken Arm um sie. „Wir beide werden das schon schaffen.“
Davids Herz hämmerte. Er hoffte unten anzukommen, bevor Bill und sein Bruder die Schlucht erreichten.

Kapitel 3: Flucht mit Problemen

Der Abstieg zusammen mit Elena ging leichter, als David befürchtet hatte. Die Kleine schlang ihre Arme um seinen Nacken und klammerte sich wie eine Klette an ihn, sodass David an schwierigen Stellen - zumindest für wenige Sekunden - beide Hände benutzen konnte, um sich festzuhalten. Als sie die Hälfte des Hanges hinter sich gebracht hatten, hörten sie Bills Stimme über sich:
„Glaubst du, die beiden sind hier irgendwo runtergeklettert?“
„Quatsch“, antwortete sein Bruder. „Das ist doch viel zu steil für das Mädchen. Los komm, gehen wir zuerst ein Stück nach links. Sie können noch nicht weit gekommen sein.“
„Wenn Matt noch leben würde, könnte er den Spuren der beiden jetzt im Schlaf folgen. Er war ein verdammt guter Spurenleser“, hörte David Bill sagen, während er sich zusammen mit Elena möglichst eng an eine Felswand presste, um von ihren Verfolgern nicht entdeckt zu werden. „Und da die Mutter dieses nervigen Blags Schuld an seinem Tod ist, werden wir solange suchen, bis wir das Mädchen gefunden haben. Zuerst töten wir den Fremden, dann die Göre und danach ihre Mutter.“
„Das werden wir, Bill. Und ich werde es genießen.“
David spürte, wie ein leichtes Zittern durch Elenas Körper lief, und hörte einen einzelnen, unterdrückten Schluchzer, während sie ihr Gesicht gegen seine Schulter presste. Er drückte das Mädchen etwas fester an sich, streichelte mit seiner freien Hand über ihr Haar, um sie zu beruhigen, ihr die Angst zu nehmen und war sich sicher, dass Elenas Mutter mental dasselbe versuchte.
David war froh, dass Bill und sein Bruder offenbar sehr schlechte Fährtenleser waren, denn obwohl er sich zu Beginn ihres Abstieges bemüht hatte, möglichst keine Fußspuren oder abgebrochene Äste zu hinterlassen, würde ein geschultes Auge ihren zurückgelegten Weg ohne Probleme folgen können. Sein Vater und Elia hätten ihn und Elena jedenfalls schon längst gestellt, wenn sie Jagd auf sie machen würden.
Als David glaubte, dass sich ihre Verfolger weit genug von ihnen entfernt hatten, setzte er den Abstieg fort. Elena klammerte sich noch immer fest an ihn und bewegte sich nicht. Schließlich waren sie nur noch gute drei Meter vom Talboden entfernt, als David keine Möglichkeit mehr fand, weiter nach unten zu klettern - jedenfalls nicht mit dem Kind auf seinem Arm.
„Elena?“, fragte er leise und wartete darauf, dass sie ihn anblickte, doch sie rührte sich nicht.
David seufzte leise, da er nicht wusste, wie er sich dem Mädchen gegenüber verhalten sollte, denn er besaß keinerlei Erfahrung im Umgang mit Kindern. Er war dankbar, dass Elenas Mutter mit ihr in einer mentalen Verbindung stand und sie beruhigen konnte, denn ihm war klar, welch große Angst das Mädchen haben musste. Schließlich folgte er seinem Instinkt und rieb Elena, die ihr Gesicht nach wie vor in seiner Schulter vergrub, tröstend über den Rücken. Möglichst gelassen erklärte er:
„Ich werde dich jetzt auf diesen Felsen hier absetzen und alleine weiterklettern. Wenn ich unten bin, springst du und ich fange dich auf, in Ordnung?“
Es dauerte einen Augenblick, bis Elena ihren Kopf hob und ihn mit großen, tränengefüllten Augen anblickte. Leise schluchzte sie:
„Ich habe Angst.“
Beinahe hätte David geantwortet, dass auch er Angst hatte, doch er besann sich eines Besseren. So ein Geständnis würde Elena nur noch mehr Furcht einjagen.
„Ich weiß, aber wir beide schaffen das schon. Bis jetzt warst du sehr mutig und ich bin stolz auf dich ... und deine Mutter doch ganz bestimmt auch, oder?“
David konnte an Elenas konzentriertem Gesicht und ihrem in sich gekehrten Blick erkennen, dass sie ihrer Mutter lauschte. Schließlich nickte sie und sagte:
„Ja, sie ist auch stolz. Du kannst mich jetzt runterlassen.“
„Gut, antwortete David, setzte Elena ab und kletterte alleine weiter. Als er den Talboden erreichte, blickte er zu dem Mädchen hinauf und streckte ihr seine Arme entgegen.
„Spring!“
Elena starrte ängstlich zu ihm herunter und blieb stocksteif stehen.
„Ich weiß, dass das sehr hoch aussieht, Elena, aber ich werde dich fangen. Es wird dir nichts passieren.“
David beobachtete den Zwiespalt im Gesicht des Mädchens. Sie wollte nicht springen, aber auch nicht alleine auf dem Felsen stehen bleiben. Schließlich meinte sie:
„Mama sagt, du siehst stark genug aus. Sie würde dir sofort in die Arme springen.“
David lachte auf, obwohl die Situation alles andere als lustig war.
„Na, dann komm! Ich fange dich auf, versprochen!“
Elena ging vorsichtig bis zum Rand des Felsens, schloss ihre Augen und sprang. Erst nachdem sie sicher in Davids Armen gelandet war, öffnete sie ihre Augen wieder und schenke ihm ein kleines Lächeln.
„Siehst du, war doch gar nicht schlimm, oder?“
„Nein“, antwortete Elena, doch gleich darauf nahm ihr Gesicht einen konzentrierten Ausdruck an und David wusste, dass sie ihrer Mutter zuhörte.
„Mama sagt, wir müssen den Fluss hinaufgehen. Dort gibt es eine Stelle, wo wir durch das Wasser gehen können.“
David schaute auf den Fluss, der nur acht Meter breit war, dafür aber eine starke Strömung aufwies. Das Wasser kreiselte und wirbelte ungestüm um vereinzelte Steine herum, die im Flussbett lagen.
„Warum sollen wir den Fluss überqueren?“
„Weil es auf der anderen Seite eine Hütte gibt, in der wir sicher sind. Und weil Mama dort hinkommt.“
Elena hatte nicht die Geduld, weitere Fragen zu beantworten. Sie wollte zu ihrer Mutter und zappelte in Davids Armen. Kaum hatte er sie auf dem Boden abgesetzt, rannte sie auch schon los.
David sah ihr kurz hinterher und blickte anschließend zum Rand des Hanges hinauf, um diesen nach Bill und seinem Bruder abzusuchen. Glücklicherweise war von ihnen nichts zu sehen, denn Elena und er gaben auf dem schmalen Pfad, der sich zwischen kleinen Büschen, Steinen und Felsen hindurchschlängelte, ausgezeichnete Zielscheiben ab. Es beruhigte David ein wenig, dass ihre Verfolger flussabwärts gegangen waren und somit in entgegengesetzter Richtung nach ihnen suchten. Außerdem setzte bereits die Dämmerung ein, was die Sichtweite der Brüder einschränkte, aber leider auch ihre. David hoffte, dass sie die Stelle, an der sie den Fluss sicher überqueren konnten, bald erreichen würden, denn dieses im Stockdunkeln zu tun, hielt er nicht für die klügste Idee.
David beeilte sich, Elena, die bereits mehrere Meter vorgelaufen war, zu folgen. Er hatte das Mädchen fast eingeholt, als sie plötzlich abrupt stehen blieb und David stockte der Atem, als er den Grund dafür entdeckte. Mitten auf dem Pfad stand ein großer, silbergrauer Puma über einem toten Hirsch. Die riesige Katze erweckte nicht den Eindruck, als würde sie sich über die Störung durch Elena und David freuen. Der Puma riss fauchend sein Maul auf und entblößte beängstigende Zähne, die in der Dämmerung glänzten. Seine Augen funkelten und mit einem drohenden, menschenähnlichen Schrei setzte er sich in Elenas Richtung in Bewegung. Das Mädchen schrie gellend auf, rannte voller Furcht auf den Fluss zu und sprang auf einen flachen Stein, der aus dem Wasser ragte.
„Elena! Pass auf!“
David rannte hinter ihr her, ohne den Puma aus den Augen zu lassen. Das Tier näherte sich ihnen mit zurückgelegten Ohren und gefletschten Zähnen. Elena geriet in Panik und auch ihrer Mutter gelang es nicht, sie mental zu beruhigen. Das Mädchen sprang auf den nächsten Stein, der vom stürmischen, spritzenden Wasser des Flusses schlüpfrig war - und rutschte aus. Ihr entsetzter Aufschrei erstarb, als sie rücklings im gurgelnden, reißenden Wasser landete und unterging.
David lief ohne zu zögern in den Fluss und griff nach ihr, wurde jedoch augenblicklich durch die Wucht der Strömung von den Beinen gefegt. Es war pures Glück, dass er Elena noch mit einer Hand erwischte, bevor sie beide flussabwärts gerissen wurden.

In der Nähe des Ufers war der Fluss zwar nur einen Meter tief, aber die starke Strömung sorgte dafür, dass David es nicht schaffte, sich aufzurichten und gleichzeitig das Mädchen über Wasser zu halten. Sie gerieten immer weiter in die Mitte des Flusses, schabten über Steine und wurden unter Wasser gedrückt. Erst nach zweihundert Metern ließ die Strömung nach und das Wasser wurde tiefer, sodass David es schaffte, mit Elena an den Rand zu gelangen. Keuchend krabbelten beide ans rettende Ufer, wo sie erschöpft und nach Luft ringend liegen blieben.
’Puma!’, schoss es David nach einigen Atemzügen durch den Kopf und er drehte sich mühsam auf die Seite, um nach dem Tier Ausschau zu halten, konnte es jedoch nicht entdecken. Während ihres unfreiwilligen Bades waren Elena und er auf die andere Seite des Flusses getrieben worden, doch David wusste, dass sie deswegen nicht in Sicherheit waren. Der Puma konnte bis zu zehn Meter weit springen und somit einfach über den Fluss hinwegsetzen, ohne sich eine nasse Pfote zu holen. David hoffte, dass der Puma nur seine Beute verteidigen wollte und sie gar nicht verfolgt hatte.
Der plötzliche Hall eines Schusses, der für einen Moment das Rauschen des Flusses übertönte, und die Kugel, die sich dicht neben David in den Boden bohrte, machten ihm schlagartig klar, wer ihre wahren Feinde waren: Bill und sein Bruder.
Obwohl David noch vor einer Sekunde geglaubt hatte, für die nächsten zwei Stunden nicht mehr aufstehen zu können, vollbrachte sein Körper - dank des erneuten Adrenalinschubes - diese Leistung in einer Geschwindigkeit, die ihn selbst erstaunte. Er schnellte auf seine Knie und fasste mit beiden Händen nach Elena, die direkt neben ihm lag. David zog sie an sich und sprang auf, genau in dem Moment, als der zweite Schuss ertönte und eine weitere Kugel dort einschlug, wo er eben noch gelegen hatte.
David hechtete auf die nächsten, größeren Felsen zu. Er war nur noch einen Schritt von ihnen entfernt, als der dritte Schuss ertönte und die Kugel ihn von den Beinen riss.

Das Nächste, was David wahrnahm, war ein bohrender, brennender Schmerz in seiner linken Seite. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er bäuchlings auf dem Boden lag. Er stöhnte und versuchte seine Augen zu öffnen, doch es fiel ihm unglaublich schwer. Als es ihm endlich gelang, blickte er direkt in das tränenüberströmte Gesicht von Elena, die zusammengerollt neben ihm lag.
’Scheiße’, dachte David, als ihm bei dem Anblick des Mädchens einfiel, dass auf sie geschossen wurde und der heiße Schmerz in seiner Seite bedeutete, dass ihn eine Kugel getroffen hatte. Ein eisiger Schreck durchfuhr ihn. Wo waren Bill und sein Bruder? Mühevoll hob David seinen Kopf und stellte fest, dass es mittlerweile so dunkel war, dass er nur noch gute fünf Meter weit sehen konnte.
Plötzlich spürte er, wie sich Elena an seine Seite drückte und regelrecht versuchte, in ihn hineinzukriechen. David war dankbar, dass sich das Mädchen seine unverletzte Seite ausgesucht hatte, denn er war sich sicher, dass er ansonsten einen Schmerzensschrei nicht hätte unterdrücken können.
“Ist … ja gut“, krächzte er und erschrak über seine eigene, schwache Stimme.
„Du bist wieder aufgewacht“, schluchzte Elena.
“Aber natürlich. Ich muss aufstehen. Ich muss wissen, wo Bill … und sein Bruder sind.“
„Weg, genauso wie Mama.“
„Wie meinst du das?“, fragte David irritiert und versuchte, tiefer durchzuatmen, was ihm nicht wirklich gelang. „Wieso ist deine Mutter weg?“
„Weil sie hierherkommt. Wenn Mama laufen muss, kann sie nicht bei mir sein“, versuchte das Mädchen zu erklären. „Sie kann nur eins tun, laufen oder mit mir reden.“
„Und … wieso glaubst du, dass Bill weg ist?“
Elena zog geräuschvoll ihre laufende Nase hoch.
“Weil die bösen Männer, nachdem sie geschossen haben und wir hinter diese Felsen gefallen sind, auch den Abhang runtergeklettert sind … und dann … dann haben sie ganz laut über den Fluss gerufen, dass sie wiederkommen, wenn es hell ist.“
Elena rieb sich mit ihrem Handrücken durch die feuchten Augen und erzählte weiter:
„Mama glaubt, die Männer sind weggegangen, weil sie im Dunkeln Angst vor dem Fluss hatten und sich sicher sind, dass wir ihnen nicht weglaufen können. Sie wissen nämlich nicht, dass meine Mama schon so nah bei uns ist.“
David schloss nickend seine Augen und versuchte sich darauf zu konzentrieren, was als Nächstes zu tun war. Es erschreckte ihn, wie schwer ihm das Denken fiel. Alles, was David wusste, war, dass er Elena und sich vor Bill und dessen Bruder schützen musste, doch da ihnen von den beiden vorerst keine Gefahr mehr drohte, konnten sie sich jetzt ausruhen. Oder nicht?
Er fror erbärmlich, woran seine nasse Kleidung sicher nicht ganz unschuldig war und jede noch so kleine Bewegung verstärkte den heftigen Schmerz, der in seiner Seite wühlte und ihm die Luft zum Atmen nahm.
„Mir … mir ist kalt“, wimmerte Elena und schlagartig wurde David klar, warum sich das Mädchen so eng an ihn drückte. Nicht nur, weil sie Angst hatte, sondern weil auch ihr bitterkalt war. Also war doch völlig klar, was er als Nächstes tun musste: Dafür sorgen, dass sie aus den nassen Klamotten kamen. Dafür musste er nur seinen wasserfesten Rucksack abnehmen, in dem er Kleidung zum Wechseln, eine Isodecke und sogar Verbandzeug mitschleppte. Außerdem sollte er sich um seine Verletzung kümmern und die Blutung stoppen. Warum nur war ihm das vorher nicht eingefallen? Jetzt musste er seine Überlegungen nur noch in die Tat umsetzen, doch David stellte sehr schnell fest, dass das ein großes Problem war. Sein Körper schien anderer Meinung zu sein als er und wollte sich einfach nicht bewegen.
‚Nun reiß dich mal zusammen’, ermahnte sich David selbst.
„Elena, ich brauche deine Hilfe. Ich werde mich jetzt aufsetzen … und du musst mir helfen, den Rucksack abzunehmen und zu öffnen. Schaffst du das?“
Es dauerte einige Sekunden, bis das Mädchen ‚Ja’ wisperte, sich von ihm löste und hinsetzte.
David benötigte länger, sich aufzusetzen, als ihm lieb war. Keuchend presste er eine Hand auf seine Schusswunde und stöhnte unterdrückt. Am liebsten hätte er laut geschrien, doch er wollte Elena nicht noch mehr Angst einjagen. Sie war auch so schon verstört genug. Tränen liefen über ihre Wangen, die sie immer wieder wegwischte, und ab und zu entwich ihr ein lauter Schluchzer, doch sie half David so gut sie konnte. Sie versuchte sogar, ihn zu trösten und sich selbst Mut zuzusprechen:
„Mama hat gesagt, dass ich ganz tapfer sein muss, bis sie hier ist. Und dass sie dir helfen kann. Sie hilft immer Menschen, die Aua haben, weiß du? Mit Kräutern und so was.“
„Das … ist gut zu wissen“, stieß David zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er sich, mit geschlossenen Augen, gegen einen Felsen lehnte. Nach wie vor presste er eine Hand auf die Wunde und spürte warmes Blut zwischen seinen Fingern hindurchsickern. Das war nicht gut. Mühsam öffnete er seine Augen wieder und versuchte, einen Blick auf seine Verletzung zu werfen, doch da es mittlerweile fast dunkel war, konnte er nicht viel erkennen.
Zusammen mit Elena schaffte er es schließlich, den Rücksack zu öffnen und ihn auszuräumen. Glücklicherweise hatte er eine Taschenlampe dabei, die ihnen half, die verschiedenen Dinge auseinanderzuhalten. Bald hatte Elena ihre nassen Sachen ausgezogen und steckte in einem T-Shirt von ihm, welches bis über ihre Knie reichte. Außerdem hatte sie sich Socken von ihm über ihre Füße gestreift, die ebenfalls bis zu ihren Knien reichten. David selbst hatte jedoch nicht die Kraft, sich umzuziehen oder zu versorgen. Er drückte Elenas nasses T-Shirt auf seine Wunde und hoffte, dass die Mutter des Mädchens bald auftauchte. Elena setzte sich an seine rechte Seite und er legte seinen Arm um sie. Anschließend zogen sie die Isodecke möglichst eng um sich und warteten sehnsüchtig auf Hilfe.

Kapitel 4: Hilfe trifft ein

Trotz der Isodecke hatte David nicht das Gefühl, dass ihm wärmer wurde. Immer wieder liefen kalte Schauer durch seinen Körper, wodurch auch der bohrende Schmerz in seiner Seite jedes Mal zunahm.
„Ist das große Tier noch da?“, fragte Elena plötzlich.
Im Licht der Taschenlampe, die sie brennen lassen hatten, konnte David erkennen, dass das Mädchen ängstlich in die Dunkelheit starrte.
„Der Puma? Vor dem … brauchst du dich nicht zu fürchten. Er wollte … uns nur verjagen.“
Das Mädchen nickte und rieb sich ihre Augen. Danach richtete sie ihren Blick auf David und sagte mit weinerlicher Stimme:
„Ich möchte, dass Mama jetzt kommt.“
Ein Anflug von Panik erfasste David. Was sollte er machen, wenn Elena jetzt anfing zu weinen? Damit konnte er nicht umgehen. Irgendwie musste er sie beruhigen.
„Sie … wird bald hier sein. Immerhin muss sie sich im Dunkeln … durch den Wald kämpfen. Deswegen braucht sie bestimmt etwas länger. Vielleicht … solltest du versuchen zu schlafen. Ich werde auf uns aufpassen.“
Elena schien ernsthaft über Davids Worte nachzudenken. Schließlich nickte sie und schloss ihre Augen. Es dauerte nicht lange, bis David an ihren gleichmäßigen Atemzügen hörte, dass sie eingeschlafen war - was ihn nicht verwunderte. Schließlich hatte das Mädchen einige Strapazen hinter sich, da war es nur normal, dass ihr Körper irgendwann auf Sparflamme schaltete, um Energie zu sparen.
Bald stellte David fest, dass das auch auf ihn zutraf, denn trotz seiner Schmerzen und den fröstelnden Schauern, die durch seinen Körper liefen, schaffte er es kaum noch, seine Augen offen zu halten. Sie fielen ihm in immer kürzer werdenden Abständen zu, doch David schreckte jedes Mal wieder hoch und starrte in die Schwärze der Nacht. Wo blieb Elenas Mutter?
Schließlich verlor David den Kampf gegen seinen entkräfteten Körper. Obwohl er sich verbissen dagegen wehrte, fiel er in einen tiefen Erschöpfungsschlaf, verfolgt von bizarren Träumen.

„Hey! Wach auf! Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um sich auszuruhen.“
Jemand rüttelte beharrlich an Davids Schulter und redete auf ihn ein, doch es fiel ihm schwer, sich auf die Stimme zu konzentrieren und sich aus den Fängen des Schlafes zu befreien.
„Nun komm schon, wach auf!“
Plötzlich sickerte in Davids benebelten Verstand, dass die Stimme viel zu tief für eine Frauenstimme war. Das konnte nicht Elenas Mutter sein! Er riss die Augen auf und fuhr hoch, sank jedoch mit einem Schmerzensschrei wieder zurück an den Felsen. Seine Seite brannte wie Feuer. Mit geschlossen Augen atmete er stoßweise ein und aus, um den heißen, bohrenden Schmerz in den Griff zu bekommen. Dabei presste er seine linke Hand auf die Schusswunde und mit der rechten schlug er instinktiv nach dem Fremden, der noch immer seine Schulter berührte.
„Woah! Ist ja gut!“, rief dieser und verstärkte seinen Griff. „Ich will dir nichts tun, sondern helfen. Ich gehöre zu Elena.“
David blinzelte und musterte das Gesicht des vor ihm hockenden Mannes, das er im Licht seiner eigenen sowie der dazugekommenen Taschenlampen gut erkennen konnte. Der Fremde hatte eine dunkle Hautfarbe, mahagonifarbene Augen und dunkle, leicht grau melierte, sehr kurz geschnittene Haare.
„Irgendwie … habe ich mir Elenas Mutter anders vorgestellt“, stieß David schließlich hervor und versuchte sich ein wenig zu entspannen.
Der Fremde lachte auf und beugte sich etwas zur Seite, um David den Blick auf eine dunkelhaarige Frau freizugeben, die Elena gerade dabei half, eine Jeanshose anzuziehen.
„Das ist Nadia, Elenas Mutter. Ich nehme an, sie trifft eher deine Vorstellung?“
„Auf jeden Fall“, flüsterte David und lehnte seinen Kopf zurück an den Felsen. Ihm war eiskalt und er fühlte sich furchtbar müde. Am liebsten würde er sich in den Schlaf zurückfallen lassen, der unnachgiebig an ihm zerrte und Schmerzfreiheit versprach.
„He! Nicht wieder einschlafen“, hörte David plötzlich eine Frauenstimme und erschrak, als er eine Hand auf seiner Wange spürte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er weggedriftet war, und blickte nun in die blaugrauen Augen von Elenas Mutter. Nadia lächelte ihn aufmunternd an und erklärte:
„Wir müssen hier weg. Ich habe mir deine Schussverletzung bereits angesehen, als du geschlafen hast und sie notdürftig versorgt. Zum Glück hat die Blutung von selbst etwas nachgelassen. Aber die Kugel steckt noch und wir müssen sie rausholen, allerdings nicht hier.“
David brachte ein Nicken zustande.
„Außerdem hast du Fieber“, meinte nun der Fremde, der ebenfalls neben David hockte. „Verrätst du uns deinen Namen?“
„David“, murmelte er, während ihm seine Augen wieder zufielen.
„In Ordnung, David. Ich heiße Flaco. Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang. Ich werde dir aufhelfen. Bist du bereit?“
„Nein“, stieß David hervor, doch Flaco griff unter seine Arme und zog ihn auf die Füße.
David schrie gequält auf, als eine heiße Schmerzwelle durch seinen Körper schoss. Er wäre wieder zu Boden gesunken, hätte Flaco ihn nicht gehalten.
„War doch gar nicht so schlimm, oder?“
„Doch“, keuchte David, während Flaco ihn stützte und vorwärts zog. Er versuchte, seine Beine zur Mitarbeit zu zwingen, doch sie wollten ihm nicht gehorchen. Seine Muskeln hatten sich in Pudding verwandelt. Er blinzelte schwer atmend zu Flaco und stellte fest, dass dieser einen ganzen Kopf größer war als er und offenbar kein Problem damit hatte, so gut wie sein ganzes Gewicht zu halten. Flaco trug jetzt eine Stirnlampe, deren Lichtkegel den Weg vor ihnen gut ausleuchtete.
Nach einigen Minuten Marsch flussaufwärts keuchte David, als hätte er einen Marathonlauf hinter sich gebracht, obwohl er nur sehr wenig dazu beitrug, voranzukommen. Allein Flacos fester Griff verhinderte, dass er zusammensackte und auf dem steinigen Boden landete. Es fiel ihm immer schwerer, seine Lungen mit frischem Sauerstoff zu füllen und seine Sicht begann zu verschwimmen. Sein Herz raste und jeder Schlag hallte laut in seinen Ohren wieder.

