Leseprobe von "Die Vinetaner - Rusana"

Vineta, du stolze Stadt,
Gold und Silber hattest du satt.
Doch dein Hochmut brachte dich zu Fall,
als zur Strafe Wassermassen kamen von überall.

Zerstört bist du nun, du stolze Stadt,
Dein Gold und Silber haben dir kein Glück gebracht.
Doch noch nach tausend Jahren wird an dich gedacht,
wenn am Ostermorgen dein Schattenbild in den Fluten erwacht.


Kapitel 1: Wochenende

Christian warf seinem Freund und Arbeitskollegen einen Seitenblick zu und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Tims Gesicht war gerötet und seine dunkelblonden Haare peckten auf seiner verschwitzten Stirn, doch er versuchte keuchend, mit ihm Schritt zu halten.
„Was?“, japste Tim. „Wenn du gestern soviel Alkohol wie ich getrunken hättest, dann würdest du auch nicht hier lang joggen ... wie ein Jagdhund. Außerdem muss ich mich, außer zu arbeiten, auch noch um eine besitzergreifende Frau und eine nervige Tochter kümmern.“
Christian lachte. Er wusste, dass Tim seine Frau Lilian liebte und seine zweijährige Tochter vergötterte.
„Du meinst also