Auch Nadia trug eine Stirnlampe und ging hinter den beiden Männern. Sie hatte Elena in eine Decke gewickelt und hielt das zierliche Mädchen fest in ihren Armen. Elena war eingeschlafen und Nadia hauchte ihr einen Kuss auf die blonden Haare, während sie ein ‚Danke’ zum Himmel schickte, dass ihre Tochter noch lebte.
Als sie mit Elena mental verbunden gewesen war und hilflos mit ansehen musste, wie ihr kleines Mädchen von einer tödlichen Gefahr in die nächste geriet, hatte Nadia geglaubt, vor Angst und Sorge den Verstand zu verlieren. Seit dem furchtbaren Tod ihrer Mutter, die starb, als Nadia zehn Jahre alt gewesen war, und dem Tod ihres Freundes, Elenas Vater, der sterben musste, als ihre Tochter gerade mal ein Jahr alt geworden war, hatte sie nicht mehr solch panische Angst gehabt.
Ihr Blick fiel auf David, der in Flacos festem Griff hing und dessen Füße mehr über den Boden schleiften, als dass er selbst ging - und Dankbarkeit durchflutete ihr Herz. Ohne David könnte sie Elena jetzt nicht in ihren Armen halten und das würde sie ihm nie vergessen. Auch wenn er aller Wahrscheinlichkeit nach zum DeDeAI gehörte, einer streng geheimen Einheit, die, in Zusammenarbeit der amerikanischen, kanadischen, sowie einigen europäischen Regierungen, zur Abwehr außerirdischer Eindringlinge gegründet wurde.
Da Nadias Mutter von einigen Leuten des amerikanischen DeDeAI getötet wurde, zählte die junge Frau die Mitarbeiter dieser geheimen Abteilung, egal welchen Landes, zu ihren Feinden, obwohl sie ein gemeinsames Ziel verfolgten: Die Rettung der Menschheit vor den Exesora.
Nadia war das Armband an Davids rechtem Handgelenk nicht verborgen geblieben, und sie wusste, dass es nur zehn Stück von diesen gab. Davon besaß sie sechs. Ein Armband trug sie selbst und die restlichen fünf hatte sie an Flaco und seine Frau, Elena, ihre Oma sowie an Jimmy - Flacos bestem Freund sowie Mitstreiter im Kampf gegen die Exesora - weitergegeben. Nadia wusste außerdem, dass die anderen vier Armbänder im Besitz von Leon Martinez waren, der für den kanadischen DeDeAI arbeitete und seit einigen Jahren verbissen nach ihr suchte. Angeblich nur, um mit ihr zu reden, doch Nadia hatte nicht das geringste Interesse daran, sich mit Martinez zu treffen, denn sie traute ihm nicht. Sie würde nicht denselben Fehler wie ihre Mutter begehen, die ihr Vertrauen, welches sie dem DeDeAI entgegengebracht hatte, mit dem Leben bezahlen musste.
Nadia seufzte und blickte wieder auf Davids Rücken. Da er das Armband nicht von ihr hatte, musste er es zwangsläufig von Leon Martinez bekommen haben, was bedeutete, dass der Retter ihrer Tochter zum kanadischen DeDeAI gehörte. Eine Tatsache, die ihre Situation nicht gerade einfacher machte, aber sie würde David deswegen nicht hier in der Wildnis sterben lassen. Das hatte er nicht verdient. David konnte nicht so kaltherzig und gemein sein, wie die Männer, die ihre Mutter getötet hatten, denn sonst hätte er niemals sein Leben für das ihrer Tochter riskiert.

Sie verließen das Flusstal und betraten einen schmalen Pfad, der sich, steil ansteigend, durch dichten Wald schlängelte. Davids keuchende, pfeifende Atemzüge, die durch die Nacht hallten, wurden hin und wieder durch den Schrei eines Tieres übertönt. Plötzlich jedoch setzte Davids Atmung für zwei Sekunden aus und sein Körper erschlaffte. Er sackte in sich zusammen, sodass selbst Flacos fester Griff ihn nicht mehr aufrecht halten konnte.
„Komm schon, Junge! Du willst doch jetzt nicht aufgeben“, knurrte Flaco, während er David auf den Boden gleiten ließ.
„Lass mich mal nach ihm sehen“, sagte Nadia mit einem Hauch Besorgnis in ihrer Stimme, woraufhin Flaco sich erhob und ihr Elena abnahm, die fest weiterschlief.
Nadia kniete sich neben David und schaute in sein blasses, von feinen Schweißperlen überzogenes Gesicht. Sie legte ihre Hand auf seine Brust und spürte neben dem rasenden Herzschlag die kleinen Schauer, die durch seinen Körper liefen sowie die Hitze, die seine Haut ausstrahlte.
„Sein Fieber steigt“, murmelte Nadia und schob vorsichtig Davids klammes Shirt hoch, um den Sitz des Verbandes zu prüfen, auf dem sich ein faustdicker Blutfleck gebildet hatte.
„Nu … fünfMinut …ausru“, nuschelte David plötzlich, woraufhin Nadia ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.
„Ist schon gut. Ruh dich ruhig aus.“
David nickte kaum merklich und Nadia beobachtete, wie er allmählich in den für ihn erlösenden Schlaf wegdriftete und sein Kopf langsam zur Seite sank.
„Tja, das heißt dann wohl, dass ich ihn mir auf meine Schultern laden muss“, kommentierte Flaco Davids Zusammenbruch, woraufhin Nadia aufstand und ihm ein kleines Lächeln schenkte.
„Genau. Was für ein Glück, dass du groß und stark bist.“
Sie betrachtete ihren Begleiter etwas kritischer und bemerkte, dass dieser noch immer etwas außer Atem war. David zu stützen und bis hierher zu schleppen hatte Flaco wohl mehr angestrengt, als er zugeben würde. Nadias Augen blitzten belustigt auf, als sie fragte:
„Oder bist du mit deinen fünfundvierzig Jahren doch schon zu alt und schwach für diesen Job.“
„Ich bin nicht alt“, brummte Flaco und übergab Nadia ihre Tochter, die sich nur kurz regte, um sich an ihre Mutter zu kuscheln. „Nur nicht mehr so ein junger Hüpfer wie du und unser Freund hier vom DeDeAI.“
Flaco blickte kurz auf David hinunter und schüttelte seinen Kopf.
„Oder sollte ich besser sagen: Feind?“
Schlagartig verschwand die Belustigung aus Nadias Augen und wurde durch tiefe Sorge ersetzt, woraufhin Flaco seine Worte sofort leidtaten. Nadias Blick wanderte von Flaco zu David und wieder zurück.
„Wir wissen noch nicht hundertprozentig, ob er zum DeDeAI gehört.“
„Nein“, bestätigte Flaco, „Aber woher sollte er das Armband sonst haben?“
Nadia zuckte hilflos mit ihren Schultern, doch bevor sie etwas erwidern konnte, erklärte Flaco:
„Keine Angst, Nadia. Ich werde David durch diesen Wald schleppen und alles dafür tun, dass er seine Verletzung überlebt. Es ist meine Aufgabe, dich und Elena zu beschützen und der Junge da“ - Flaco richtete seinen Zeigefinger auf David - „hat meinen Job gemacht und Elena das Leben gerettet. Ich stehe also tief in seiner Schuld, ob mir das nun gefällt oder nicht. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihm vertraue.“
Er richtete seinen Blick erneut auf David, während er dessen Rucksack von seinem Rücken nahm und ihn Nadia über ihre linke Schulter hängte.
„Außerdem ist es ganz gut, dass er jetzt schläft. Dann brauchen wir uns vorläufig wenigstens keine Sorgen darüber zu machen, dass er den Weg zu unserer Hütte mitbekommt.“
Nadia nickte und beobachtete, wie sich Flaco David auf seine Schultern lud, was dieser mit einem leisen Stöhnen quittierte.
Ohne ein weiteres Wort stapfte Flaco weiter und Nadia war froh, dass es nur noch gute fünfzehn Minuten bis zur Hütte waren, die nur sie, ihre Oma Magdalena und Flaco kannten. Elena auf ihrem Arm wurde immer schwerer und außerdem wollte Nadia sich endlich um David kümmern. Sie musste die Kugel entfernen, die Wunde reinigen und desinfizieren sowie nach den Prellungen und Schrammen sehen, die er sich im Fluss zugezogen hatte. Außerdem musste David dringend aus seinen nassen Sachen heraus und sie musste ihm etwas gegen sein Fieber geben.
Hin und wieder stöhnte David leise auf, was Nadia leidtat, gleichzeitig aber auch beruhigte, denn dass David seine Schmerzen noch spürte, bedeutete, dass er nur in einen unruhigen Schlaf gefallen war und nicht in eine tiefe, gefährliche Bewusstlosigkeit.

Schließlich erreichten Nadia und Flaco einen breiten Weg, dem sie gute einhundert Meter bis zu einer Felswand folgten, die links des Weges in die Höhe ragte.
Flaco blieb stehen und wandte sich schwer atmend Nadia zu. Auf seiner dunklen Haut schimmerten Schweißperlen, und als er bemerkte, dass Nadia ebenfalls nach Atem rang, stieß er mit einer gewissen Genugtuung hervor:
„Bist du nun mit deinen neunundzwanzig Jahren zu jung oder zu alt, um zwei kleine Rucksäcke und deine Tochter durch die Gegend zu schleppen?“
„Weder noch“, antwortete Nadia keuchend, während sie sich mit ihrem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. „Als Frau müsste ich eigentlich gar nicht so schwer schleppen, denn dafür seid ihr Männer doch zuständig. Ich darf also durchaus ein wenig aus der Puste sein.“
„Das ist doch wieder einmal typisch!“, stieß Flaco hervor. „Wenn es ums Schleppen geht, zählt die Emanzipation nicht und ihr seid wieder die armen, schwachen Frauen.“
„Du bist doch nur neidisch, dass du nicht so eine schöne Ausrede hast, wenn sich deine Muskeln in Gelatine verwandeln und du vor Anstrengung keine Luft mehr bekommst.“
„Du kannst dankbar sein, dass ich dich bereits seit deiner Kindheit kenne, und wie eine kleine Schwester liebe. Jeder andere hätte jetzt den Abdruck meiner Faust im Gesicht, damit er spürt, dass ich kein Schwächling bin.“
„Du schlägst Frauen?“
„Nur wenn sie so nervig und frech sind wie du.“
Nadia lehnte sich an die Felswand und atmete tief durch, während sie Elena in ihrem Arm etwas verlagerte:
„Oh man, wie kann ein kleines Mädchen auf Dauer nur so schwer werden? Ich bin völlig fertig.“
Flaco wurde genauso schnell wieder ernst wie Nadia und nickte verstehend. Er versuchte ein Blick in Davids Gesicht zu werfen, den er noch immer auf seinen Schultern trug:
„Was meinst du? Bekommt er irgendwas mit?“
Nadia folgte seinem Blick und schüttelte schließlich ihren Kopf.
„Nein, ich glaube nicht. Ich denke, wir können die Geheimtür öffnen.“

Flaco drückte auf eine bestimmte Stelle der Felswand, ging drei Schritte vorwärts und trat auf einen unauffälligen Stein am Boden. Gleich darauf begann die Felswand zu flackern, verlor ihre Kontur und kurze Zeit später war, statt der grauen Wand, ein breites Tor zu sehen, durch das ein Transporter passen würde. Flaco betätigte mit seinem Fuß einen weiteren Stein zwischen den Gräsern am Rand des Weges. Gleich darauf glitt das Tor geräuschlos nach oben und gab den Blick in einen großen, höhlenartigen Raum frei, in dem sich automatisch einige Lampen einschalteten und ihn erhellten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, gute zehn Meter von Flaco und Nadia entfernt, befand sich ein zweites Tor, das sich zusammen mit dem ersten geöffnet hatte. Flaco und Nadia durchquerten den höhlenartigen Raum - die Tore schlossen sich sofort wieder hinter ihnen - und betraten ein kleines, verborgenes Tal.

Einige Minuten später erreichten sie die Hütte, die aus vier Räumen bestand: Einem großen Wohnraum mit einer gemütlichen Sitzecke und integrierter Küche, zu der ein langer Tisch gehörte, einem Badezimmer, sowie zwei Schlafzimmern mit jeweils zwei Betten und Kleiderschränken.
Nadia legte ihre Tochter vorsichtig auf das Sofa, wo diese sich augenblicklich zusammenrollte, und stellte die Rucksäcke auf den Boden. Danach griff sie nach einer Decke, breitete sie auf dem Küchentisch aus und half Flaco, David vorsichtig darauf zu legen. Dieser öffnete stöhnend seine Augen und blickte desorientiert durch den Raum.
„Wo … bin ich?“
„Auf einem Küchentisch, weil wir dir jetzt die Kugel entfernen werden“, antwortete Flaco, woraufhin Nadia ihm einen tadelnden Blick zuwarf und ins Badezimmer eilte.
“Tisch?“, fragte David verwirrt und versuchte sich aufzurichten, doch Flaco drückte ihn zurück.
„Keine Panik, Junge. Nadia schafft das schon.“
Davids blasses, schweißbedecktes Gesicht wandte sich Flaco zu. Seine Augen waren glasig und seine Atmung stoßweise, doch es war ihm anzusehen, dass er krampfhaft versuchte, sich zu konzentrieren.
„Kann … ich nicht doch in ein Krankenhaus?“
„Glaub mir, ich würde dich gerne in ein Krankenhaus bringen. Aber leider gibt es keines in erreichbarer Nähe.“
David starrte Flaco einige Sekunden lang an, doch dann fielen ihm die Augen zu und er murmelte:
„Ich hätte ... nicht ans Telefon gehen sollen.“
Flaco zog seine Stirn kraus und wollte fragen, was David meinte, doch Nadia kam zurück und drückte ihm ein kleines Fläschchen und ein Tuch in die Hand.
„Hier, betäube ihn, während ich Elena ins Bett bringe.“
David öffnete seine Augen wieder und beobachtete mit sichtlichem Unbehagen, wie Flaco etwas von der Flüssigkeit aus dem Fläschchen auf das Tuch träufelte. Als sich dieses seinem Gesicht näherte, griff er reflexartig nach Flacos Hand, um sie wegzuschieben. Allerdings war seine Abwehr so schwach, dass seine blutverschmierte Hand kraftlos auf Flacos liegen blieb, der das Tuch unerbittlich auf seine Nase und seinen Mund presste.
„Keine Sorge, das hier ist kein Chloroform. Wenn du wieder aufwachst, wirst du keine Kopfschmerzen haben.“
Flaco beobachtete, wie David den Kampf gegen die betäubenden Dämpfe verlor und wegdriftete. Als er seine Hand schließlich wegzog, wirkte Davids Gesicht entspannt, doch er war kalkweiß und sein Puls raste.

Nadia brachte ihre Tochter in eines der Betten und deckte sie zu. Elena wachte nicht auf und Nadia streichelte ihr liebevoll über die Wange. Sie war froh, dass die Haut ihrer Tochter sich angenehm warm anfühlte und rosig aussah. Nadia hatte befürchtet, dass Elena sich eine Unterkühlung zugezogen haben könnte, doch dank der trockenen Kleidung von David und der Isodecke ging es Elena verhältnismäßig gut.
Nadia hatte Elena bereits am Fluss nach Verletzungen abgesucht und glücklicherweise nur einige Schrammen und Hämatome gefunden. Diese hatte sie mit einer selbst hergestellten Salbe eingerieben. Es würde ausreichen, morgen wieder nach ihren Blessuren zu sehen. Jetzt war es wichtiger, dass ihre Tochter schlief und sich erholte. Nadia hauchte Elena einen Kuss auf die Stirn und eilte zurück in den Wohnbereich.

Kapitel 5: Segen oder Fluch

Während Flaco einen Topf mit Wasser aufsetzte und saubere Tücher, Verbände sowie andere Utensilien für David bereitlegte, beobachtete er Nadia. Sie zerschnitt mit einer Schere Davids Shirt und den durchgebluteten Verband. Danach legte sie behutsam ihre rechte Hand auf seine Schussverletzung und schloss die Augen. Die tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen verriet Flaco die Intensität ihrer Konzentration. Der Einsatz ihrer Gabe war kräftezehrend und die mentale Verbindung zu ihrer Tochter, während deren Entführung und Flucht, hatte Nadia ausgelaugt. Flaco war sich nicht sicher, ob diese besonderen Fähigkeiten ein Segen oder Fluch für Nadias Familie darstellten. Fähigkeiten, die Nadias Oma 1948 von einem ihr wohlgesonnenen Außerirdischen, einem Exesor, erhalten und genetisch an ihre Nachkommen vererbt hatte. Eines stand für Flaco jedenfalls fest: Ohne diese Gaben würde Sophia, Nadias Mutter, heute noch leben, denn sie wäre niemals dem DeDeAI begegnet und hätte sich diesem anvertraut. Sie wäre niemals einem ihrer skrupellosen Wissenschaftler in die Hände gefallen, der um jeden Preis Sophias besondere Fähigkeiten erforschen wollte und sie dabei umgebracht hatte. Da auch Nadia diese Fähigkeiten besaß, durfte sie dem DeDeAI auf keinen Fall zu nahe kommen. Leider ließ sich das bei ihrem Kampf gegen die Exesora nicht immer vermeiden, denn schließlich bekämpfte auch der DeDeAI die Außerirdischen.
Flaco blickte nachdenklich auf Davids regungslosen Körper. Wie schon so oft fragte er sich, warum Leon Martinez nach Nadia suchte. Woher der Mann überhaupt wusste, dass sie noch lebte, denn nachdem Sophia umgebracht worden war, hatte deren Mutter, Magdalena, ihren und Nadias Tod vorgetäuscht, um dem DeDeAI zu entkommen. Flaco fragte sich, ob Martinez ahnte, dass der Unfall eine Finte gewesen war, weil er und Nadia dem DeDeAI bei der Eliminierung einiger Exesora zuvorgekommen waren. Aber wenn dem so war, warum ließ der DeDeAI dann nicht großflächig nach ihnen fahnden? Warum suchte nur Martinez nach Nadia und ihrer Oma? Und das auch nur sehr behutsam, heimlich. Unter anderem versuchte Martinez - in den Orten, in denen sie Exesora eliminiert hatten - durch verschlüsselte Anzeigen in Zeitungen oder Radioaufrufen Kontakt mit ihnen aufzunehmen.
Flaco hatte schon mehrmals darüber nachgedacht, sich Martinez vorzuknöpfen, ihn auszufragen, jedoch immer wieder Abstand davon genommen. Das Risiko, Nadia dadurch einer unnötigen Gefahr auszusetzen, war ihm einfach zu groß. In diesem Punkt stimmte er mit Magdalena, Nadias Oma, überein, die wollte, dass sie einen großen Bogen um Martinez machten.
Flaco war sich sicher, dass Magdalena ihm einige seiner Fragen beantworten könnte, denn sie kannte Leon Martinez. Sie hatte ihm die Armbänder gegeben und Flaco interessierte brennend, warum, doch Magdalena schwieg, eisern. Sie warnte ihn und Nadia immer wieder eindringlich davor, mit Martinez in Kontakt zu treten. Zu seinem und auch Nadias Leidwesen weigerte Magdalena sich außerdem hartnäckig, etwas über ihre Vergangenheit in Zusammenhang mit den Exesora zu erzählen. Sie behauptete, Nadia dadurch schützen zu wollen. Da Flaco Magdalena sein Leben verdankte, akzeptierte er ihren Wunsch zu schweigen, auch wenn es ihm sehr schwer fiel. Es gab nur einen, wenn auch schwerwiegenden, Punkt, in dem er sich Magdalena widersetzte und der immer wieder zum Streit führte: Der Kampf gegen die Exesora. Magdalena war dagegen, dass er und Nadia die Außerirdischen jagten und vernichteten. Sie wollte nicht, dass Nadia und Elena noch tiefer in diesen Krieg hineingezogen wurden und hasste die Fähigkeiten, die sie einst von dem Exesor erhalten hatte, da ihre Tochter wegen dieser Gaben sterben musste.

Flaco bemerkte eine kleine Schweißperle, die über Nadias Schläfe rann, und seufzte leise. Sein Schützling benötigte dringend Ruhe. Er nahm das kochende Wasser vom Ofen, während seine Gedanken wieder zu Nadias Gaben schweiften. Sobald sie einen kranken Menschen berührte und sich konzentrierte, konnte sie sagen, woran er litt. Nadia hatte ihm einmal erklärt, dass sie den inneren Körper des Kranken vor ihrem geistigen Auge sehen konnte. Jedes Organ, Sehnen, Adern und Knochen - genauso wie Entzündungsherde und Tumore. Allerdings konnte Nadia die Menschen nicht durch Handauflegung heilen, ihnen jedoch oft durch ihr enormes Wissen über die Heilkräfte der Natur helfen - ein Wissen, das Nadias Familie ebenfalls dem Exesor verdankte.
Ein anderer Teil von Nadias Fähigkeit bestand darin, Exesora in einem Umkreis von gut vier Kilometern spüren zu können. Sobald sie Blickkontakt mit einem Außerirdischen hatte, war sie in der Lage, ihn mental zu töten. Genauso wie Menschen. Im Gegensatz zu Nadia war es für Flaco und dem DeDeAI nicht so einfach, Exesora zu erkennen. Die Außerirdischen übernahmen die Körper von Menschen und töteten sie durch die Übernahme. Sie benötigten die Körper, um in der für sie tödlichen Atmosphäre der Erde überleben zu können.
Flacos Blick richtete sich auf Nadias Medaillon, das an einer Kette hing, die sie um ihren Hals trug. Er wusste, dass in diesem Medaillon Haarsträhnen von ihm, seiner Frau und Jimmy lagen, durch die Nadia in der Lage war, sie ebenfalls aufzuspüren, sogar, wenn sie fünfzig Kilometer weit entfernt waren. Allerdings konnte sich Nadia nicht mental mit ihnen verbinden, wie mit ihrer Tochter oder ihrer Oma.
Flaco wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Nadia leise stöhnte und sich die Schläfen massierte.
„Und? Wie sieht’s aus? Hat die Kugel innere Organe verletzt?“
Nadia schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, glücklicherweise nicht. Die Kugel hat eine Rippe gestreift und knapp die Lunge verfehlt. Von der Rippe hat sich ein Splitter gelöst, den ich zusammen mit der Kugel entfernen muss.“
Flaco ließ seinen Blick über Davids Oberkörper wandern, der mit etlichen Hämatomen und Schrammen übersät war. Nadia legte ihre Hand vorsichtig auf einen faustgroßen, rotblauen Fleck, der auf Davids rechter Seite über den Rippen prangte, und konzentrierte sich noch einmal. Nach einer Weile meinte sie:
„Morgen wird er sich wie ein weich geklopftes Schnitzel fühlen, aber glücklicherweise sind, abgesehen von der getroffenen Rippe, seine Knochen ganz geblieben.“
„Gut, dann lass uns anfangen. Je schneller wir fertig sind, desto eher kannst du dich ausruhen.“
Nadia widersprach nicht, atmete tief durch und griff nach einem Fläschchen mit hochprozentigem Alkohol. Schweigend desinfizierten sie sich ihre Hände, das Operationsbesteck, das Flaco bereitgelegt hatte, und Davids Haut um das Einschussloch herum.
Zwanzig Minuten später kniff Nadia ihre Augen zusammen und presste eine Hand gegen ihre Stirn, ohne auf das Blut an ihren Fingern zu achten. Der hämmernde Schmerz in ihrem Schädel wurde immer schlimmer.
„Nadia“, Flaco rieb ihr sanft über den Rücken. „Ruh dich ein wenig aus, ich schaffe den Rest auch alleine.“
Sie rollte ihre Schultern und blickte anschließend in Flacos besorgte Augen. Der Mann war ein Riese, konnte Fremden gegenüber eiskalt sein, aber für die Menschen, die er liebte, schlug ein butterweiches Herz in seiner breiten Brust. Nadia seufzte und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf David. Sie hatten die Kugel und den Splitter entfernt, die Schusswunde gereinigt, heilende Kräuter darauf gelegt und abgedeckt. Nadia hatte es nicht gewagt, die Wunde zu nähen, da bei Schussverletzungen die Infektionsgefahr durch Keime zu groß war. Es konnte gut sein, dass sich die Wunde noch entzündete.
„Nadia“, redete Flaco erneut auf sie ein. „Ich desinfiziere noch seine restlichen Schrammen und Kratzer, ziehe ihn um und packe ihn aufs Sofa. Du weißt, dass ich das alleine hinbekomme.“
Er richtete seinen Blick auf Davids blasses, schweißbedecktes Gesicht, das nicht mehr entspannt wirkte, da die Betäubung allmählich nachließ. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er weiterredete:
„Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass er nicht so begeistert davon sein würde, wenn du ihm seine restlichen Klamotten ausziehst.“
Nadia zog belustigt eine Augenbraue hoch betrachtete Davids gut gebauten, durchtrainierten Oberkörper. Ihr Blick wanderte weiter nach unten und verharrte kurz auf Davids Jeans, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Flaco richtete.
„Ich würde ihm schon nichts weggucken, aber da ich mich nach einem Bad sehne, überlasse ich dir diese Arbeit.“
Bevor sie ging, streichelte sie David, der zunehmend unruhiger wurde, tröstend durch die Haare:
„Keine Angst, du wirst wieder ganz gesund werden und gegen deine Schmerzen werde ich dir gleich noch etwas geben.“
„Nadia“, knurrte Flaco alarmiert, als er die Sympathie in ihrer Stimme hörte. „Du hast doch nicht vergessen, wer da vor dir liegt, oder?“
In Nadias Augen trat ein trotziger Ausdruck, den Flaco nur zu gut kannte.
„Nein, ich habe nicht vergessen, wer er sein könnte! Und die Betonung liegt auf könnte! Denn noch wissen wir überhaupt nicht, wer er wirklich ist und was er macht. Und selbst wenn er für den DeDeAI arbeitet, hat er garantiert nichts mit dem Mord an meiner Mutter zu tun. Sie wurde vor neunzehn Jahren umgebracht! Da war David noch ein Kind, genauso wie ich.“
Flaco verschränkte seine Arme vor der Brust und blickte schulmeisterlich auf Nadia herunter:
„Das ist richtig. Aber dennoch geht von ihm eine potenzielle Gefahr aus. Wir wissen doch gar nicht, wozu er imstande ist.“
Nadia verschränkte ebenfalls ihre Arme und funkelte Flaco an:
„Ich weiß immerhin, dass er sein Leben für meine Tochter riskiert hat. Er hat ihr geholfen, vor diesen verrückten Brüdern zu fliehen, hat sie sicher einen Abhang hinuntergetragen, sie aus einem tückischen, reißenden Fluss gerettet und sich anschließend wegen ihr über den Haufen schießen lassen.“
Flaco öffnete seinen Mund um etwas zu erwidern, doch Nadia hob eine Hand und stoppte ihn.
„Ich weiß, dass du dir Sorgen machst und mich und Elena beschützen möchtest. Aber glaubst du wirklich, dass das alles von David geplant war, als er das Armband an Elenas Handgelenk gesehen hat? So nach dem Motto: Oh, das Kind trägt ein Armband. Dann muss sie wohl Nadias Tochter sein. Da Martinez diese Frau sucht, helfe ich der Kleinen mal, damit wir Nadia finden. Martinez wird stolz auf mich sein.“
Nadia holte Luft und fuhr fort:
„Das glaubst du doch selbst nicht, oder? Wenn David das wirklich gedacht hätte, wäre er nicht ohne nachzudenken in den Fluss gesprungen. Er hätte sich, als auf ihn und Elena geschossen wurde, selbst in Sicherheit gebracht und Elena am Fluss liegen gelassen. In diesen Momenten wäre ihm sein eigenes Leben garantiert wichtiger gewesen, wenn es ihm nur darum gegangen wäre, mich aufzustöbern. Stimmst du mir da nicht zu?“
Flaco seufzte und rieb sich durch sein Gesicht. Natürlich waren ihm Nadias Argumente auch schon durch den Kopf gegangen.
„Du kannst mir nicht widersprechen, stimmt’s?“
Flaco registrierte, dass Nadias Stimme nicht mehr aufgebracht klang, sondern nur noch müde. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt zum Streiten, also gab er zu:
„Nein, Nadia. Das kann ich nicht. Aber ich werde ihn dennoch durchleuchten und herausfinden, was er so treibt.“
Nadia schenkte ihm ein kleines Lächeln:
„Natürlich wirst du das. Ich sage ja auch nicht, dass wir ihm blind vertrauen sollen. Aber ich möchte ihn auch nicht als Mörder abstempeln, denn du weißt genauso gut wie ich, dass er das nicht ist. Wie schon gesagt, er hat nichts mit dem Tod meiner Mutter zu tun.“
Nadia streichelte sanft über Davids Wange, weil sie wusste, dass Flaco diese Geste ärgerte. Als sie anschließend Richtung Badezimmer ging, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und sagte provozierend:
„David ist ein Zuckerstückchen. Ich finde ihn echt heiß.“
Flaco stieß ein Knurren aus und warf Nadia den bösesten Blick zu, den er bewerkstelligen konnte, doch als sie im Bad verschwunden war, schüttelte er lächelnd seinen Kopf. Er wusste, dass Nadia ihn nur aufzog, um sich abzulenken und ihre Anspannung zu lockern. Doch ihm war auch klar, dass sich David bereits in ihr Herz geschlichen hatte. Die ganze Situation war ziemlich verzwickt.
Flaco wandte sich David zu und fuhr sich durch seine stoppeligen Haare.
„Weißt du eigentlich, wie lange Nadia keinen Mann mehr angesehen hat? Seit dem Tod von Ben, Elenas Vater, vor sechs Jahren.“ Er griff nach dem Jod und desinfizierte Davids Schrammen. „Und dann kommst du daher, spielst ein wenig den Helden, lässt dich abknallen - und schwupp, hat Nadia dich in ihr Herz geschlossen. Dass du nicht gerade hässlich bist, setzt dem Ganzen die Krone auf.“
Als David zusammenzuckte und aufstöhnte, weil Flaco eine tiefere Schramme reinigte, beugte sich dieser weiter hinunter und flüsterte:
„Ich hoffe wirklich, dass man dir vertrauen kann. Egal, für wen du arbeitest. Ich gehe davon aus, dass du nicht mörderisch veranlagt bist, aber eines verspreche ich dir: Solltest du Nadia wehtun, werde ich dir jede einzelne Rippe brechen. Ich werde dich nicht töten, weil ich in deiner Schuld stehe, aber das muss ich dir ja nicht auf die Nase binden.“
Als David erneut zusammenzuckte, grummelte er:
„Ist ja schon gut, ich bin gleich fertig. Ich weiß ja, dass du zu dir kommst.“

Kurz darauf durchwühlte Flaco Davids Rucksack und zog eine schwarze Boxershort daraus hervor. Fünf Minuten später lag David auf dem zum Bett umgebauten Sofa. Da er zitterte und sehr unruhig war, packte Flaco ihn in mehrere Decken. Anschließend stellte er Wasser für Tee auf, schmiss die Kaffeemaschine an und begann, Davids Sachen zu durchsuchen.

Kapitel 6: Wer bist du?

Als Erstes nahm Flaco Davids Portemonnaie aus einer Hosentasche der klammen Jeans, die über einem Stuhl hing. Er schlug die Geldbörse auf, zog eine Kreditkarte daraus hervor und starrte auf den Namen, der dort stand.
„David Martinez“, stieß er fassungslos hervor und warf David einen frustrierten Blick zu. „Das wird ja immer besser! Du bist der Sohn von Leon Martinez! Das macht unsere Situation nicht gerade einfacher.“
Er pfefferte das Portemonnaie auf den Küchentisch, griff nach Davids Rucksack und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Zum Vorschein kamen saubere Kleidung, eine Taschenlampe, ein Erste-Hilfe-Set, ein Taschenmesser sowie eine schwarze, DIN A5 große Mappe, die sofort Flacos Aufmerksamkeit erregte. Er schlug sie auf und entnahm einige zusammengefaltete Zettel, die lose in der Mappe lagen. Flaco faltete die Blätter auseinander und studierte sie. Dabei zog er nachdenklich seine Stirn kraus und die Falten vertieften sich noch, als er den restlichen Inhalt der Mappe durchsah.
Das heftige Blubbern des kochenden Teewassers riss ihn aus seinen Betrachtungen. Er nahm den Topf von der Herdplatte und blickte zu David, der seinen Kopf unruhig von einer zur anderen Seite drehte:
„Ich bin gleich wieder da“, murmelte er mehr zu sich selbst und ging nach draußen, um einige Dinge aus seinem sowie Nadias Wagen zu holen, die vor der Hütte parkten. Als er zurückkam, hockte Nadia neben David und hatte eine Hand auf seine Stirn gelegt.
„Ich weiß, ich weiß“, meinte Flaco, bevor Nadia etwas sagen konnte, und hielt demonstrativ eine braune, schmale Ledertasche in die Luft. „Der Junge hat Schmerzen und hohes Fieber, deshalb habe ich deine Kräutertasche mitgebracht. Heißes Wasser ist auch schon fertig.“
„Danke,“ antwortete Nadia. Sie erhob sich und ging ihrem älteren Freund entgegen. Sie war barfuß und trug eine blaue Jeans sowie ein weites, gemütlich aussehendes Shirt. Ihre langen, dunklen Haare hingen offen über ihre Schultern und glänzten feucht. Flaco stellte erleichtert fest, dass sie nicht mehr ganz so blass aussah und es ihr besser zu gehen schien. Nadia nahm ihm die Kräutertasche ab und warf einen Blick auf das Gewehr, das über seiner Schulter hing. Der Anblick der Waffe löste Unbehagen in ihr aus, denn sie wusste genau, was Flaco damit vorhatte. Sie schwieg jedoch und ging zur Küchenzeile.
Während sie einige Kräuter mischte und einen Tee für David zubereitete, legte Flaco das Gewehr auf einen Schrank, packte seinen Laptop aus, den er ebenfalls aus seinem Wagen geholt hatte, und fuhr ihn hoch. Er rief eine Datei auf, in der er Informationen über den DeDeAI gespeichert hatte. Sie war zwar nicht besonders groß, da es schwierig war, an Daten über die Mitarbeiter des DeDeAI und deren Aktivitäten heranzukommen, doch ihrem Mitstreiter Jimmy – einem Computerfreak und begnadetem Hacker – war es gelungen, einige Daten abzufangen. Darunter gab es auch eine Namensliste des kanadischen DeDeAI. Flaco glaubte zwar nicht, dass die Liste vollständig war, aber er wollte dennoch nachsehen, ob Davids Name mit aufgeführt war. Nachdem er die Liste durchgesehen hatte, lehnte er sich zurück und bemerkte, dass Nadia ihn musterte. Als er fragend seine Augenbrauen hochzog, meinte sie:
„Du siehst so aus, als ob du schon einiges über David herausgefunden hast.“
„Ja“, bestätigte Flaco. „Ich habe seine Sachen durchsucht und mir ein paar Dinge über unseren Freund zusammengereimt.“
Nadia hielt eine Tasse hoch und fragte:
„Hilfst du mir, David diesen Tee einzuflößen und verrätst mir danach, was du weißt?“
Flaco nickte und stand auf.
Es war nicht ganz einfach, David das Kräutergebräu einzuflößen, da sein Fieber mittlerweile recht hoch war und er nicht wirklich wach wurde. Doch nach ein paar Minuten hatte er das meiste des Tees geschluckt. Da er noch immer fröstelte, deckte Nadia ihn wieder bis zum Kinn zu und sagte:
„So, und jetzt möchte ich wissen, was du über ihn herausgefunden hast.“
Flaco ging zurück zur Küchenzeile, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich an den Tisch. Nadia nahm ihm gegenüber Platz und ließ ihren Blick über Davids Sachen schweifen, die auf dem Küchentisch ausgebreitet waren. Schließlich sah sie ihren Mitstreiter erwartungsvoll an, woraufhin dieser nach Davids Ausweis griff und ihn Nadia reichte:
„Offenbar ist David der Sohn von Leon Martinez.“
„Scheiße!“, rutschte es Nadia heraus.
„Genau“, gab Flaco ihr Recht. „Aber es sieht nicht so aus, als würde David für den DeDeAI arbeiten.“
Flaco griff nach einer Visitenkarte und erklärte:
„Laut diesem Kärtchen hier hat David eine Umweltfirma namens EarthCare gegründet, was ich natürlich noch überprüfen werde. Im Moment gehe ich allerdings davon aus, dass es stimmt, da sein Name nicht auf der Mitarbeiterliste des kanadischen DeDeAI steht. Außerdem wundert es mich, dass David bis auf ein Taschenmesser keine Waffen bei sich hatte. Wie du weißt, tragen die Leute vom DeDeAI immer eine EI-Waffe und ein Kampfmesser bei sich, da diese Dinge zu ihrer Standardausrüstung gehören.“
„Aber was macht David dann in dieser Gegend?“, grübelte Nadia. „Ich meine, wir beide wissen, dass Leon Martinez über die seltenen Pflanzen, die hier wachsen, und deren Heilkräfte Bescheid weiß. Ich habe geglaubt, David wäre wegen der Pflanzen hier.“
„Ist er wahrscheinlich auch“. Flaco griff nach den Blättern, die er aus Davids Mappe genommen hatte, und reichte sie Nadia. „Das hier sind Faxe, die David nach den Absendedaten zu urteilen“ - er blickte auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es bereits zwei Uhr nachts war - „gestern Morgen erhalten haben muss.“
Nadia sah die Zettel durch, auf denen grob, aber dennoch gut erkennbar, verschiedene Pflanzen gezeichnet waren.
„Diese Pflanzen braucht man doch, um Verletzungen zu behandeln, die ein Exesor einem Menschen zugefügt hat, oder?“
Als Nadia nickte, fuhr Flaco fort:
„Ich vermute, dass Leon Martinez in einen Kampf mit den Exesora geraten ist und er selbst, oder ein anderer seiner Mitstreiter dabei verletzt wurde. Da sich David wahrscheinlich gerade zufällig hier in Colorado aufhält und Martinez dringend Nachschub von den Pflanzen benötigt, hat er oder jemand anderes David angerufen, ihm diese Faxe geschickt und ihn darum gebeten, sich auf die Suche nach den Pflanzen zu machen.“
Flaco rieb sich durch seine Augen und fuhr nachdenklich fort:
„Dazu würde auch passen, dass David irgendwas davon gemurmelt hat, dass er nicht hätte ans Telefon gehen sollen.“ Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und stand anschließend auf, ohne seinen Blick von Nadia abzuwenden.
„Aber letztendlich kann uns nur David erzählen, warum er hier ist und außerdem wird er mir verraten müssen, was er darüber weiß, dass sein Vater dich sucht.“
Als Flaco Sorge in Nadias Augen aufflackern sah, hob er beschwichtigend eine Hand.
„Keine Angst, ich werde ihn in einem Stück lassen, aber jetzt muss ich mich erst einmal um Bill und seinen Bruder kümmern. Die beiden werden dir und Elena nie wieder wehtun können, das verspreche ich dir.“
Flaco holte sein Gewehr vom Schrank und ging zur Tür. Nadia beobachtete jeden seiner Schritte und lauschte dabei in sich hinein. Sollte sie Flaco aufhalten? Taten ihr die Brüder leid? Nein! Wenn David nicht aufgetaucht wäre, hätten die beiden Männer Elena eiskalt umgebracht, um sich an ihr zu rächen. Auf keinen Fall wollte sie, dass ihre Tochter noch einmal in so eine Gefahr geraten würde. Deshalb sagte sie nur, als ihr älterer Freund die Tür öffnete:
„Pass auf dich auf, Flaco.“
„Immer, das weißt du doch Nadia. Ruh dich ein wenig aus, während ich weg bin.“
Er verließ die Hütte und Nadia starrte auf die geschlossene Tür. Sie wusste, dass Flaco auf sich aufpassen konnte, aber dennoch machte sie sich Sorgen um ihn. Schließlich stieß sie einen lauten Seufzer aus und erhob sich. Sie griff nach einer Decke, setzte sich in einen Sessel neben dem Sofa, auf dem David lag und legte ihre Füße auf einen zweiten. David war noch immer sehr unruhig. Er zitterte zwar nicht mehr, da sein Fieber die nächsthöhere Stufe erreicht hatte, doch dafür war ihm nun viel zu warm. Er hatte die Decken bis zu seinen Hüften heruntergeschoben und murmelte hin und wieder unverständliche Worte vor sich hin.
Da Nadia wusste, dass der Tee, den sie David eingeflößt hatten, bald seine Wirkung zeigen und unter anderem das Fieber senken würde, machte sie es sich in ihrem Sessel so bequem wie möglich. Sie wollte sich ein wenig ausruhen und David dabei dennoch nicht aus den Augen lassen, falls sein Zustand sich wider Erwarten doch verschlechtern sollte.

Kapitel 7: Rache im Morgengrauen

Flaco wusste genau, wo sich Bill und sein Bruder für die Nacht verkrochen hatten. Außer Nadias Hütte gab es noch zwei weitere in dieser Gegend, die von Sweet Colorados Einwohnern errichtet wurden. Allerdings war eine davon schon sehr alt und ziemlich klein. Sie diente nur noch als Schutzhütte bei schlechtem Wetter - und genau diese Hütte hatten sich die Brüder für ihren perfiden Plan ausgesucht. Als sie dort vor einigen Stunden angekommen waren, hatte Nadia die Hütte durch die Augen ihrer Tochter erkannt.
Flaco wunderte sich darüber, dass sich Bill und sein Bruder in dieser abgelegenen Ecke auskannten. Immerhin waren die beiden gute einhundertfünfzig Kilometer entfernt von hier zu Hause, wo sie in einem einsamen, heruntergekommenen Hof  hausten. Dieser lag zwanzig Kilometer von der kleinen Stadt entfernt, in der sich Flaco und seine Frau, Nadias Familie sowie ihr Mitstreiter Jimmy vor fünf Jahren niedergelassen hatten, um Elena ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Diese Sesshaftigkeit zwang sie zwar zu längeren Trennungen, um die Exesora aufzuspüren und zu bekämpfen, doch diesen Umstand nahmen sie in Kauf. Jeder von ihnen liebte das Stückchen Heimat, das sie sich mit ihrem Haus - sie nannten es Villa Irena - geschaffen hatten. Es schenkte ihnen Normalität und das Gefühl von Geborgenheit in ihrem unüblichen Alltag.
Während Flaco durch den dunklen Wald Richtung Fluss ging, grübelte er darüber nach, warum die Brüder mit Elena so weit gefahren waren, nachdem sie diese entführt hatten. Sie hätten ihren Plan auch näher an ihrem Wohnort durchführen können. Schließlich gab es auch dort genügend einsame Winkel, um, wenn der Plan der Brüder gelungen wäre, Elenas und Nadias Leichen verschwinden zu lassen. Könnte es sein, dass Bill und seine Geschwister hier aufgewachsen waren? Zog es sie deshalb hierher? Allerdings gehörten sie nicht zu den Leuten von Sweet Colorado, da war Flaco sich sicher.
Er erreichte den Fluss und zuckte unbewusst mit seinen Schultern. Seine Überlegungen waren müßig, denn wer konnte schon sagen, was in den kranken Gehirnen der Brüder vor sich ging. Wichtig war nur, dass Nadia es geschafft hatte, mit Elena in Verbindung zu bleiben, denn das war alles andere als einfach gewesen. Für Nadia war es unmöglich, zu fahren und gleichzeitig eine geistige Verbindung zu Elena herzustellen. Sie hatte immer wieder anhalten müssen, um sich auf Elena konzentrieren zu können. Wegen der immer größer werdenden Entfernung zwischen ihnen, hatte Nadia die mentale Verbindung zu ihrer Tochter sogar zeitweise verloren gehabt. Sie war dann jedes Mal in die Richtung gefahren, in der sie das Mädchen zuletzt gespürt hatte, bis der Kontakt wieder hergestellt war. Die Verfolgung war nervenaufreibend für Nadia gewesen. Nicht auszudenken, wenn sie Elena für immer verloren hätte. 
Zu Flacos Leidwesen hatte Nadia die Verfolgung anfangs alleine aufnehmen müssen, da er, genauso wie Jimmy, nicht zu Hause gewesen war, als Elena entführt wurde. Flaco war Nadia zwar so schnell wie möglich gefolgt, doch er hatte sie erst kurz vor ihrer Hütte in der Nähe von Sweet Colorado eingeholt. Flaco stieß einen Fluch aus und starrte in den Lichtkegel seiner Taschenlampe, während er flussaufwärts marschierte, um die Furt zu erreichen. Er gestand es sich nur sehr ungern ein, aber wenn David nicht aufgetaucht wäre, läge Elena jetzt tot unter der Erde. Er selbst hätte es niemals rechtzeitig geschafft, das Mädchen zu retten. Flaco spürte, wie seine Wut auf die Brüder in ihm brodelte und stärker wurde, je mehr er über die ganze Situation nachdachte. Außerdem machte Flaco sich die schwersten Vorwürfe, dass er Bill und seinen Bruder nach Nadias belastender Aussage bei der Polizei nicht besser im Auge behalten hatte. Er hätte wissen müssen, dass diese Verrückten eine tödliche Gefahr für seine Schützlinge darstellten. Für ihn stand felsenfest, dass die Brüder keine Gnade verdient hatten.

Als Flaco die kleine Lichtung erreichte, auf der die Hütte stand, zeigten sich die ersten hellen Streifen am Horizont und durch die kleinen Fenster der Holzhütte strömte Licht nach draußen.
„Ihr seid also schon wach und bereit, euch auf den Weg zu machen, um David und Elena zu töten“, zischte Flaco mit zornig bebender Stimme. „Aber euer Plan wird nicht aufgehen.“
Er versteckte sich zwischen den Büschen am Rand der Lichtung und wartete. Allmählich zog sich die Dunkelheit zurück und die Morgendämmerung tauchte die Bäume, Büsche und Gräser in ein milchiges, weiches Licht. Jetzt war es hell genug, ohne Taschenlampe durch den Wald zu gehen und genau darauf schienen die Brüder gewartet zu haben. Die Holztür der Hütte öffnete sich knarrend und Bill und sein Bruder traten nach draußen, ohne der Umgebung besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Offenbar fühlten sie sich völlig sicher, was Flaco nicht wirklich überraschte. Die Brüder ahnten ja nichts von Nadias Gabe und konnten nicht wissen, dass sie zu Gejagten geworden waren. Beide hatten ein Gewehr über der Schulter hängen und diskutierten unbekümmert miteinander. So laut, dass ihre Stimmen den morgendlichen Vogelgesang übertönten.
„Also Bill, hast du dich jetzt endlich entschieden, wie wir die Kleine umbringen? Ich bin nach wie vor dafür, unseren eigentlichen Plan durchzuziehen. Der Tod durch eine Kugel wäre doch viel zu schnell.“
Der Angesprochene blieb stehen und blickte nachdenklich in das Gesicht seines Bruders. Schließlich nickte er und sagte:
„Da hast du nicht ganz unrecht, Larry. Immerhin haben wir das Loch für die Göre schon gebuddelt und der Fremde dürfte kein Problem mehr für uns darstellen.“
Larry rieb sich die Hände und grinste erwartungsvoll.
„Das wird ein Spaß. Sollte der Fremde noch leben, verpassen wir ihm eine weitere Kugel und die Kleine nehmen wir mit, buddeln sie lebendig ein und nehmen alles auf. Was meinst du, wie ihre Mutter, die blöde Kuh, ausflippen wird, wenn sie das Video davon zu sehen bekommt. Vielleicht sollten wir der Kleinen vorher noch ran nehmen.“
Bevor Bill antworten konnte, hallte Flacos laute, gereizte Stimme durch den Wald:
„Ich glaube, ich werde euch den Spaß verderben müssen!“
Die Brüder fuhren herum und blickten fassungslos auf die große, kräftige Gestalt, die keine zehn Meter von ihnen entfernt am Rand der Lichtung stand. Beide rissen die Gewehre von ihren Schultern und richteten sie auf Flaco, der ebenfalls seine Waffe in den Händen hielt.
Bill fing sich als Erster und rief:
„Ich weiß ja nicht, wer du bist und wie du hierherkommst. Aber wenn du dein Leben liebst, solltest du ganz schnell wieder verschwinden und uns nicht noch einmal in die Quere kommen. Gegen uns zwei hast du keine Chance.“
„Oh doch, die habe ich“, antwortete Flaco kalt, während er sein Gewehr leicht anhob. „Und ich verspreche euch, dass nicht das kleine Mädchen in eurem Loch ihr Grab finden wird, sondern ihr.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hoben die Brüder ihre Waffen nun ebenfalls etwas höher und feuerten auf Flaco. Dieser warf sich zur Seite, um hinter einem großen Felsbrocken Schutz zu suchen, und zog noch im Fallen den Abzug seines Gewehres durch. Er sah Bill zusammensacken und spürte, wie eine Kugel dicht an seinem Kopf vorbeizischte. Ein paar Sekunden blieb es still, doch dann stieß Larry einen wütenden Schrei aus und feuerte einige Schüsse auf Flaco ab, die jedoch an dem Felsen, hinter welchem er hockte, abprallten. Als Flaco Schritte hörte, die sich ihm schnell näherten, warf er sich seitlich nach vorne auf den Boden, sodass sein Oberkörper nicht mehr von dem Felsbrocken gedeckt wurde, und feuerte. Gleich darauf rollte er sich weg, um kein unbewegliches Ziel abzugeben und schnellte auf die Beine, bereit den Abzug erneut durchzuziehen - doch die Brüder lagen, mit dem Gesicht nach unten, am Boden und rührten sich nicht. Flaco atmete tief durch und starrte auf die Körper, neben denen sich bereits kleine Blutlachen bildeten. Schließlich tastete er nach dem jeweiligen Puls der Brüder, konnte jedoch keinen mehr finden.
„Ich habe euch ja versprochen, dass euer Weg hier endet“, flüsterte er ohne Mitleid, denn seiner Meinung nach hatten sie den Tod verdient. Immerhin hatte er ihnen eine Chance gelassen, denn er hätte sie auch aus dem Hinterhalt erledigen können.

Kurze Zeit später hatte Flaco das rechteckige Loch - in welchem die Brüder zuerst Elena und später auch Nadia lebendig begraben wollten - zwischen den Büschen hinter der Hütte gefunden. Es war erstaunlich tief, und als Flaco hineinblickte und sich vorstellte, dass Nadia und Elena darin ihr Ende finden sollten, lief ein fröstelnder Schauer über sein Rückgrat.
„Scheiße“, murmelte er und rieb sich durch seine müden Augen, als ihm erneut mit erschreckender Klarheit bewusst wurde, was für ein Albtraum hier beinahe abgelaufen wäre. Wenn die Brüder nicht einen Moment unvorsichtig gewesen wären, sodass Elena hatte weglaufen können, und wenn sie nicht David begegnet wäre, dann läge das Mädchen jetzt tot in dieser Grube. Und dieser ganze Mist hatte noch nicht einmal etwas mit ihrem Kampf gegen die Exesora zu tun, sondern nur mit zwei rachsüchtigen, unterbelichteten Brüdern.

Flaco begrub Bill und Larry, zusammen mit ihren Habseligkeiten, in dem Loch und beseitigte ihre Blutlachen. Anschließend versteckte er den Jeep der beiden zwischen den Büschen, tarnte ihn mit Ästen und verwischte die Reifenspuren. Er wollte den Wagen später tiefer in den Wald bringen. Niemand würde die Brüder finden, sollten sie vermisst werden. Allerdings bezweifelte Flaco sehr stark, dass es einen Menschen auf diesem Planeten gab, der sich ernsthafte Sorgen um die durchgeknallten Brüder machen würde.

Kapitel 8: Ein kurzer Besuch in Sweet Colorado

Als Nächstes machte sich Flaco auf den Weg nach Sweet Colorado, um dort einige Besorgungen zu machen sowie einige Auskünfte einzuholen. Er brauchte eine Dreiviertelstunde bis zum Dorf. Da er nicht gesehen werden wollte, schlich er vorsichtig am Rand des kleinen Ortes entlang, bis er die Bäckerei erreichte. Flaco betrat das Haus leise durch die Hintertür, die trotz der frühen Morgenstunde bereits geöffnet war. Der intensive Duft von frisch gebackenen Brötchen erinnerte Flaco daran, wie hungrig er war. Er durchquerte einen kleinen Flur und schob vorsichtig die nur angelehnte Tür auf, die in die Backstube führte. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er einen Mann mit strohblonden, wild abstehenden Haaren entdeckte, der, mit geschlossenen Augen und hochgelegten Füßen, an einem Tisch in der Ecke des Raumes saß. Flaco lehnte sich an den Türpfosten und sagte:
„Das nennst du also arbeiten, Hajo?“
Der Angesprochene fuhr zusammen, riss seine Augen auf und starrte Flaco einige Sekunden lang verwirrt an, doch dann sprang er auf und eilte dem dunkelhäutigen Mann breit grinsend entgegen.
„Hallo Großer! Das nenne ich eine Überraschung!“
Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und klopften sich gegenseitig auf ihre Schultern. Danach trat Hajo einen Schritt zurück und musterte Flacos Gesicht.
„Du siehst so aus, als könntest du einen Kaffee und ein frisches Brötchen vertragen.“
„Oh ja,“ antwortete Flaco und schlenderte zum Tisch, während Hajo die Küchenzeile ansteuerte, auf der die Kaffeemaschine stand, und fragte:
„Wieso habe ich das Gefühl, dass du nicht wegen eines Freundschaftsbesuches gekommen bist, sondern wegen Martinez’ Sohn, der gestern hier auftauchen sollte?“
„Weil es so ist“, antwortete Flaco und rieb sich durch sein Gesicht. „Außerdem brauche ich ein paar frische Lebensmittel und natürlich möchte ich wissen, wie es dir, deiner Frau und eurem Sohn geht.“
„Dank Nadia geht es uns ausgezeichnet, Flaco“, antwortete Hajo und reichte seinem Besucher einen großen Pott Kaffee. Anschließend stellte er einige Brötchen, Butter sowie Wurst und Marmelade auf den Tisch. Er kannte Nadia und Flaco schon sehr lange, da sie früher regelmäßig nach Sweet Colorado gekommen waren. Anfangs noch zusammen mit Nadias Großmutter und später, als diese zu alt wurde, alleine. Doch jetzt schlichen Flaco und Nadia sich nur noch heimlich in das Dorf, um ihn und seine Frau Abigail zu besuchen, was allerdings auch immer seltener wurde - und dafür gab Hajo sich die Schuld. Er wischte seine Hände an seinem bereits mehlverschmiertem Shirt ab und setzte sich Flaco gegenüber an den Tisch.
„Hör mal, hätten wir gewusst, dass Leon Martinez Nadia sucht, hätte Marta ihm nie erzählt, dass sie durch ihre besonderen Fähigkeiten Abigails Tumor aufgespürt hat und er rechtzeitig entfernt werden konnte. Marta war einfach nur so wahnsinnig erleichtert, dass endlich jemand ihrer Nichte helfen konnte und den Grund ihrer Beschwerden gefunden hat. Sie hat nicht darüber nachgedacht, wem sie was erzählt. Genauso wenig wie Abigail und ich.“
Flaco trank einen Schluck Kaffee und musterte sein Gegenüber. Bis jetzt hatte er dieses Thema immer abgeblockt und eigentlich hatte er auch heute nicht vor, über die Vergangenheit zu sprechen. Er zuckte mit seinen Schultern, schnitt ein Brötchen auf und erklärte:
„Lass gut sein, Hajo. Das Ganze lässt sich doch sowieso nicht mehr ändern.“
Er beschmierte eine Hälfte des Brötchens mit Butter und richtete plötzlich das Messer auf seinen jüngeren Freund, der ihn schweigend beobachtete.
„Obwohl ihr es hättet ahnen können, denn schließlich haben wir uns vor unseren Besuchen immer erkundigt, ob sich Martinez im Dorf aufhält. Ihr wusstet also genau, dass wir ihm aus dem Weg gehen.“
Hajo lehnte sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen durch seine Haare.
„Ja“, gab er bedrückt zu. „Und deswegen fühlen Abigail, Marta und ich uns auch schuldig. Nur weil wir nicht nachgedacht haben, kommt ihr immer seltener her und schleicht euch heimlich ins Dorf, damit euch keiner sieht. Und das, wo wir so tief in eurer Schuld stehen.“
„Wir haben nun einmal beschlossen, Martinez so gut es geht aus dem Weg zu gehen, Hajo. Mir ist klar, dass ihr Leon Martinez niemals verraten würdet, dass wir hier sind, aber was ist mit den anderen Leuten im Dorf? Garantierst du mir, dass keiner von ihnen Martinez anruft, sobald Nadia hier auftaucht?“
Hajo starrte einige Brötchenkrümel auf dem Tisch an und schüttelte seinen Kopf.
„Nein, das kann ich leider nicht.“
„Eben“, brummte Flaco und biss in sein Brötchen.
Hajo seufzte und sah zu, wie sein Freund das Brötchen vertilgte, nach einem zweiten griff und es dick mit Wurst belegte. Schließlich fragte er:
„Also, was möchtest du genau hier?“
„Ich möchte wissen, was du über David Martinez weißt“, nuschelte Flaco mit vollem Mund.
„Ich weiß nur, dass sein Vater Marta angerufen hat, um sie zu fragen, ob David bei ihr übernachten kann. Eigentlich sollte er gestern Abend hier eintreffen, ist aber nicht aufgetaucht, weswegen Marta sich große Sorgen macht. Sollte David im Laufe dieses Vormittags nicht auftauchen, wird sie Leon Martinez anrufen und es ihm sagen.“
„Sorg dafür, dass sie das nicht macht. Martinez soll glauben, dass mit seinem Sohn alles in Ordnung ist.“
Hajo zog seine Augenbrauen hoch und fragte mit leichter Unsicherheit in der Stimme:
„Du hast David nicht irgendwo verbuddelt, oder?“
„Ihn nicht.“
Hajo blickte Flaco irritiert an und bohrte weiter:
„Dann ist er also in Ordnung? Ich meine, Marta wird dir den Gefallen tun und Martinez nicht anrufen. Sie würde bei Nachfragen auch behaupten, David wäre hier gewesen. Aber sie käme ganz schön in Bedrängnis, wenn David für immer im Nirgendwo verschwindet und Martinez hier auftaucht, um nach seinem Sohn zu suchen.“
„Keine Angst“, meinte Flaco gelassen. „Der Junge ist zwar etwas angeschlagen, aber Nadia kümmert sich um ihn und ich habe auch nicht vor, David umzubringen. Wir werden ihn sicher in die Zivilisation zurückbringen.“
„Na dann“, lamentierte Hajo und warf seine Hände demonstrativ in die Luft. „Ich nehme an, du verrätst mir nicht, was passiert ist, oder?“
„Nö“, antwortete Flaco und stand auf. „Aber ich könnte deine Hilfe gebrauchen. Ich habe in Davids Sachen einen Mietvertrag für einen Wagen gefunden. Da David hier nicht angekommen und gestern Abend zu Fuß durch die Wälder gerannt ist, vermute ich mal, dass der Wagen schlappgemacht hat. Ich möchte, dass wir mit deinem Motorrad die Strecke abfahren und den Wagen suchen. Dann kann ich Davids restliche Sachen mitnehmen, die vielleicht noch im Fahrzeug liegen und du darfst dich dann darum kümmern, dass die Autovermietung den Wagen hier abholen lässt.“
Hajo blickte auf Flacos großen, muskulösen Körper und schüttelte unglücklich seinen Kopf.
„Ich bin mir nicht sicher, ob meine arme Maschine uns beide aushält.“
Flaco grinste, versetzte Hajo einen freundschaftlichen Schubs, der ihn drei Schritte zurücktaumeln ließ, und ging zur Tür.
„Stell dich nicht so an, Hajo. Pack mir lieber Brötchen und ein paar andere Sachen für ein gutes Frühstück ein und bring sie mit zum südlichen Waldrand, wo ich auf dich warten werde. Aber sag vorher Marta Bescheid, dass sie Leon Martinez nicht anrufen soll.“
Flaco war bereits im kleinen Flur der Bäckerei, als Hajo hinter ihm herrief:
„Aber ich werde fahren!“
Grinsend wandte sich Flaco noch einmal um und blickte durch die Tür in die Backstube.
„Auf keinen Fall! Ich bin der Ältere und deshalb werde ich fahren!“

Kapitel 9: Albtraum

Nadia saß mit geschlossenen Augen neben David und versuchte sich von ihren negativen Gedanken zu befreien, doch es wollte ihr nicht gelingen. Immer wieder durchlebte sie die Ereignisse der letzten Stunden und spürte die Angst ihrer Tochter, die diese während ihrer Entführung und Flucht erleiden musste. Nadia sah die tiefe Grube, in der Elena elendig sterben sollte, den fauchenden Puma und den reißenden Fluss vor sich. Immer und immer wieder, wie einen Film, der sich ständig wiederholte. Anstatt sich zu entspannen, verkrampfte sie sich und Panik griff nach ihrem Herzen. Beinahe hätte sie ihre Tochter verloren!
Nadia atmete mehrmals tief durch und öffnete die Augen. Sie richtete ihren Blick auf David, versuchte sich auf ihn zu konzentrieren, doch es dauerte einige Minuten, bis sie bewusst sein schweißbedecktes Gesicht und seine schnelle, flache Atmung wahrnahm. Irritiert blickte Nadia auf ihre Uhr und stellte fest, dass sie David den Tee erst vor dreißig Minuten eingeflößt hatten. Es war also kein Wunder, dass der Kräutertrank noch keine sichtbare Wirkung zeigte. Allerdings beunruhigte es Nadia ein wenig, dass Davids Fieber offenbar noch gestiegen war. Sie stand auf und holte aus dem Badezimmer eine Schale mit kaltem Wasser, die sie auf einen kleinen Tisch neben David abstellte. Nadia setzte sich auf den Rand des Sofas, griff nach dem Waschlappen, der bereits im Wasser lag, und kühlte Davids Gesicht und seinen Oberkörper.
„Bald wird es dir besser gehen“, flüsterte sie dabei wiederholt und war dankbar, dass sie sich auf David konzentrieren konnte, um die bedrückenden Bilder, die sie noch immer verfolgten, zu vertreiben. Ihr Patient öffnete hin und wieder seine glasigen Augen und blickte sie an, ohne sie wahrzunehmen. Plötzlich versuchte er jedoch, sich  aufzurichten und als Nadia ihn mit Leichtigkeit zurückdrückte, murmelte er:
„Ich muss … Elia helfen.“
„Wer ist Elia?“, fragte Nadia ohne, eine Antwort zu erwarten.
Als David erneut versuchte, aufzustehen, hinderte sie ihn daran, indem sie eine Hand auf seine Brust und die andere auf seine Schulter legte. Sie drückte ihn nach unten, während er erfolglos gegen ihre Hände ankämpfte und verzweifelt hervorstieß:
„Ich muss … diese Pflanzen … besorgen. Ich muss …“
„Pscht … ganz ruhig“, versuchte Nadia zu ihm durchzudringen. „Du kannst dich ausruhen. Ich werde diese Pflanzen für dich besorgen, das verspreche ich dir.“
Nadia war sich nicht sicher, ob David sie verstanden hatte, oder ob schiere Erschöpfung ihn dazu brachte, seinen Kampf gegen sie aufzugeben. Er starrte sie schwer atmend an, bis seine Augen zufielen. Wunderschöne braune Augen mit unverschämt langen Wimpern, gestand sich Nadia ein, doch gleich darauf schüttelte sie ihren Kopf, um diese Gedanken zu verbannen. Auf keinen Fall wollte Nadia Gefühle für einen Mann entwickeln, den sie nicht kannte und dessen Vater sie suchte. Die ganze Situation war auch so schon kompliziert genug.

Es dauerte über zwei Stunden, bis Davids Fieber so weit gesunken war, dass er in einen tiefen Erschöpfungsschlaf fiel. Da es Nadia etwas unheimlich war, dass er sich nun überhaupt nicht mehr regte, überprüfte sie seinen Puls, der jedoch kräftig und gleichmäßig schlug. Erleichtert atmete sie tief durch, stand auf und streckte sich. Anschließend sah sie nach ihrer Tochter und stellte zufrieden fest, dass auch diese fest schlief. Liebevoll strich sie Elena eine blonde Strähne aus der Stirn und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Nun konnte auch sie einen neuen Versuch starten, Ruhe zu finden. Nadia machte es sich in ihrem Sessel bequem, zog die Decke eng um sich und studierte Davids blasses Gesicht. Es war bartschattig, männlich und äußerst attraktiv. Sie seufzte und schloss erschöpft ihre Augen. Dieses Mal verfolgten sie keine beängstigenden Bilder und sie driftete in einen tiefen Schlaf, den ihr Körper dringend benötigte.

Stunden später schreckte Nadia aus ihrem Schlaf hoch und blinzelte benommen. Hatte da jemand geschrien? Sie richtete ihren Blick auf David, dessen Gesicht erneut mit Schweiß bedeckt war. Schwer atmend drehte er seinen Kopf von einer Seite zur anderen, während sich seine Finger in die Decke krallten, die ihm bis zur Brust reichte.
Nadia sprang auf und legte eine Hand auf Davids Stirn, in der Erwartung, dass sein Fieber wieder gestiegen war, doch seine Haut war erstaunlich kühl. Allmählich dämmerte es ihr, dass er einen Albtraum hatte, deshalb rüttelte sie sanft an seiner Schulter und rief:
„David! Wach auf!“
Doch er reagierte nicht auf ihre Bemühungen, denn sein Traum hielt ihn gefangen:
Er rannte durch eine ihm unbekannte Welt. Alles um ihn herum war fremdartig. Die gewaltigen, pyramidenförmigen Häuser erweckten den Eindruck, aus Erde gebaut worden zu sein und als David im Rennen nach oben blickte, konnte er das Ende der spitz verlaufenden Gebäude nicht erkennen. Dieser Umstand konnte allerdings auch daran liegen, dass die Luft um ihn herum mit grünem, waberndem Nebel erfüllt war, der seinen Blick beschränkte. Rechts und links neben David hasteten Gestalten durch die Häuserschluchten und stießen merkwürdige, panikartige Schreie aus. David versuchte, die Gestalten zu erkennen, doch es wollte ihm nicht gelingen, da ihre Formen immer wieder vor seinen Augen verschwammen. Auf jeden Fall waren es keine Menschen.
David hörte seinen eigenen keuchenden Atem und fragte sich, warum sie überhaupt rannten. Vor was flüchteten sie? Abrupt blieb er stehen und drehte sich um, während die fremdartigen Wesen an ihm vorbeihechteten, ohne ihm Beachtung zu schenken. Er starrte in den grünen Nebel, aus dem sich eine riesige, schwarze Wand schälte, die auf ihn zukam. Unaufhaltsam. Die dunkle Masse pulsierte und verschlang alles auf ihrem Weg: Häuser, Flüchtende und den schimmernden Nebel. Die Schwärze brachte den Tod und in David wallte Panik auf. Er wollte sich abwenden und weiterlaufen, doch es gelang ihm nicht. Er kam einfach nicht mehr vom Fleck und stierte mit weit aufgerissenen Augen auf die schwarze Wand, die immer näher kam und als sie ihn erfasste, hörte er sich selbst schreien …
Doch plötzlich rannte er wieder. Durch die Luft waberte noch immer grüner Nebel,
aber er befand sich nicht mehr in der fremdartigen Stadt, sondern inmitten eines  riesigen Blumenfeldes. Die Blumen hatten kelchartige, orange Blüten und gelbe Blätter. David blickte hinter sich und sein Herz begann zu rasen, als er die schwarze Wand entdeckte. Nach wie vor pulsierte sie in sich und vernichtete jegliches Leben, kam unbarmherzig näher. David beschleunigte seine Schritte, rannte so schnell er konnte. Seine Lungen brannten und schrien nach Luft, doch er war nicht schnell genug. Das schwarze Ungetüm holte auf, wollte ihn verschlingen, seine Energie aussaugen. Es gab keine Rettung, er konnte dieser brodelnden, gigantischen Masse nicht entkommen. Plötzlich spürte David, dass er etwas fest umschlossen in seiner rechten Hand hielt. Er öffnete sie und blickte auf einen geschliffenen, roten Diamanten in Tropfenform. Sein Glanz war unbeschreiblich, das einfallende Licht wurde im Inneren des Steines hundertfach reflektiert und zurückgeworfen. David war fasziniert von dem Diamanten und versuchte, sich seinen Anblick einzuprägen, um ihn nicht wieder zu vergessen - denn tief in seinem Unterbewusstsein war David klar, dass er sich in einem Traum befand, der ihn nicht zum ersten Mal heimsuchte. Er wollte jetzt aufwachen, doch es gelang ihm nicht. Dafür spürte er, wie die tödliche Schwärze nach ihm griff. Er musste den Diamanten benutzen! Der Stein konnte ihn retten! Woher wusste er das? Davids Finger umschlossen den Diamanten, er konzentrierte sich und plötzlich öffnete sich vor ihm ein ovales Loch, ein Portal. Der Durchgang glühte gelblich und der Rand schien aus grauen Wolken zu bestehen. Das Portal führte in eine andere Welt, dass wusste David, auch wenn er nicht erklären konnte, woher er dieses Wissen hatte. David sprang durch das Portal, das sich augenblicklich hinter ihm schloss, und fand sich in einem von Petroleumlampen spärlich erhellten Raum wieder. Das flackernde Licht warf unheimliche Schatten auf die groben Felswände um ihn herum. Er befand sich in einer Höhle, in den dunklen Tiefen eines Berges - zusammen mit einigen der Wesen aus der fremden Welt, die mit ihm durch das Portal gegangen waren.
David atmete tief durch, versuchte, sich zu beruhigen, doch sein Traum gönnte ihm keine Verschnaufpause, denn plötzlich kamen Menschen in die Höhle gerannt. Die Männer, es waren Goldgräber, blieben wie angewurzelt stehen und starrten sie an, als seien sie Aliens, was auf Davids Begleiter zutraf. Zu seinem Entsetzen waren sie gefährlich für die Männer - denn die fremden Wesen töteten die Goldgräber. Sie übernahmen die Körper der Männer, brauchten die Leiber, um in dieser Welt überleben zu können. Auch David hatte das Gefühl, dass sein eigener Körper in den eines Goldgräbers eindrang, obwohl er kein Außerirdischer war. Wie war das möglich? Er wollte niemanden umbringen! Aber er konnte es nicht verhindern, konnte den Verlauf des Traumes nicht ändern. Er verschmolz mit einem der Männer, unaufhaltsam, spürte die Schmerzen und Qualen, die er ihm zufügte. Er tötete den Goldgräber und das war ein entsetzliches Gefühl. David schrie verzweifelt auf, schrie zusammen mit den sterbenden Menschen und hörte dennoch, wie jemand seinen Namen rief.
Er wollte antworten, wollte diesem schrecklichen Traum entfliehen, doch es gelang ihm nicht, denn er wurde von einer Flut aus Bildern mitgerissen. David sah riesige Felder, die übersät waren mit gelbstieligen Blumen, die orange, kelchartige Blüten hatten. Er sah ein kleines Mädchen, das ihn mit großen Augen anblickte und ihm seine Hand entgegenstreckte. Doch als er sie ergreifen wollte, verschwamm das Kind vor seinen Augen und auf einmal stand er in einem leeren Raum. David drehte sich um seine eigene Achse, und als er wieder seine Ausgangsposition erreichte, lehnten fünf Gemälde vor ihm an der Wand, doch er konnte nicht erkennen, was darauf zu sehen war.
Wieder hörte David, wie jemand seinen Namen rief, doch als er antworten wollte, löste sich die Wand vor ihm auf und gab den Blick auf ein vierstöckiges Haus frei. Obwohl David es nicht wollte, ging er langsam auf das Gebäude zu und starrte auf die Fenster, hinter denen eisige Dunkelheit lauerte. Er wusste, dass etwas Furchtbares passieren würde, dass er weglaufen sollte, doch er konnte es nicht. Plötzlich zerbarsten die Scheiben mit einem ohrenbetäubenden Knall. David wurde von einer glühenden, grellen Explosionswelle erfasst und durch die Luft geschleudert. Er hatte das Gefühl, auseinandergerissen zu werden und schrie vor Schmerz und Panik.

„David! Wach auf!“, rief Nadia laut. Im Gegensatz zu ihren vorangegangenen Weckversuchen schüttelte sie ihn nun kräftig - und dieses Mal gelang es ihr, David aus seinem Traum zu reißen. Er fuhr mit einem verstörten, gehetzten Blick hoch, sank jedoch augenblicklich stöhnend wieder zurück. Mit zugekniffenen Augen presste er eine Hand auf seine Rippe sowie die Schusswunde und bemühte sich, gleichmäßig ein und auszuatmen, um den brennenden Schmerz, der wellenförmig durch seinen Körper lief, in den Griff zu bekommen.
Nadia nahm den Waschlappen und tauchte ihn in die Schale mit Wasser, die noch immer neben David auf dem Tisch stand. Während sie den Lappen auswrang, meinte sie:
„Schnelle Bewegungen solltest du vorläufig vermeiden.“
David reagierte nicht auf ihre Bemerkung. Er schien ihre Gegenwart überhaupt nicht wahrzunehmen, doch als sie sein Gesicht mit dem Waschlappen berührte, zuckte er  zusammen. Er riss erneut seine Augen auf, blickte sie desorientiert an und zog seine Stirn kraus.
„Was? … Wo? …“, sein Blick schweifte durch den Raum und richtete sich anschließend wieder auf Nadia.
„Elena, … schießwütige Brüder, Puma … reißender Fluss“, zählte sie leise auf, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.
David war völlig durcheinander, sah noch immer die Explosion aus seinem Traum vor sich und konnte sich keinen Reim darauf machen, wo er sich befand. Außerdem fühlte er sich völlig erschlagen. Doch Nadias Worte halfen ihm, allmählich in die Realität zurückzufinden. Er nickte und griff nach dem Waschlappen, mit dem sie noch immer sein Gesicht abtupfte.
Nadia ließ den Lappen los und beobachtete, wie Davids Hand samt Waschlappen kraftlos auf seine Brust sank. Zögernd fragte sie:
„Haben die letzten Erlebnisse dich in deinem Traum verfolgt? Ich meine, das wäre ja kein Wunder. Schließlich wärst du fast ertrunken und bist angeschossen worden.“
Zu Nadias Überraschung huschte ein kleines Lächeln über Davids Gesicht, bevor er mit belegter Stimme antwortete:
„Nein, dieser Albtraum hatte nichts damit zu tun. Ich hatte ihn nicht zum ersten Mal … und trotzdem kann ich mich hinterher kaum noch an ihn erinnern.“
David schloss seine Augen. Seine Lider fühlten sich unglaublich schwer an. Normalerweise hätte er niemals erwähnt, dass er immer wieder denselben Albtraum hatte, schon gar keiner Fremden gegenüber. Doch David fühlte sich so erschlagen und erschöpft, dass er gar nicht über seine Worte nachgedacht und einfach das Erste gesagt hatte, was ihm in den Sinn gekommen war. David hatte diesen Albtraum bereits seit seinem fünfzehnten Lebensjahr und er ängstigte ihn, hinterließ jedes Mal ein beklemmendes Gefühl. Es gelang ihm einfach nicht, die Ereignisse des Traumes festzuhalten. Die Bilder verschwammen zu einer undefinierbaren, bunten Masse, bis er sich kaum noch an etwas erinnern konnte. Was David allerdings nie vergaß, war die Explosion, die ihn erfasste und durch die Luft schleuderte.

Nadia blickte in Davids blasses, erschöpftes Gesicht und wartete, ob er noch etwas erzählen würde, doch als er schwieg, stand sie auf und ging zur Küchenzeile. Sie füllte eine Tasse mit Tee und ging damit zurück zu David. Da er seine Augen noch immer geschlossen hatte, legte sie ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter und sagte:
„Hier, du musst das trinken.“
Als David blinzelte und schließlich durch halb geöffnete Lider die Tasse anstarrte, schob Nadia einen Arm unter seinen Nacken und half ihm sich etwas aufzurichten. Seine schneller werdende, abgehackte Atmung verriet ihr, wie schmerzhaft selbst diese kleine Bewegung für ihn war, doch als er den ersten Schluck von dem Tee nahm, sein Gesicht verzog und ein leises „Uhh“ ausstieß, musste Nadia lachen.
„Ich weiß, der Tee schmeckt furchtbar. Aber er hilft gegen deine Erschöpfung durch den Blutverlust und die Schmerzen.“
Der Blick, den David ihr zuwarf, drückte deutlich seine Zweifel aus.
„Du solltest nicht die Kräfte der Pflanzen unterschätzen“, belehrte sie ihn. „Wenn man sie kennt, sind sie erstaunlich.“
Nadia setzte die Tasse erneut an seine Lippen und flößte ihm den Tee geduldig, aber unnachgiebig, ein. David blieb nichts anderes übrig als zu schlucken, denn wenn er es nicht tat, lief ein Teil des Tees unkontrolliert in seine Kehle, wodurch er husten musste und das wiederum quittierte sein Körper durch noch mehr Schmerzen. Er fragte sich, wie viele Prellungen er sich in dem reißenden Fluss geholt hatte und plötzlich fiel ihm das Mädchen wieder ein. Als die Tasse leer war und Nadia ihn auf das Sofa zurücksinken ließ, murmelte er müde:
„Geht es Elena gut?“
„Ja. Sie hat sich im Fluss zwar auch einige Prellungen und Abschürfungen zugezogen, aber weitaus weniger als du.“
David wandte Nadia seinen Kopf zu und blickte sie durch halb geöffnete Lider an.
„Warum … haben diese Verrückten Elena entführt?“
Über Nadias Gesicht huschte ein schmerzhafter Ausdruck. Bevor sie antwortete, griff sie nach dem Waschlappen, der noch immer auf Davids Brust lag, und knetete ihn fahrig.
„Weil ich bei der Polizei gegen ihren Bruder ausgesagt und ihn identifiziert habe. Er hieß Matt und hat bei einem Überfall einen Familienvater getötet. Ich war die einzige Zeugin.“
„Hieß?“, hauchte David matt, während ihm seine Augen endgültig zufielen. Er spürte, wie er in den Schlaf wegdriftete, obwohl er sich mit aller Kraft dagegen wehrte.
„Ja, er ist tot“, erklärte Nadia.
Sie blickte zur Tür, als diese sich öffnete, und atmete erleichtert auf, als Flaco den Raum betrat. Sie hatte sich bereits Gedanken gemacht, wo er so lange blieb. Sie wandte sich wieder David zu und erzählte weiter:
„Matt wurde bei einem waghalsigen Ausbruchversuch erschossen und deswegen wollten sich seine Brüder, die wegen meiner Aussage sowieso schon stinkig waren, an mir rächen. Eigentlich hätten sie nicht wissen dürfen, wer ihren Bruder bei der Polizei identifiziert und dadurch ins Gefängnis gebracht hat, aber irgendwie haben sie es herausgefunden. Sie wollten zuerst Elena auf grausame Weise töten und danach mich.“
Nadia war sich nicht sicher, ob David während ihrer Erläuterungen eingeschlafen war, doch plötzlich nuschelte er kaum hörbar:
„Mis…kerle.“
„Genau“, gab Nadia ihm recht, zog seine Decke etwas höher und ging schließlich zu Flaco, der am Küchentisch stand und sie beobachtete.
„Dein Held ist also zwischenzeitlich aufgewacht“, meinte er leise und hielt Nadia ein Brötchen entgegen.
Sie griff danach und schüttelte entschieden ihren Kopf.
„Er ist nicht mein Held, Flaco. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass er Elena gerettet hat.“
„Das kann ich leider nicht abstreiten“, gab Flaco zu und gab Nadia ein Zeichen, ihm nach draußen zu folgen. Er wollte mit ihr einige Dinge besprechen und sichergehen, dass David sie nicht hören konnte.

Kapitel 10: Männergespräch

Als David das nächste Mal erwachte, schaffte er es noch immer nicht, seine Augen für einen längeren Moment zu öffnen. Er fühlte sich kraftlos, seine Lider waren schwer wie Blei. Das hielt Nadia allerdings nicht davon ab, ihm noch mehr von dem abscheulichen Tee einzuflößen. David hörte eine Männerstimme, versuchte der Stimme ein Gesicht zu geben, schaffte es jedoch nicht. Er wollte die Augen öffnen, wollte sein Umfeld wahrnehmen, doch einem Ungeheuer gleich zerrte seine Müdigkeit ihn zurück in eine Welt aus wirren Träumen und Dunkelheit.

Nach weiteren sechs Stunden Schlaf fühlte David sich noch immer völlig erschlagen, aber immerhin gehorchten ihm nun seine Lider. Matt musterte er den Raum. Von seiner Position aus konnte er zwischen zwei Sesseln hindurch eine Küchenzeile sowie einen großen Küchentisch sehen. Die Wände und der Boden des heimeligen Zimmers bestanden aus dunklem Holz, was darauf schließen ließ, dass er sich in der Hütte befand, von der Elena gesprochen hatte. Außer ihm schien niemand anwesend zu sein, was David merkwürdig fand. Wo waren Nadia, Elena und der Mann, der ihn hierher geschleppt hatte? David erinnerte sich, dass er Flaco hieß.
Als David neben einem Sessel auf dem Boden seine Reisetasche entdeckte, die er im Mietwagen zurückgelassen hatte, zog er verwundert seine Stirn kraus. Wie kam die Tasche hierher? Diese Frage war jedoch vergessen, als er neben sich auf einem kleinen Abstelltisch sein Portemonnaie sowie die Zeichnungen mit den Pflanzen, die sein Vater ihm gefaxt hatte, erblickte - denn ihm fiel schlagartig ein, warum er überhaupt hier war: Er musste diese Pflanzen für Elia besorgen! David blickte auf seine Uhr und stellte fest, dass es bereits sechs Uhr abends war. Er hatte den ganzen Tag verschlafen.
„Mist!“
David setzte sich ruckartig auf, bereute es jedoch sofort, denn sein Körper teilte ihm wirkungsvoll mit, was er von unbedachten Bewegungen hielt. David ließ sich mit einem unterdrückten Schmerzensschrei zurückfallen und atmete mehrmals tief durch, bevor er erneut wagte, sich aufzusetzen. Dieses Mal bedeutend langsamer und mit zusammengebissenen Zähnen. Schließlich lehnte er schwer atmend an der Rückenlehne des Sofas und wartete darauf, dass der Raum aufhörte, sich zu drehen. Nachdem sein Kreislauf sich beruhigt hatte, blickte er an sich herunter. Er trug nur eine Boxershorts und sein Körper war übersät mit rotblau schimmernden Hämatomen, Kratzern und Abschürfungen. Seine Schussverletzung war mit einer weißen Mullbinde abgedeckt und außerdem fühlte er sich völlig verschwitzt. Kaltes Wasser wäre jetzt wunderbar. Unbeholfen stand er auf und musterte erneut den Raum. Außer der Tür, die nach draußen führte, gab es drei weitere, von der zwei Türen geöffnet waren und den Blick auf Betten freigaben. David griff nach seiner Reisetasche und steuerte die geschlossene Tür an, hinter der er das Badezimmer vermutete. Er lehnte sich an den Rahmen und lauschte, doch hinter der Tür war alles still. Nur seine eigenen, heftigen Atemzüge hallten durch die Hütte. Vorsichtshalber klopfte David, und als niemand reagierte, öffnete er vorsichtig die Tür. Wie erwartet blickte er in ein kleines Bad.
Gerne hätte David sich einfach unter die Dusche gestellt und das Wasser über seinen Körper laufen lassen, doch das wäre unklug. Seifenreste und Keime könnten in die Schusswunde gelangen und sie entzünden. Also reinigte er sich so gut es ging mit einem Waschlappen, den er in einem Schrank fand. Da seine Haare in alle Richtungen von seinem Kopf abstanden, beschloss er, sie unter dem laufenden Wasserhahn des Spülsteins zu waschen - was keine gute Idee war. Er hatte Mühe, sich nach getaner Arbeit aufzurichten. Ihm wurde übel und schwarz vor Augen. Tief ein und ausatmend lehnte er sich an die Wand neben der Toilette, bis sich Übelkeit und Schwärze verzogen hatten. Danach kramte er eine Jeans und ein Shirt aus seiner Reisetasche, fest entschlossen, die Pflanzen für Elia zu besorgen.

Flaco betrat die Hütte und zog überrascht die Augenbrauen hoch, als sein Blick auf das leere Sofa fiel. Er hatte noch nicht damit gerechnet, dass David aufstehen würde. Flaco hatte sich ein paar Stunden ausgeruht und danach Schäden an der Hütte ausgebessert. Die letzte Stunde hatte er in seinem Wagen gesessen und über Satellit mit seiner Frau und seinem Freund Jimmy telefoniert.
Als er aus dem Bad das Rauschen fließenden Wassers hörte, setzte er sich auf einen Küchenstuhl und wartete. Dabei ließ er die Badezimmertür nicht aus den Augen und trommelte mit den Fingern seiner linken Hand ungeduldig auf der Tischplatte herum. Die Minuten krochen dahin, und als David endlich aus dem Badezimmer trat, traute Flaco seinen Augen nicht: Sein unliebsamer Gast war angezogen. Was hatte er vor? Flaco erhob sich und ging David entgegen. Dieser strich sich die nassen Haare aus der Stirn und lehnte sich ein wenig zittrig gegen den Türrahmen.
Drei Schritte vor David blieb Flaco stehen, verschränkte seine Arme vor der Brust und musterte das kreideweiße Gesicht seines unfreiwilligen Gastes. Schließlich wanderte sein Blick über Davids schwarzes Shirt, über die blaue Jeans bis zu den nackten Füßen - und zurück. Missmutig knurrte er:
„Was hast du denn vor?“
David war irritiert von dem Verhalten seines Gegenübers und versteifte sich zusehends.
„Ich muss ein paar Pflanzen besorgen, die ein Freund von mir …„
„Du verlässt auf keinen Fall diese Hütte!“, unterbrach Flaco ihn drohend.
Nun war David nicht nur irritiert, sondern auch verblüfft.
„Bitte?“
Flaco trat einen Schritt näher und zischte:
„Du wirst diese Hütte nicht verlassen, denn ich möchte nicht, dass du später deinem Vater Hinweise geben kannst, wo sie sich befindet.“
Während Davids Blick von Flacos mahagonifarbenen Augen zu dessen gewaltigen Bizeps und wieder zurück wanderte, schüttelte er verstört seinen Kopf. Obwohl David nicht gerade klein war, musste er aufblicken, um seinem Gegenüber ins Gesicht sehen zu können - was ihn unwillkürlich an die biblische Geschichte von David und Goliath erinnerte.
„Warum sollte mein Vater sich für diese Hütte interessieren?“
Flaco ließ langsam seine verschränkten Arme sinken, wodurch er noch bedrohlicher wirkte, und antwortete provozierend:
„Das weißt du doch ganz genau! Schließlich sucht dein Vater Nadia verbissen und da er für die Regierung arbeitet, bedeutet das sicherlich nichts Gutes. Immerhin haben einige Mitarbeiter des DeDeAI Nadias Mutter umgebracht.“ Flaco trat einen weiteren Schritt an David heran und durchbrach damit seinen persönlichen Raum. „Und du wirst mir jetzt sagen, was dein Vater von Nadia möchte. Will er an ihr herumexperimentieren und sie ebenfalls ins Jenseits befördern?“
Flaco beobachtete, wie sich die Verwirrtheit in Davids Augen in Entsetzen verwandelte und schließlich in Wut. Zu seiner Überraschung ließ er sich nicht einschüchtern. Die meisten Männer, die Flaco provozierte, zogen unbewusst ihren Kopf zwischen die Schultern, doch David richtete sich auf und spannte seine Muskeln an. Er fühlte sich bedroht und das Adrenalin, das sein Körper nun freisetzte, half ihm über seine Schwäche hinweg und ließ ihn die Schmerzen vergessen. Zornig zischte er:
„Hör gut zu, Goliath! Es geht dich zwar überhaupt nichts an, aber ich verrate dir trotzdem, dass ich meinen Vater nicht besonders gut kenne. Mir ist neu, dass er für die Regierung arbeitet, aber er ist mit Sicherheit kein Mörder! Warum also sollte er Nadia suchen?“
Flaco tippte David mit seinem Zeigefinger auf die Brust und antwortete aufgebracht:
„Du hast doch sicher mitbekommen, dass Nadia etwas … außergewöhnlich ist, oder?“
„O ja, das habe ich. Schließlich hat sie durch Elena mit mir gesprochen und das war sehr außergewöhnlich. Und unheimlich!“
„Und warum hast du Elena dann geholfen und bist nicht weggerannt, wie jedes andere Weichei es getan hätte?“
„Weil ich als Kind immer wieder versucht habe, die Gespräche meines Vaters zu belauschen, wenn er mal zu Hause war. Er hat einige Male erwähnt, dass es Menschen gibt, die in den Geist anderer eindringen können. Ich war also in gewisser Weise auf das kleine Erlebnis vorbereitet.“
„Ach!“, stieß Flaco hervor und tippte erneut mit seinem Zeigefinger gegen Davids Brust. „Und dann wunderst du dich, dass dein Vater nach solchen Menschen sucht? Menschen, die die Fähigkeit besitzen, alleine durch ihren Geist die Exesora zu vernichten?“
David schlug Flacos Hand weg und fragte genervt:
„Was sind Exesora?“
Flaco trat einen Schritt zurück und schüttelte seinen Kopf.
„Du weißt es wirklich nicht, oder? Obwohl du ein Armband trägst, das dich vor ihnen schützt.“
In Davids Augen blitzte Erkenntnis auf und er flüsterte mehr zu sich selbst:
„Die Wesen, die mein Vater jagt, heißen also Exesora.“
„Ja“, bestätigte Flaco Davids laut ausgesprochenen Gedanken. „Es sind Außerirdische, die dein Vater bekämpft. In der Mehrzahl nennen wir sie Exesora und in der Einzahl Exesor. Willst du mir wirklich weismachen, dass du das nicht wusstest?“
Davids Blick bohrte sich in Flacos.
„Genauso ist es. Mein Vater hat mir meine vielen Fragen, mit dem ich ihn gelöchert habe, nie beantwortet und meine Lauschversuche haben wenig gebracht. Aber eigentlich geht dich das überhaupt nichts an.“
Flaco trat wieder näher an David heran und in seinen Augen blitzte es bedrohlich auf.
„Das kann schon sein, mein Junge, und fürs Erste werde ich versuchen dir zu glauben, auch wenn ich dir nicht vertraue.“ Er streckte seine Arme aus, griff mit beiden Händen nach Davids T-Shirt und zog ihn an sich heran. „Aber eines verspreche ich dir: Solltest du Nadia verraten oder in Gefahr bringen, werde ich dir jeden einzelnen Knochen brechen.“
Erneut war Flaco überrascht, in Davids Augen keine Angst aufflackern zu sehen, sondern nur Trotz - und genauso klang seine Stimme, als er seine Finger um Flacos Handgelenke legte und leise antwortete:
„Hör zu, Goliath! Einmal davon abgesehen, dass ich ganz bestimmt nicht möchte, dass Nadia oder Elena irgendetwas zustößt, lasse ich mich nicht von dir einschüchtern.“
„Nenn mich nicht andauernd Goliath!“, rief Flaco gereizt und stieß David heftig zurück. Dieser hatte damit gerechnet, weswegen er nicht sein Gleichgewicht verlor. Ganz im Gegenteil. David stoppte seine unfreiwilligen Rückwärtsschritte, indem er sich am Rahmen der Badezimmertür festhielt. Von dieser stieß er sich augenblicklich wieder ab, riss sein Bein nach oben und trat gegen Flacos Brust.
Dieser war völlig überrascht von Davids Angriff und taumelte mit weit aufgerissenen Augen zurück. Er schaffte es nicht, sein Gleichgewicht zu halten und landete auf seinem Gesäß.
David hätte Flacos Kehle, oder dessen Gesicht attackieren können, doch das war nicht seine Absicht gewesen. Er hatte nur keine Lust, sich von Flaco einschüchtern zu lassen und das Bedürfnis verspürt, eine Grenze zu setzen - obwohl er wusste, dass er, sollte Flaco jetzt richtig sauer auf ihn werden, keine Chance hatte. Tief in seinem Herzen verstand er Flacos Sorge um Nadia. Ihm war klar, dass er sie nur beschützen wollte. Allerdings hatte seine kleine Aktion ihn viel Kraft gekostet und brachte nicht nur Flaco zu Fall. Sein eigener Schwung sorgte dafür, dass er haltlos stürzte und schmerzhaft auf dem Boden aufschlug. Es verschaffte ihm jedoch eine gewisse Genugtuung, dass auch Flaco nicht mehr stand. Bevor die beiden Männer sich erheben konnten, schallte Nadias fassungslose Stimme durch den Raum:
„Was ist denn hier los?“
„Wir haben uns nur ein wenig unterhalten und ein paar Dinge klargestellt“, knurrte Flaco, während er aufstand.
„Auf dem Fußboden?“, meinte Nadia argwöhnisch und stellte eine große Umhängetasche auf dem Küchentisch ab.
„Das hat sich so ergeben“, erklärte Flaco mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme. „Auf jeden Fall haben wir so etwas wie einen vorläufigen Waffenstillstand ausgehandelt.“ Er streckte David seine Hand entgegen und blickte ihn fragend an. „Oder?“
David nickte und murmelte:
„So kann man das wohl nennen.“
Er griff nach Flacos Hand, ließ sich von ihm auf die Beine ziehen und konnte, zu seinem Ärger, ein schmerzhaftes Stöhnen nicht unterdrücken. Da sein Körper jetzt kein Adrenalin mehr in sein System pumpte, baute er beängstigend schnell ab. Es gefiel David nicht sonderlich, aber er musste sich an Flaco festhalten, da ihm schwarz vor Augen wurde. Im Stillen hoffte er, dass Flaco nicht allzu nachtragend war und seinen Schwächeanfall ausnutzen würde. Doch der Riese schien neben seiner bedrohlichen Ader auch eine gutmütige zu haben, denn er stütze David und dirigierte ihn zur ausgezogenen Couch. Allerdings kam David der Gedanke, dass Flacos Hilfsbereitschaft auch an Nadias Gegenwart liegen konnte. Er setzte sich schwer atmend, lehnte sich an das Rückenteil der Couch und streckte seine Beine aus. Ein wenig hilflos blickte er Flaco und schließlich Nadia an, die noch immer am Küchentisch stand.
„Ich habe ja verstanden, dass ich diese Hütte nicht verlassen soll. Auch wenn mir der Grund dafür nicht gefällt und ich über einige Dinge nachdenken muss. Aber das ändert nichts daran, dass ich dringend einige Pflanzen besorgen muss.“
Nadias Augen weiteten sich überrascht und bohrten sich entrüstet in Flacos.
„Hast du ihm etwa nicht gesagt, dass ich die Pflanzen besorge?“
Der Angesprochene zuckte gleichgültig mit seinen Schultern und erklärte:
„Ich hatte noch keine Gelegenheit, es ihm zu erzählen. Du bist etwas zu früh zurückgekommen.“
Nadia verdrehte genervt ihre Augen und ging zu den beiden Männern hinüber.
„Würdest du bitte Elena aus dem Auto holen. Sie ist auf dem Rückweg hierher eingeschlafen.“
Flaco nickte, doch er tat keinen einzigen Schritt. Stattdessen musterte er David, als wolle er abschätzen, ob dieser für seinen Schützling eine Gefahr darstellen könnte. Ob er Nadia alleine lassen konnte. Schließlich hatte David gerade bewiesen, dass er sich, trotz seiner schlechten Verfassung, verteidigen konnte, was Flaco klar gemacht hatte, dass er ihn nicht unterschätzen durfte.
David schüttelte ungläubig seinen Kopf:
„Sehe ich wirklich so aus, als würde ich mich jeden Moment auf Nadia stürzen?“ Sein Blick richtete sich auf Flacos Schützling. „Ehrlich Nadia! Ich hatte keine Ahnung, dass mein Vater dich sucht und ich weiß nicht, was er von dir möchte. Der einzige Grund, warum ich in dieser Gegend bin, sind diese Pflanzen, die ich für einen sehr guten Freund besorgen muss, der von so einem Wesen, …“ - David stockte und überlegte, wie Flaco die Außerirdischen genannt hatte - „ ... einem Exesor angegriffen wurde. Ich muss mit diesen Pflanzen so schnell wie möglich zurück nach Vancouver.“
„Wir möchten dich auch so schnell wie möglich wieder los werden“, erklärte Flaco bissig, bevor Nadia etwas sagen konnte. „Deswegen werden wir auch morgen in aller Frühe aufbrechen und dich zum Flughafen nach Colorado Springs bringen.“
David setzte sich mit zusammengebissen Zähnen etwas aufrechter hin. Missmut spiegelte sich in seinen Augen.
„Darauf kann ich verzichten! Bringt mich einfach in die nächste Stadt, wo ich mir einen Wagen mieten kann.“
Flaco grinste herausfordernd.
„Du glaubst also fit genug zu sein, um stundenlang alleine durch die Gegend fahren zu können, ja?“
„Ja. Und sollte ich es nicht schaffen, nehme ich mir eben ein Taxi.“
„Schluss jetzt!“, schrie Nadia und funkelte die Männer abwechselnd an. „Das wird ja langsam lächerlich! Flaco, geh jetzt bitte Elena holen und du, ...“ - sie richtete ihren Blick auf David - „… du bleibst einfach da sitzen!“
Während Flaco brummend nach draußen stapfte, atmete David tief durch, um sich zu beruhigen. Nadia setzte sich zu ihm auf den Rand der Couch und stellte klar:
„Ich glaube dir, dass du mir nichts antun möchtest und dass du nicht weißt, was dein Vater vorhat. Und was Flaco betrifft … nun ja, er ist halt sehr misstrauisch und möchte mich nur beschützen. Außerdem muss ich mich dafür entschuldigen, dass wir deine Sachen durchwühlt haben. Aber wir mussten wissen, mit wem wir es zu tun haben.“ Sie griff nach Davids Hand, schaute ihm tief in die Augen - und stockte, musste sich darauf konzentrieren, was sie sagen wollte. Wieso nur brachte er sie so aus dem Konzept? „Ich bin dir so dankbar, dass du meine Tochter gerettet hast. Deswegen werde ich dir helfen, so gut ich kann.“ Sie deutete mit ihrem Kopf zum Küchentisch. „Ich habe die Pflanzen besorgt, die auf deinen Zetteln aufgemalt sind und noch zwei weitere. Dein Vater, oder wer auch immer dir diese Zeichnungen geschickt hat, scheint das alte Rezept, welches meine Oma früher hergestellt hat, zu kennen. Aber ich habe es verbessert. Wenn du möchtest, werde ich aus den Pflanzen eine Salbe herstellen, mit der du die Wunden deines Freundes zweimal täglich behandeln musst.“
David hatte Mühe, Nadias Redefluss zu folgen. Fasziniert blickte er in ihre blaugrauen Augen, war hingerissen von den bernsteinfarbenen Punkten, die sich wie blinkende Sterne über ihre Iris verteilten. Allein dieser Anblick reichte aus, um seinen Puls zu beschleunigen, doch Nadias warme Hand in seiner brachte ihn zum Rasen. Als er bemerkte, dass sie auf eine Antwort wartete, räusperte er sich und nickte:
„Ich wäre dir sehr dankbar, denn der Mann, der verletzt wurde, ist so etwas wie ein Ersatzvater für mich. Er hat mir zwar auch nie etwas von diesen Exesora oder den Armbändern erzählt“, David deutete auf das anthrazitfarbene Band an seinem Handgelenk, „aber er war immer für mich da. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Fragen ich habe. Über diese Außerirdischen, das Armband und … und ehrlich gesagt, möchte ich auch alles über dich wissen. Auch wenn Goliath mich dafür wahrscheinlich umbringen wird.“
„Goliath?“, fragte Nadia in dem Moment, als die Tür aufschwang und Flaco mit Elena auf dem Arm eintrat, die sich gähnend die Augen rieb.
„Ja, der Riese da“, erklärte David, woraufhin Flaco drohend knurrte:
„Du sollst mich nicht so nennen!“
Auf Nadias Gesicht breitete sich ein amüsiertes Lächeln aus, was ihr einen verärgerten Blick von Flaco einbrachte, doch das störte sie nicht sonderlich. Bevor sie ihn jedoch aufziehen konnte, wurde sie von Elena abgelenkt, die David entdeckte und rief:
„Du bist ja endlich wach!“
Sie begann zu zappeln, sodass Flaco sie auf den Boden absetzte, und lief zu ihrer Mutter, die noch immer auf dem Rand der Couch saß. Sie kletterte auf Nadias Schoß, zeigte David ihren rechten Arm und plauderte fröhlich drauf los:
„Sieh mal! Ich habe hier einen dicken, blauen Fleck. Und auf meinen Beinen habe ich auch welche. Aber Mama hat gesagt, dass du viel mehr als ich hast und dass du so lange schläfst, weil dich diese Kugel getroffen hat. Ich habe ganz lange darauf gewartet, dass du aufwachst. Und dann wollte Mama weg, um für dich Pflanzen zu holen und da wollte ich unbedingt mit. Ich habe dir auch welche gepflückt, weil du mir geholfen hast.“
David lächelte.
„Danke, das ist wirklich nett von dir. Ich freue mich, dass es dir schon wieder so gut geht.“
Elena nickte heftig und ihre großen, blauen Augen leuchteten:
„Ja, mir tat zwar heute Morgen noch alles ganz doll weh, aber Mama hat mir einen Tee gegeben, der ganz ekelig geschmeckt hat und mich mit einer Salbe eingerieben. Jetzt tut es nur noch ein bisschen weh.“
Apropos Tee“, mischte sich Nadia ein. „Ihr beide werdet jetzt noch etwas von eurem ekeligen Tee trinken. Außerdem werde ich eine Hühnersuppe aufwärmen. Es ist zwar nur Dosensuppe, aber immerhin.“
„Bekommt David denselben Tee wie ich?“
„Nein mein Schatz. Aber er schmeckt genauso ekelig.“
Nadia schob Elena sanft von ihrem Schoß und während sie zur Küchenzeile ging, blickte sie sich zu David um:
„Nach dem Essen werde ich mir deine Verletzungen noch einmal ansehen und behandeln.“
„Ich kann nicht behaupten, dass ich mich darauf freue“, flüsterte David Elena zu, die noch immer neben dem Sofa stand und ihn ansah. „Das tut bestimmt weh.“
Das Mädchen nickte ernst und legte eine Hand auf seinen Arm. Genauso leise wie David flüsterte sie:
„Das wird bestimmt nicht so schlimm, weil Mama ganz vorsichtig ist.“
„Ich weiß“, antwortete David und war überrascht, als Elena plötzlich in eines der Schlafzimmer stürmte. Sie kam mit Stiften und einem Malblock zurück und kletterte neben ihn auf das Sofa. Da David ihr geholfen hatte, vertraute sie ihm und hatte ihn bereits tief in ihr Herz geschlossen.
„Kannst du malen?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Ein bisschen. Wie wäre es mit einem Adler, der über eine alte Burg fliegt?“
„Das wäre klasse“, meinte Elena begeistert und legte die Stifte zwischen sich und David.
Dieser warf Flaco, der sie mit mürrischem Gesichtsausdruck beobachtete, einen Blick zu und grinste. Daraufhin schüttelte Nadias Beschützer seinen Kopf, drehte sich um und ging nach draußen. Bevor sich die Tür hinter ihm schloss, fauchte er:
„Ruft mich, wenn das Essen fertig ist.“

Eine Stunde später fielen David die Augen zu, obwohl er hart darum kämpfte, wach zu bleiben. Er hatte so viele Fragen und egal ob Flaco damit einverstanden war oder nicht, wollte er sie Nadia stellen. Allerdings musste er damit warten, bis Elena im Bett war und schlief, denn es war selbstverständlich für ihn, dass in ihrer Gegenwart nicht über Außerirdische und andere Probleme gesprochen wurde. Das Mädchen hatte auch so schon genug zu verarbeiten. Allerdings war Elena weitaus fitter als er und so schlief David vor dem Mädchen ein.

Kapitel 11: Aufbruch

Draußen war es noch stockdunkel, als sich Nadia und Flaco für die Abfahrt bereit machten. Während Flaco einige Sachen in seinen Wagen packte, trat Nadia zu David, um ihn zu wecken. Sie betrachtete einen Augenblick sein attraktives Gesicht und seufzte leise. Warum musste ausgerechnet Leon Martinez Davids Vater sein? Und warum schwieg ihre Oma so eisern über die Vergangenheit? Warum wollte sie um jeden Preis verhindern, dass sie Leon begegnete?
Bis heute hatte Nadia die Wünsche ihrer Großmutter akzeptiert, doch das konnte sie jetzt nicht mehr. Sie mochte David und wollte wissen, warum sie alle Gefühle für ihn unterdrücken musste, ihn nicht näher kennenlernen durfte. Was war zwischen Leon Martinez und Magdalena vorgefallen? Warum mied ihre Oma den Mann wie die Pest und war gleichzeitig so besorgt um ihn? Flaco hatte Magdalena einmal vorgeschlagen, sich Martinez vorzuknöpfen und angedeutet, ihn aus dem Weg zu räumen, sollte er eine ernsthafte Gefahr für die Familie darstellen, doch davon hatte Magdalena nichts wissen wollen. Sie war sogar entsetzt von dem Gedanken gewesen, Leon etwas anzutun.
Als Nadias Blick auf Davids rechte Hand fiel, zog sie irritiert die Stirn kraus. Sie beugte sich vor, um die Hand in dem spärlich beleuchteten Raum besser erkennen zu können, und fuhr zusammen, als Flaco plötzlich neben ihr stand und spottete:
„Du hast doch wohl nicht vor, ihm aus lauter Dankbarkeit die Hand zu küssen, oder?“
„Quatsch!“, stieß Nadia entrüstet hervor und erklärte leise:
„Gestern waren die Knöchel auf seiner Hand völlig rot und aufgeschürft.“
„Ja und?“
„Davon ist jetzt kaum noch etwas zu sehen und das irritiert mich.“
Flaco zog gleichgültig seine Schultern hoch.
„Du vertust dich bestimmt. Sein Körper ist übersät von kleineren und größeren Schrammen. Die hast du dir doch nicht alle gemerkt, oder?“
„Nein, natürlich nicht. Aber die Abschürfungen auf seiner Hand konnte ich ausgiebig betrachten, als ich letzte Nacht neben ihm gesessen habe.“
Nadia überlegte, etwas mehr Licht zu machen, um Davids Knöchel genauer betrachten zu können, als er plötzlich hochfuhr - und stöhnend wieder zurücksank. Er presste eine Hand auf seine Seite und blinzelte benommen.
„Was ist los?“
„Gar nichts!“, meinte Flaco. „Außer, dass du jetzt in meinem Auto weiterschlafen musst.“
David setzte sich mit zusammengebissenen Zähnen auf, blickte auf seine Uhr und murmelte:
„In aller Frühe aufbrechen heißt bei euch also mitten in der Nacht.“
„Das hat den Vorteil, dass es draußen noch stockdunkel ist und du die Gegend nicht erkennen kannst, wenn wir in die Wagen steigen“, erklärte Flaco bissig.
„Aha“, brummte David, griff nach seiner Reisetasche, die auf dem Boden stand, und stellte sie neben sich auf das Sofa. Er fühlte sich zu müde, um mit Flaco zu streiten, doch dann registrierte er, dass dieser von ‚Wagen’ gesprochen hatte. Er blickte zu Nadia:
„Ihr seid mit zwei Wagen hier?“
„Ja, und wir werden auch mit beiden Wagen wieder von hier weg fahren müssen. Wir kommen zu selten her, um einen stehen zu lassen.“
„Darf ich mir aussuchen, bei wem ich mitfahre?“
„Nein!“, bestimmte Flaco rigoros.
„Schade, das bedeutet dann ja wohl, dass ich bei dir mitfahren muss.“
„Darauf kannst du wetten! Und wenn du dich nicht benimmst, schmeiße ich dich unterwegs raus.“
David setzte den mitleiderregendsten Blick auf, den er zustande brachte und wandte sich an Nadia:
„Ich habe Angst vor Goliath. Lass mich bei dir mitfahren, ja?“
Nadia lachte und versuchte, das Kribbeln in ihrem Bauch zu ignorieren. Dieser schokobraune Hundeblick würde wohl jeder Frau weiche Knie verschaffen. Sie musste aufpassen. Es war besser, David auf Abstand zu halten.
„Er wird dich schon nicht beißen“, erklärte sie und beeilte sich ins Nebenzimmer zu kommen, um Elena zu hohlen.
„Aber vielleicht schlagen“, rief David ihr leise hinterher und musterte Flaco, der mit vor der Brust verschränkten Armen auf ihn herabblickte.
„Guter Versuch, Junge. Aber wenn du mich noch einmal Goliath nennst, schmeiße ich dich in die tiefste Schlucht, die ich finden kann.“
David ignorierte die Drohung, zog den Reißverschluss seiner Reisetasche auf und holte ein paar Clogs daraus hervor. Er war froh, dass er die Pantoletten mitgenommen hatte, da jede Bewegung, um sich Socken und Schuhe anzuziehen, sehr schmerzhaft sein würde und darauf konnte David in Flacos Gegenwart gut verzichten. Der Mann machte keine Anstalten, ihn alleine zu lassen und in die Clogs konnte er auch barfuß schlüpfen, ohne sich bücken zu müssen. Er ließ die Pantoletten auf den Boden fallen und fragte neugierig:
„Warum hast du mich eigentlich nicht einfach am Fluss liegen gelassen? Dann wärst du mich jetzt los. Wenn ich nicht von alleine verreckt wäre, hätten die Brüder mir bestimmt gerne noch eine Kugel verpasst.“
Da in diesem Moment Nadia mit ihrer Tochter auf dem Arm zurückkam und Flaco bat, ihr die Türen aufzuhalten, damit sie Elena ins Auto setzen konnte, blieb dieser David eine Antwort schuldig - wofür Flaco dankbar war. Er hatte nicht vor, die Frage zu beantworten. Jedenfalls nicht ehrlich, denn dann müsste er zugeben, dass er nach den Traditionen seiner Familie für die Rettung von Elena in Davids Schuld stand.

Als David ein paar Minuten später aus dem Bad kam und nach seinem Rucksack und der Reisetasche greifen wollte, stellte er fest, dass sie nicht mehr da waren. Flaco, der auf ihn wartete, brummte:
„Nun komm endlich! Deine Sachen sind längst im Wagen.“
David nickte nur und ging an Flaco, der hinter ihm das Licht ausknipste und die Tür schloss, vorbei nach draußen. Da das Licht des Mondes kaum durch die Wolken drang, konnte David die beiden Wagen nur schemenhaft erkennen. Erst im Lichtkegel von Flacos Taschenlampe konnte er die Marken ausmachen: Einen Suzuki Grand Vitara, in dem Nadia und Elena saßen, und einen VW Multivan PanAmericana. Flaco öffnete die Seitentür des Multivans, woraufhin David einstieg und sich auf den linken der vier Einzelsitze - die sich zu zweit gegenüberstanden und zwischen denen sich jeweils ein Mitteltisch befand - in Fahrtrichtung setzte. Bevor Flaco einen Kommentar abgeben konnte, erklärte er:
„Ich weiß schon Bescheid. Ich darf mich für die nächste Stunde nicht bewegen.“ David deutete mit dem Kopf in Richtung der Seitenfenster, vor denen Blenden angebracht waren. „Und auf keinen Fall aufstehen und aus dem Fenster sehen, damit ich meinem Vater auch ja keinen Tipp geben kann.“
„Du bist ein echter Schnellmerker“, erwiderte Flaco. „Ehrlich gesagt hatte ich vor, dich an den Sitz festzubinden, damit sichergestellt ist, dass du nicht aufstehen kannst. Aber leider war Nadia dagegen.“
David schüttelte seinen Kopf und verdrehte die Augen.
„Findest du nicht, dass du übertreibst? Ich weiß doch sowieso, dass die Hütte nicht allzu weit weg von der Stelle des Flusses sein kann, wo Elena und ich an Land gekrochen sind.“
„Leider“, seufzte Flaco. „Aber wenn es um Nadias Sicherheit geht, kann ich nicht vorsichtig genug sein. Und deswegen bleibst du erst einmal hier sitzen.“
Er schloss die Tür, ging um den Van herum und stieg vorne ein. Flaco drehte sich zu David um und fasste nach dem Vorhang, der zwischen der Fahrerkabine und dem Gastraum angebracht war. Mit der anderen Hand zeigte er auf eine Webkamera, die auf dem Mitteltisch, der David gegenüber stand, festgeklemmt war.
„Ich habe hier vorne einen eingebauten Bildschirm, auf dem ich jede deiner Bewegungen beobachten kann. Also bleib da sitzen, bis ich dir erlaube aufzustehen. Das ist gesünder für dich.“
Er zog den Vorhang zu und rief:
„Lass es bleiben!“
„Was?“, fragte David unschuldig.
„Mir einen Stinkefinger zu zeigen.“
David tat es dennoch, woraufhin Flaco ein drohendes Knurren ausstieß, jedoch ohne einen weiteren Kommentar den Motor anließ und losfuhr.
Nach ein paar Minuten - in denen David missmutig auf den Vorhang sowie die Webkamera starrte - zog er überrascht seine Augenbrauen hoch, als plötzlich die sanften Klänge mehrerer Geigen und eines Klaviers durch den Wagen tönten. David hätte nicht gedacht, dass Flaco ein Fan klassischer Musik war. Er lauschte dem ihm unbekannten Stück und merkte, wie er sich allmählich entspannte. Nach fünf Minuten stellte er die Lehne seines Sitzes etwas zurück und streckte seine Beine aus. Da ihm fröstelte, griff er nach einer Decke, die auf dem Sitz neben ihm lag, packte sich darin ein und schloss seine Augen. Langsam driftete er in einen tiefen Schlaf, den sein Körper noch immer dringen benötigte, um heilen zu können und den Blutverlust auszugleichen.
Auch Flaco entspannte sich, als er feststellte, dass David keinen Versuch startete, aufzustehen - und sei es nur, um ihn zu ärgern. Er erlaubte sich sogar ein kleines Lächeln, nachdem sein Passagier eingeschlafen war und friedlich vor sich hin schlummerte.

Kapitel 12: Unerwartete Begegnung

Zwei Stunden später brachte Flaco seinen Wagen durch eine Vollbremsung zum Stehen, wodurch David aus seinem Schlaf gerissen und in den Sicherheitsgurt gepresst wurde. David schrie auf, da der Gurt erbarmungslos in seine Schusswunde, seine Rippen und die Prellungen schnitt. Als sich der Sicherheitsgurt schließlich lockerte, schnallte David sich ab und sog keuchend Sauerstoff in seine Lungen. Er hörte Flaco fluchen und gleich darauf die entsetzte Stimme von Nadia, die offenbar über Funk mit ihm in Verbindung stand:
„Flaco! Willst du uns umbringen? Ich wäre fast auf euch draufgefahren und Elena“ - deren Schluchzen deutlich zu hören war - „weint, weil der Gurt sich in ihre Prellungen gedrückt hat!“
„Tut mir leid, aber vor uns ist die Straße versperrt. Sieht so aus, als hätte es hier einen Erdrutsch gegeben und das konnte ich leider nicht rechtzeitig sehen, da wir gerade um eine Kurve gefahren sind.“
Da Flaco die Webkamera bereits vor einer Stunde ausgeschaltet hatte, drehte er sich zu David um. Dieser drückte seine Arme gegen seinen Oberkörper und Flaco zuckte leicht zusammen, als er Davids kreidebleiches Gesicht sah.
„Bist du in Ordnung?“
„In zwei Minuten.“
„Gut, ich steige mal aus, um mir die Straße anzusehen. Du darfst jetzt übrigens
aufstehen.“
„Wie großzügig“, japste David und warf Flaco einen grimmigen Blick zu, der daraufhin mit seinen Schultern zuckte, etwas davon murmelte, dass er die Vollbremsung nicht mit Absicht gemacht hätte und den Wagen verließ.

Flaco starrte auf die Stein- und Erdmassen, die sich vor ihm auf der Straße türmten und ein unüberwindbares Hindernis darstellten. Nadia, die mit Elena auf dem Arm neben ihn trat, blickte den steilen Hang rechts von ihnen hinauf, von dem sich die Massen gelöst hatten. Anschließend ging sie einige Schritte nach links bis zum Straßenrand, starrte in die Tiefe und schüttelte missmutig ihren Kopf.
„Wir müssen den zuständigen Behörden Bescheid sagen, was hier passiert ist und uns wohl oder übel einen anderen Weg suchen.“
„Leider“, murmelte Flaco und wischte sich durch sein Gesicht. Als er hinter sich ein Geräusch hörte, drehte er sich um und erblickte David, der ausgestiegen war und sich an den Van lehnte. Nadia bemerkte ihn ebenfalls, und als sie sein aschfahles Gesicht sah, eilte sie zu ihm. Vorsichtig setzte sie Elena ab, deren Wangen noch immer feucht von ihren Tränen waren, streichelte ihr tröstend über die blonden Haare und fragte leise:
„Bleibst du hier stehen, damit ich nach David sehen kann?“
Elena nickte, blickte zu diesem auf und lehnte sich, genau wie er, an den Wagen. Nadia konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie bemerkte, dass ihre Tochter Davids Haltung nachahmte. Sie wandte sich ihm zu und murmelte: „Lass mal sehen“. Zielstrebig schob sie sein T-Shirt hoch, woraufhin David sich verspannte. Als Nadia behutsam ihre Hand auf den blutbesprenkelten Verband legte, der seine Schussverletzung abdeckte, und dabei mit ihren Fingerspitzen seine Haut berührte, beschleunigte sich sein Herzschlag. Ihre Nähe und der zarte Duft ihrer Haare brachten ihn durcheinander. Davon bekam Nadia jedoch nichts mit, da sie ihre Augen schloss, ihre Gabe einsetzte und sich ausschließlich auf Davids Verletzungen konzentrierte. Sie wollte wissen, ob er die Vollbremsung gut überstanden und der stramme Gurt keine weiteren Schäden an seiner bereits lädierten Rippe sowie der Schusswunde angerichtet hatte.
David blickte gebannt auf die tiefe Falte zwischen ihren Brauen, und erst als sie ihre Augen wieder öffnete und ihre Hand wegzog, atmete er tief durch. Er gestand sich ein, dass Nadia ein Gefühl in ihm auslöste, das er bei noch keiner anderen Frau gespürt hatte. Jedenfalls nicht so intensiv. Er räusperte sich und fragte:
„Was hast du gemacht? Es sah so aus, als könntest du fühlen oder sehen, wie schlimm meine inneren Verletzungen sind.“
„Ja, genau das kann ich“, antworte Nadia, doch David fiel auf, dass sie ein wenig verwirrt aussah.
„Was ist los? Hat sich irgendetwas verschlimmert?“
„Nein“, antworte Nadia und schüttelte bekräftigend ihren Kopf. „Ich wundere mich nur ein wenig über deine angeschossene Rippe. Sie sieht viel besser aus, als ich es von der letzten Nacht her in Erinnerung habe.“
„Das könnte daran liegen, dass du zu dem Zeitpunkt mental, emotional und physisch völlig fertig warst“, mischte sich Flaco ein. „Da kann es schon vorkommen, dass man Dinge schlimmer empfindet, als sie in Wirklichkeit sind.“ Er ließ seinen Blick über die Straße sowie ihre Wagen wandern und fuhr nachdenklich fort:
„Eigentlich müssten wir es schaffen hier zu wenden, ohne den Abhang hinunterzustürzen. Wir sind vor gut einem Kilometer an einem Parkplatz vorbeigekommen. Wie wäre es, wenn wir bis dorthin zurückfahren, eine Pause machen und erst einmal frühstücken? Dann können wir uns auch eine neue Route suchen.“
„Hört sich gut an“, meinte Nadia und steckte sich eine ihrer langen Haarsträhnen hinters Ohr, die ihr ein leichter Windstoß ins Gesicht geweht hatte. „Dann kann ich auch Davids Verband wechseln.“
Flaco nickte und ging zu Nadias Wagen, um ihn zu wenden.
„He!“ rief sie ihm entrüstet hinterher. „Das kann ich auch alleine!“
„Das weiß ich!“, rief Flaco zurück ohne sich umzudrehen, woraufhin Nadia die Arme vor ihrer Brust verschränkte und ärgerlich zischte:
„Ich hasse es, wenn er mich bemuttert und so tut, als sei ich erst fünfzehn.“
David zuckte nur mit seinen Schultern und zog es vor zu schweigen. Er war froh, dass Flaco den Wagen wendete, auch wenn Nadia das mit Sicherheit genauso gut konnte wie dieser oder er selbst. Aber alleine die Vorstellung, dass sie bei dem Wendemanöver den Abhang hinabstürzen könnte, löste ein beklemmendes Gefühl in ihm aus.
Einige Zeit später studierten Flaco und Nadia die Straßenkarte. Um nicht einen großen Umweg in Kauf nehmen zu müssen, entschlossen sie sich, einen unbefestigten Weg quer durch die Berge zu nehmen. Sie schätzten, dass sie nach gut zwei Stunden Fahrt wieder eine asphaltierte Straße erreichen müssten.
Während ihrer Besprechung warf Nadia hin und wieder einen belustigten Blick zu ihrer Tochter, die David voll in Besitz nahm. Elena ritzte mit einem langen Stock Striche in den sandig-steinigen Boden und er musste erraten, was die Skizzen darstellen sollten.

Als sie schließlich den unbefestigten Weg erreichten, stoppte Flaco seinen Van und starrte ein Schild an, auf dem groß geschrieben stand: PRIVATGELÄNDE, DURCHFAHRT STRENGSTENS VERBOTEN.
„Das kann nicht sein“, murmelte er und blickte auf die Karte, die auf dem eingebauten Bildschirm in der Mitte des Armaturenbrettes zu sehen war. „Die Straße ist nicht als Privatweg gekennzeichnet und außerdem gibt es hier doch weit und breit nichts außer Landschaft. Da hat sich doch jemand einen Scherz erlaubt.“
Er schaute wieder auf das Schild, schüttelte seinen Kopf und fuhr weiter, während er brummte:
„Wollen doch mal sehen, ob jemand versuchen wird, uns aufzuhalten.“
David, der bis jetzt - abgesehen von zwei erfolglosen Versuchen, sich mit seinem verschlossenen Nebenmann zu unterhalten - schweigend auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, blickte Flaco eine Weile nachdenklich an. Schließlich stand er auf und begab sich in den hinteren Teil des Fahrzeuges.
Flaco, der sich innerlich strikt weigerte, durch ein Gespräch eine Beziehung zu David aufzubauen, da dieser seiner Meinung nach alleine schon dadurch, dass er der Sohn von Leon Martinez war, eine potenzielle Gefahr für Nadia darstellte, beobachte ihn im Rückspiegel. Als er jedoch sah, wie David sich mit zusammengebissenen Zähnen Socken und feste Schuhe anzog, siegte seine Neugier. Er durchbrach das Schweigen und fragte sarkastisch:
„Hast du jetzt vor, neben dem Wagen herzujoggen?“
David zog es vor, die spöttische Frage zu überhören und setzte sich wieder auf den Beifahrersitz, ohne Flaco Beachtung zu schenken, was diesen mehr wurmte, als er sich eingestehen wollte. Er warf David einen Seitenblick zu und versuchte es erneut:
„Also, was ist jetzt? Warum hast du dir Schuhe angezogen? Soll ich anhalten, damit du aussteigen und joggen kannst?“
Leicht verärgert wandte sich David ihm zu:
„Du möchtest wirklich wissen, warum ich mir Schuhe angezogen habe? Was ich denke und fühle?“
Flaco zog eine Augenbraue hoch und schüttelte seinen Kopf.
„Ich möchte wissen, warum du dir Schuhe angezogen hast, aber ganz bestimmt nicht, dass du dein Seelenleben vor mir ausbreitest.“
„Das würde ich auch eher einem Stein anvertrauen!“, zischte David. Seine Aufmerksamkeit wurde jedoch von einigen besonders tiefen Schlaglöchern, die über mehrere Meter hinweg auf dem schmalen Weg vor ihnen auftauchten, angezogen. Da es auf ihrer linken Seite zusätzlich beängstigend steil bergab ging, musste Flaco sich vorläufig vollständig aufs Fahren konzentrieren. Dabei warf er hin und wieder einen besorgten Blick in den Rückspiegel auf Nadias Wagen und wünschte sich, dass er beide Autos zugleich steuern könnte. Auch David schaute immer wieder über seine Schulter nach Nadia, und als sie die gefährliche Stelle passiert hatten, atmete er erleichtert auf und meinte:
„Vielleicht wäre ein größerer Umweg doch besser gewesen. Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl dabei, hier durch die Gegend zu fahren.“
Normalerweise hätte Flaco David eine bissige Antwort gegeben, doch da sich in ihm ebenfalls eine Unruhe aufbaute, die nicht wirklich durch die kurze, gefährliche Fahrtstrecke erklärbar war, nickte er bestätigend und fragte:
„Du hast dir also Schuhe angezogen, weil du das Gefühl hast, dass etwas passieren wird?“
David studierte Flacos Gesichtsausdruck, und als er zu dem Schluss kam, dass die Frage ernst gemeint war, erklärte er:
„Im Grunde genommen ja. Als du in diese Straße abgebogen bist, beschlich mich ein ungutes Gefühl, das immer intensiver wird. Nachdem, was mir die letzten zwei Tage passiert ist, würde es mich nicht wundern, wenn wir uns hier auf einem geheimen Versuchsgelände befänden und gleich ein paar wütende Zombies auftauchen.“
In diesem Moment meldete sich Nadia über Funk, der seit ihrer Pause ausgeschaltet war:
„Ich habe ein merkwürdiges Gefühl. Irgendetwas stimmt hier nicht. Am liebsten würde ich umkehren, auch wenn sich das jetzt ziemlich albern anhört.“
„Du bist nicht die Einzige, die sich nicht wohlfühlt.“, beruhigte Flaco sie. „David geht es genauso wie dir und in mir baut sich allmählich auch eine innere Unruhe auf. Vielleicht sollten wir wirklich …“
„Halt bitte mal an“, unterbrach David die beiden plötzlich, woraufhin Flaco ihn überrascht ansah. Sein Beifahrer starrte mit einem Gesichtsausdruck, als würde er einen Geist sehen, auf eine riesige Blumenwiese, die sich nun zu beiden Seiten des Weges vor ihnen erstreckte. Flaco bremste und beobachtete stirnrunzelnd, wie David ausstieg und ein paar Schritte den Weg entlang ging. Schließlich blieb er stehen und berührte vorsichtig eine der kelchartigen, orangen Blüten. Gleich darauf schrie er auf, presste seine Hände gegen seine Schläfen und sackte auf die Knie. Bevor sich Flaco von seiner Überraschung über Davids Zusammenbruch erholen und aussteigen konnte, stürzte Nadia bereits an seinem Wagen vorbei.
David hatte das Gefühl, sein Schädel würde auseinandergerissen. Er fiel zur Seite und rollte sich stöhnend zusammen, während er weiterhin die Hände gegen seine hämmernden Schläfen presste. Durch seinen Geist schossen Bilder seines Albtraumes, an die er sich normalerweise nicht erinnern konnte. Klar und deutlich. Entsetzen breitete sich in ihm aus, denn er kannte diese Blumen. Er wusste, dass sie ihren Ursprung nicht auf dieser Erde hatten, dass es außerirdische Pflanzen waren und dass der Anbau in ihrer Welt nichts Gutes für die Menschheit bedeutete. Gerade als er glaubte, sein Schädel würde explodieren, war es schlagartig vorbei. Keine Bilder rasten mehr durch seinen Kopf und die Schmerzen ließen nach. Sein verkrampfter Körper entspannte sich und er drehte sich schwer atmend und mit geschlossen Augen auf den Rücken.
„David?“
Nadias besorgte Stimme drang zu ihm durch und er fühlte ihre Hand auf seiner Schulter. „Was ist passiert?“
Ohne nachzudenken, stieß er hervor:
„Diese Pflanzen ... ich kenne sie aus meinem Albtraum!“
Nadia betrachtete nachdenklich die Blumen und nach einer Weile fragte sie:
„Soll das heißen, dass dir diese Blumen bekannt vorkamen und als du eine von ihnen berührt hast, sind Erinnerungsfetzen aus deinem Traum durch deinen Kopf gejagt?“
David nickte mit noch immer geschlossenen Augen und atmete mehrmals tief durch. Schließlich rieb er sich durch sein Gesicht, richtete sich etwas auf und stützte sich auf seinem Ellenbogen ab. Er blickte Nadia an und in seiner Stimme schwang ein flehender Unterton mit:
„Bitte sag mir, dass du diese Pflanzen kennst und dass sie nicht außerirdisch sind.“
Nadia musterte sein blasses Gesicht und stand schließlich zögernd auf. Vorsichtig berührte sie eine der Blumen und schloss konzentriert ihre Augen. Nach einer Weile erklärte sie leise:
„Ich habe diese Pflanzen noch niemals in meinem Leben gesehen und ich bin mir sicher, dass es keine Heilpflanze ist, das würde ich spüren.“
„Ist sie außerirdisch?“
„Ich kenne einige Pflanzen, die die Exesora mitgebracht und hier kultiviert haben. Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit diesen Blumen hier, vor allem die gelben Stiele und Blätter. Ihr Aussehen und mein Gefühl sprechen für einen außerirdischen Ursprung.“
„Warum sollten die Exesora hier riesige Felder solcher Pflanzen anbauen?“, fragte Flaco irritiert.
„Sie benötigen sie, um in isolierten Räumen ein Klima zu erschaffen, in denen sie ohne unsere menschlichen Körper überleben können“, erklärte David, und als ihm bewusst wurde, was er gerade gesagt hatte, setzte er sich bestürzt auf. Er presste leise stöhnend eine Hand auf seine Schussverletzung und blickte Nadia und Flaco abwechselnd mit schockgeweiteten Augen an.
„Woher weiß ich das? Wieso habe ich diesen Albtraum? Wie ist es möglich, dass er mit den Exesora zusammenhängt?“
David bekam keine Antwort auf seine Fragen, da Nadia einen kleinen Schrei ausstieß und nun ihrerseits eine Hand gegen ihre Schläfe presste. Sie blickte entsetzt die Straße entlang - die sich mindestens einen Kilometer weit durch die Blumenwiesen schlängelte, bevor sie die nächst größeren, zusammenhängenden Felsen erreichte - und rief:
„Exesora! Sie sind schon ganz nah!“
„Was?“, fragte Flaco ungläubig, da Nadia die Außerirdischen normalerweise bereits spüren konnte, wenn sie noch vier Kilometer weit entfernt waren. „Bist du dir ganz sicher?“
„Ja“, antworte sie und im selben Moment tauchten zwischen den Felsen zwei Wagen auf, die sich schnell näherten.

Kapitel 13: Kampf

Flacos Gedanken überschlugen sich. Hatte David sie getäuscht und in eine Falle gelockt? Arbeitete er in Wahrheit für die Exesora? Nein! Flaco verwarf diese Gedanken innerhalb weniger Sekunden wieder, denn David hatte nicht ahnen können, dass sie hier lang fahren würden. Er hatte bei der Planung ihrer Ersatzroute mit Elena gespielt und ihn und Nadia in keiner Weise beeinflusst. Außerdem konnte er in den letzten zwei Tagen unmöglich mit den Exesora in Kontakt getreten sein.
Flaco blickte in Davids blasses Gesicht, sah den verstörten, verzweifelten Ausdruck in seinen Augen und glaubte ihm, dass er nicht nachvollziehen konnte, was gerade mit ihm passiert war. Dass David selbst nicht verstand, warum er von einem Albtraum geplagt wurde, der offenbar mit den Exesora zusammenhing und plötzlich Dinge wusste, die er nicht wissen konnte.
„Hinter den Van!“, schrie Flaco und fasste nach Davids Arm. Er zog ihn hoch und schubste ihn in Richtung der Wagen, zu denen Nadia bereits stürmte. Sie lief bis zu ihrem Suzuki, riss die Hintertür auf und schnallte Elena ab. Da sie ihre Tochter nicht mehr verängstigen wollte als nötig, erklärte sie möglichst ruhig:
„Da kommen einige Männer und wir wissen nicht, was sie von uns wollen. Deswegen möchte ich, dass du dich hier unten versteckst.“ Nadia zeigte auf den Fußraum hinter dem Beifahrersitz. „Du musst ganz leise sein und kommst erst wieder hervor, wenn ich, Onkel Flaco oder David es sagen, verstanden?“
Elena blickte ihre Mutter ängstlich an, doch sie nickte und kletterte in den Fußraum. Nadia gab ihr einen Kuss auf die Stirn, griff nach einer Decke und legte sie über Elena, während sie eindringlich sagte:
„Sei ganz still und beweg dich nicht.“
Danach lief sie zu David und Flaco hinter den Van. Flaco hatte bereits die Hintertür seines Wagens geöffnet sowie ein Geheimfach im Boden. Dort lagerten neben zwei Pistolen vier Waffen, die Ähnlichkeiten mit Sturmgewehren aufwiesen. Flaco griff nach einem der Gewehre und drückte es David, der noch immer verstört aussah, in die Hände.
„Hast du schon einmal so ein Gewehr gesehen?“
David richtete seinen Blick auf die Waffe und schüttelte seinen Kopf. Flaco blickte kurz zu den schwarzen Wagen, die einhundert Meter von ihnen entfernt hintereinander angehalten hatten und erklärte eilig:
„Es ist eine EI-Waffe. Durch einen Hochspannungsimpuls wird ein tödlicher Blitz erzeugt. Die Waffe wurde vom DeDeAI entwickelt, da die Exesora nur sehr schwer zu töten sind. Normale Kugeln reichen nicht aus, aber geballte Elektrizität vertragen sie nicht.“
„Genauso wenig wie Explosionen und Feuer“, fügte Nadia hinzu. Sie griff ebenfalls nach einer EI-Waffe und rannte, nach einem Blick auf die fremden Wagen, zu einer kleinen Felsengruppe links vom Van, um dort Deckung zu suchen. Sie konnte zwar auch ohne Waffen einen Exesor besiegen, allerdings benötigte sie dafür Augenkontakt. Flaco griff nach einem Hebel an der Waffe, die David in den Händen hielt, entsicherte sie und fragte:
„Hast du schon einmal auf Menschen geschossen?“
„Nein, nur auf Blechbüchsen und Hasen bei Campingausflügen in die Wildnis.“
„Das ist doch schon mal was. Du musst einfach nur zielen, abdrücken und gut treffen, damit die Exesora keine Zeit haben, sich vom menschlichen Körper zu lösen.“
Da sich nun die Vordertüren des ersten Wagens öffneten, hechtete Flaco hinter einigen mannshohen Felsbrocken rechts vom Van. David rannte ihm hinterher, suchte allerdings nach fünf Schritten Schutz hinter drei kleineren Felsenbrocken. Von seiner Position aus konnte er Flaco und Nadia sehen, sowie, durch einen Spalt hindurch, die zwei fremden Wagen.
Aus dem ersten Wagen stiegen zwei Männer mit dunklen Haaren, die jedoch hinter den geöffneten Vordertüren stehen blieben. Es war Flaco unmöglich zu bestimmen, ob es sich um Exesora oder Menschen handelte. Der Fahrer des Wagens rief:
„He, was ist los? Wir wollen euch nur darauf aufmerksam machen, dass ihr euch auf Privatgelände befindet, weswegen wir eure Personalien aufnehmen müssen. Danach dürft ihr weiterfahren.“
„Das glaubst du doch selbst nicht!“, antwortete Flaco gereizt. „Wir wissen genau, was ihr seid!“
„Gehört ihr zum DeDeAI?“, fragte der Fahrer überrascht.
„Das geht euch nichts an!“, rief Flaco zurück und überlegte, ob er direkt auf den Wagen feuern sollte, entschied sich jedoch dagegen. Der Energieblitz aus seiner Waffe würde den Insassen im Fahrzeug nichts anhaben können und die beiden Männer neben dem Fahrzeug nur töten, wenn es Menschen waren. Exesor hingegen würde er nur verletzen, allerdings nicht schwer genug und das war gefährlich. Die Außerirdischen wären noch in der Lage, sich von ihren verwundeten, menschlichen Körpern zu lösen. Für diesen Prozess transformierten sie sich in den Zwischenzustand einer Partikelwolke, in der sie jedoch nur kurzzeitig existieren konnten. Ihr Handicap war, dass die Atmosphäre der Erde tödlich für sie war und sie auch in ihrer außerirdischen, festen Lebensform höchstens zehn Minuten überlebten. Aus diesem Grund waren die Außerirdischen nach der Absonderung von ihrem menschlichen Körper im Partikelzustand gezwungen, sich augenblicklich einen anderen Menschen zu suchen, um dessen Körper in Besitz zu nehmen. Dabei veränderten die Exesora die gesamte molekulare Struktur des Menschen und verschmolzen mit ihm - wodurch sie ihn töteten. Gelang es den Exesora nicht, diesen Prozess rechtzeitig erfolgreich durchzuführen, nahmen Sie automatisch ihre feste, außerirdische Form an und es dauerte nicht lange, bis sie in Panik gerieten. Ihr Todeskampf löste eine chemische Reaktion in ihren Körpern aus, wodurch eine Flüssigkeit entstand, die sie unkontrolliert in die Umgebung spuckten. Bei Kontakt wirkte diese Substanz auf Menschen wie aggressive Säure. Es war also gesünder, einen Exesor beim ersten Schuss tödlich zu treffen und ihn nicht nur zu verletzen.
Flaco blickte kurz zu Nadia und diese wusste genau, was er von ihr wissen wollte. Sie rief:
„Mit dem ersten Wagen sind drei Exesora gekommen und mit dem anderen zwei Menschen!“
Die beiden ausgestiegenen Exesora machten den Fehler, in Nadias Richtung zu sehen, als sie ihre Stimme hörten, denn diese benötigte nur einen kurzen Blickkontakt, um in ihren Geist einzudringen und sie zu töten - was Nadia ohne zu zögern tat. Sie jagte die Exesora erst, seitdem Elenas Vater von ihnen getötet wurde. Ihr Zorn und ihr Schmerz über diese Tat halfen ihr, die aufsteigenden Gewissensbisse, gnadenlos ein Lebewesen auszulöschen, zu verdrängen. Außerdem war ihre Tochter hier. Nadia würde alles dafür tun, um sie zu schützen und zu verhindern, dass sie den Außerirdischen in die Hände fiel.
Die angegriffenen Männer stießen einen erschütternden Schrei aus, pressten die Hände gegen ihre Schädel und sackten zu Boden. Sie wälzten sich einige Sekunden lang hin und her, verkrampften sich, doch bald kam kein Laut mehr über ihre Lippen. Plötzlich umgab die Sterbenden ein goldener Schein, der kurz aufflackerte und sich schließlich auflöste. Als er vollkommen verschwunden war, blieben die Männer reglos am Boden liegen. Ihre Körper begannen, in sich zusammenzusinken und auseinanderzufallen. Alles, was von den Körpern übrig blieb, waren schwarze, ascheartige Körner und die Kleidung.
David sah fassungslos zu den Männern und versuchte sich klar zu machen, dass dort keine Menschen elendig starben, sondern Exesora. Gefährliche Außerirdische. Im Gegensatz zu Flaco reagierte er nicht, als der dritte Exesor den Wagen verließ und über die Wiese zu einigen größeren Felsbrocken hechtete. David war zu sehr von dem grauenhaften Szenario geschockt, das sich vor seinen Augen abspielte.
Flaco richtete seine EI-Waffe auf den Flüchtenden, wurde jedoch - aus dem Seitenfenster der Fahrertür des zweiten Wagens - mit einer Schnellfeuerwaffe unter Beschuss genommen. Er musste hinter den Felsbrocken in Deckung gehen, doch es gelang ihm noch, den Abzug seiner Waffe durchzudrücken. Aus dieser löste sich ein gelblicher Energiestrahl, der den flüchtenden Exesora allerdings nur streifte. Flaco stieß einen Fluch aus, denn nun war genau das passiert, was er vermeiden wollte: Der Exesor würde sich von seinem umgewandelten, menschlichen Körper trennen müssen und verzweifelt versuchen, mit einem anderen Menschen zu verschmelzen.
Während der Fahrer des zweiten Wagens weiterhin auf den Felsen feuerte, hinter dem sich Flaco befand, stieg dessen Beifahrer aus und rannte, ebenfalls feuernd, zu einigen Felsbrocken rechts von ihm. Er sah nicht in Nadias Richtung, weswegen sie keinen Blick von ihm erhaschen konnte, um in seinen Geist einzudringen. Sie feuerte in die Richtung des Mannes, verfehlte ihn jedoch bewusst um etliche Meter, denn er war kein Exesora. Sie wollte ihn lediglich außer Gefecht setzen und wie geplant veranlasste der Schuss den Mann, zu ihr zu blicken. Nur kurz, doch der Kontakt reichte ihr. In Deckung gehend schloss sie die Augen und konzentrierte sich auf den Geist ihres Gegners, um ihn mental anzugreifen. Allerdings konnte sie ihr Vorhaben nicht in die Tat umsetzen, denn plötzlich fuhr ein greller, schmerzhafter Blitz durch ihre Gehirnwindungen. Sie schrie auf, und noch bevor sie ihre Hände heben konnte, um sie gegen ihre Schläfen zu pressen, traf sie ein weiterer Geistesblitz. Mit einem schmerzerfüllten Keuchen brach sie zusammen.
„Nadia!“, schrie Flaco entsetzt und sprang auf, um zu ihr zu eilen, wurde jedoch von den Schüssen des Mannes im zweiten Wagen gezwungen, hinter den Felsen zu bleiben. Er beobachtete, wie David das kurze Stück zum Van zurücklief, die EI-Waffe in das Fahrzeug schmiss und nach einer Pistole griff. Flaco vermutete, dass David sich mit dieser Waffe wohler fühlte, da er von seinen Übungen her mit einer Pistole umgehen konnte und die Männer, die sie unter Beschuss nahmen, Menschen waren.
David löste den Sicherungshebel und feuerte auf den Mann hinter den Felsen, während er zu Nadia rannte, die sich nicht rührte. Im Schutz der Felsen ließ er sich neben ihr auf die Knie fallen und drückte zwei Finger auf ihre Halsschlagader. Als er einen regelmäßigen Puls fühlte, atmete er erleichtert auf und suchte ihren Körper nach Verletzungen ab, konnte jedoch keine finden. Er blickte zu Flaco hinüber und hob den Daumen, damit dieser wusste, dass Nadia noch lebte. Ihm fiel auf, dass Flaco unter Dauerbeschuss genommen wurde, auf ihn und Nadia allerdings nicht geschossen wurde. Er hatte jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich tauchte hinter Flaco ein Exesor in seiner eigenen, festen Gestalt auf. Es war der Exesor, den Flacos Energieschuss nur gestreift hatte und der sich von seinem verletzten, menschlichen Körper hatte trennen müssen. Da er nicht augenblicklich in einen anderen Menschen hatte eindringen können, hatte sein Körper sich bereits in seine feste Form verwandelt. Der Exesor sah humanoid aus, war unbekleidet und eindeutig weiblich. Ihre langen, rotbraunen Haare reichten bis zu den Hüften und ihre Haut schimmerte in pastellfarbenen gelb, grün und lila Tönen, die ineinander verliefen.
In dem Moment, als David die Außerirdische sah, wusste er, dass er diese Wesen schon einmal gesehen hatte - in seinem Traum. Er war dankbar, dass diese Erkenntnis keine schmerzhaften Erinnerungsfetzen auslöste und schrie warnend: „Flaco, pass auf!“
Gleichzeitig hob er seine Pistole. Flaco blickte ihn verwirrt an, da es so aussah, als würde David auf ihn zielen, doch der Schuss verfehlte ihn und traf den Exesor hinter ihm in die linke Schulter. Die Außerirdische stieß ein schmerzerfülltes Fauchen aus, woraufhin Flaco herumfuhr und reflexartig seine EI-Waffe auf den Exesor abfeuerte. Die Außerirdische war jedoch trotz ihrer Schulterverletzung zu schnell und sprang mit einem einzigen, geschmeidigen Satz auf den mannshohen Felsen, hinter dem Flaco sich versteckte. Noch hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, in einen menschlichen Körper einzudringen, um ihr Leben zu retten. Noch bewältigte sie ihre Todesangst und war in der Lage, ihren Körper zurück in die partikulare Form zu verwandeln, um Flacos Körper zu übernehmen. Von ihrem Leib lösten sich kleinste Teilchen, die, golden schimmernden Feinstaub gleich, auf Flaco zuschossen. Zehn Zentimeter vor ihm prallten die Partikel jedoch zurück, als seien sie auf eine unsichtbare Mauer gestoßen. Flaco atmete erleichtert auf und warf seinem Armband einen dankbaren Blick zu, das verhinderte, dass der Exesor in seinen Körper eindringen konnte.
Die Außerirdische stieß einen verzweifelten Schrei aus, während die abgesonderten Partikel zu ihr zurückwirbelten und sich wieder mit ihrem Körper vereinigten. Flaco feuerte erneut auf sie, doch auch dieses Mal war die Außerirdische schneller. Sie sprang mit zwei großen Sätzen auf den Van und von dort hinter Nadia und David. Das Ganze ging so schnell, dass Flaco Mühe hatte, den Bewegungen der Exesorfrau zu folgen.
David wirbelte herum und hob seine Pistole, drückte jedoch nicht ab, als er dem Blick der Außerirdischen begegnete. Sie hatte große, lila marmorierte Augen, in denen eindeutig Angst geschrieben stand. David blickte kurz auf ihre Schulter und stellte überrascht fest, dass die Schusswunde verschwunden war. Nur noch dunkelgrünes Blut war auf der Haut zu sehen. Die Exesorfrau gab laute, hektische Atemgeräusche von sich, so als würde sie nicht genügend Sauerstoff bekommen. Sie trat zögernd einen Schritt näher an David heran, blickte auf sein Armband und schloss für einen Moment ihre Augen. Als sie sie wieder öffnete, stand pure Verzweiflung in ihnen.
„Schieß endlich!“, schrie Flaco warnend. „Sie stirbt und hat Panik. Sie könnte jeden Moment Säure spucken!“
Flaco selbst wagte es nicht, auf die Außerirdische zu schießen, da sie viel zu nah bei Nadia und David stand. Der Energiestrahl könnte auch die beiden lebensgefährlich verletzen. Er wartete darauf, dass David noch einmal mit seiner Pistole auf die Exesorfrau feuerte, auch wenn sie das nicht umbringen würde. Aber sie würde den Schmerz spüren und sich vielleicht kurzzeitig weit genug von David und Nadia entfernen. Jedenfalls mit ein wenig Glück.
David hob seine Pistole etwas an, doch die ängstlichen, weit aufgerissenen Augen der Exesorfrau ließen ihn erneut zögern. Zu deutlich spürte er ihre Panik vor dem nahen Tod. Allerdings brauchte er nicht mehr zu feuern, denn die Außerirdische wandte sich ruckartig ab. Mit riesigen Sätzen sprang sie auf den Mann zu, der sich hinter die Felsen verschanzt hatte und von dort aus auf Flaco feuerte. Kurz bevor sie ihn erreichte, lösten sich schimmernde Partikel von ihrem Körper, die auf den Mann zuschossen und in ihn eindrangen: durch seinen Mund, seine Nasenlöcher, seine Ohren und seine Poren. Er rannte wild um sich schlagend zu seinem Wagen, wollte der wirbelnden Masse entkommen, doch er hatte keine Chance. Immer mehr Partikel lösten sich von der Außerirdischen und drangen in ihn ein. Er brach röchelnd zusammen, wand sich unter Schmerzen und erst, als die Außerirdische vollständig in ihn eingedrungen war, blieb er reglos liegen.
David, der die Übernahme gebannt beobachtet hatte, lief ein kalter Schauer über den Rücken. Das alles kam ihm beängstigend bekannt vor. Er atmete tief durch und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Nadia, die noch immer nicht bei Bewusstsein war. Er schob einen Arm unter ihre Kniekehlen, den anderen unter ihren Rücken und hob sie hoch. Er warf einen Blick auf ihre Angreifer, die offenbar Anstalten machten, sich zurückzuziehen, und rannte zum Van. Er erreichte ihn gleichzeitig mit Flaco, der die Seitentür aufschob, damit David Nadia in den Wagen bringen konnte. Während dieser sie behutsam auf einen Sitz setzte, fasste Flaco nach ihrem Handgelenk. Als er einen regelmäßigen Puls fühlte, erklärte er:
„Wir sollten hier schnellstens abhauen, bevor die erneut angreifen oder Verstärkung bekommen.“
David nickte und strich Nadia eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ohne Flacos unwirschen Blick zu beachten, dem diese zärtliche Geste überhaupt nicht gefallen hatte, eilte er anschließend zu Nadias Wagen. Er riss die Tür auf, und da er Elena nicht auf dem Rücksitz sah, rief er erschrocken ihren Namen. Er befürchtete, dass sie während des Kampfes aus Angst den Wagen verlassen haben könnte. Doch zu seiner Erleichterung hörte er ihre zaghafte Stimme durch die Decke hinter dem Beifahrersitz:
„David? Bist du das?“
„Ja, Elena.“
Er setzte sich hinter das Steuer, wandte sich ihr zu und erklärte mit möglichst ruhiger Stimme:
„Wir müssen hier ganz schnell weg. Deine Mutter fährt bei Flaco mit. Schaffst du es, auf deinen Sitz zu klettern und dich anzuschnallen?“
Elena nickte und kroch unter der Decke hervor. David startete den Motor, und als Elena auf ihrem Sitz saß, wendete er zügig den Wagen, dankbar, dass genügend Platz dafür vorhanden war. Im Rückspiegel sah er Flaco ebenfalls wenden und es dauerte nicht lange, bis sie die Stelle erreichten, an der die Straße gefährlich schmal wurde.
„Fahr ruhig etwas langsamer“, tönte plötzlich Flacos Stimme aus der Sprechanlage. „Im Moment werden wir nicht verfolgt und ich würde es begrüßen, wenn keiner von uns in den Abgrund stürzt.“
„Da stimme ich dir ausnahmsweise einmal zu“, murmelte David und manövrierte den Wagen konzentriert über die Schlaglochpiste.


***

Flaco, Nadia und David ahnten nicht, dass die außerirdische Blumenwiese von Kameras überwacht wurde. Vor dem Eingang eines alten Bergwerkes, nicht weit von Flaco und seinen Begleitern entfernt, standen zwei Exesora in Männergestalt. Sie hielten Tablet-PCs in ihren Händen, auf denen sie über die Kameraübertragungen den Kampf mitverfolgt hatten. Der Blick auf den Eingang des Bergwerkes - und somit auf die beiden Exesora - wurde durch eine illusionäre Felswand geschützt. Kein Fremder, der sich hierher verirrte, ahnte, dass die Felswände nur eine Täuschung waren, denn selbst bei einer Berührung würde er rauen Stein unter seinen Fingern fühlen.
„Sollen wir sie verfolgen, mein Fürst?“, fragte der Kleinere der beiden Männer und blickte seinen Nebenmann erwartungsvoll an. Oxo war der höchste Fürst der Exesora und herrschte über das gesamte Volk. Unterstützt wurde er von den Niederfürsten, die, genau wie Oxo, besondere Fähigkeiten besaßen.
„Nein Bexaja, wir haben für heute genug Verluste erlitten. Außerdem würde die Frau es spüren, wenn ihnen ein Exesor folgt, sobald sie wieder zu sich kommt. Mein mentaler Angriff auf sie war nur schwach, da ich es vermeiden wollte, sie schwer zu verletzen, oder gar zu töten. Sie heißt Nadia und ist eindeutig eine Nachfahrin von Magdalena.“
„Kannst du ihre Begleiter nicht auch einfach außer Gefecht setzen, mein Fürst?“
„Leider nicht, Bexaja. Sie sind zu weit entfernt. Ich konnte nur einen Zugang zu Nadia finden, weil sie ihre Fähigkeit benutzt hat. Zu ihren Begleitern müsste ich Blickkontakt herstellen, um sie angreifen zu können.“
Bexaja fuhr sich durch seine roten, stoppeligen Haare und meinte:
„Warum konnte sie unsere Anwesenheit eigentlich erst spüren, nachdem wir das Bergwerk verlassen haben?“
„Weil das Gestein hier ein Mineral enthält, das ihre Fähigkeiten beeinflusst. Genauso wie meine. Tief im Berg konnte weder ich sie noch sie uns spüren“, antwortete Oxo und fuhr nachdenklich fort:
„Der Einzige, der versuchen könnte ihnen zu folgen, ist Tim, da er ein Mensch ist. Allerdings ist das wohl keine gute Idee, da sein Partner unglücklicherweise soeben von einem Exesor übernommen und getötet wurde. Tim ist garantiert ziemlich verstört und auch sein Vertrauen in uns dürfte angekratzt sein.“
Bexaja nickte langsam, wandte jedoch ein:
„Aber dann verlieren wir sie, mein Fürst. Was, wenn sie nicht nur die Fähigkeit, sich gegen uns zur Wehr zu setzen, von Onoxo erhalten hat, sondern gleichzeitig seine Trägerin ist? Ich glaube nicht, dass uns ihre Autokennzeichen etwas nutzen werden, oder?“
„Wahrscheinlich nicht, dafür werden sie Sorge getragen haben. Aber wir werden sie schon wiederfinden“, erklärte Oxo, um dessen Lippen plötzlich ein wissendes Lächeln spielte. Bexaja betrachtete irritiert sein Gegenüber. Das Oberhaupt ihres Volkes steckte in einem attraktiven, männlichen Menschen: sportlich, ca. vierzig Jahre alt, ein anziehendes Gesicht mit graugrünen Augen und dunkle Haare, die nur an den Schläfen leicht ergraut waren. Auf die Menschen wirkte Oxo in diesem Körper sympathisch und war für sie Marcus Anderson. Ein erfolgreicher, zurückgezogen lebender Geschäftsmann, dem eine Import-Export-Firma gehörte, die für ihr Vorhaben, sich unter den Menschen auszubreiten, unverzichtbar war.
„Was macht dich so sicher, mein Fürst?“, fragte Bexaja schließlich.
„Ich habe vor zwei Tagen die Information erhalten, dass eine von uns Gefühle für einen Menschen entwickelt hat, der uns mit Sicherheit sagen kann, wo wir Nadia finden können.“
„Eine von uns hat sich in einen Menschen verliebt?“, versicherte sich Bexaja ungläubig.
„Ja“, bestätigte Oxo. Da Bexaja noch niemals die Gegend des Bergwerkes verlassen und nur wenig Kontakt mit Menschen hatte, erklärte er: „Das passiert öfter, als du denkst. Sie heißt Ynja und als Mensch nennt sie sich Esther Schulz. Sie hat ihren Körper erst vor wenigen Monaten in Besitz genommen und lebt nun in einem kleinen Kaff hier in Colorado.“
Bexaja seufzte leise, als er an die Evakuierung dachte. Ihr Planet starb und ihnen blieb nicht mehr viel Zeit, möglichst viele ihres Volkes in Sicherheit zu bringen. Leider öffnete sich das Portal, durch das sie auf die Erde gelangten, nur alle halbe Jahre für einige Minuten. Dieses Zeitfenster war einfach zu kurz.
„Dieser Mann“, erklärte Oxo weiter, „trägt eines der zehn Armbänder, die Onoxo damals Magdalena gegeben hat. Von Ynja haben wir erfahren, dass er mit Nadia zusammenarbeitet. Ynja befindet sich bereits in unserem Hauptquartier in Denver und ich bin sicher, wenn wir ihm drohen, ihr etwas anzutun, wird er uns verraten, wo Nadia sich aufhält.“
Bexaja nickte beruhigt und meinte:
„Ich würde gerne mal nach Denver kommen, um mir die Stadt anzusehen.“
„Ich werde es arrangieren“, versprach Oxo und blickte auf sein Tablet. Er beobachtete die davonfahrenden Wagen, bis die Überwachungskameras sie nicht mehr erfassten. Trauer keimte in ihm auf, denn die Begegnung mit Nadia weckte Emotionen in Oxo, die er nur selten an die Oberfläche kommen ließ. Gefühle, die schmerzten und drohten, sein Inneres zu verbrennen. Er vermisste Onoxo und würde die Vergangenheit gerne ungeschehen machen. Aber das war unmöglich. Onoxo war tot und er würde mit dem Verlust leben müssen.

 
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© Elisa Vordano 2014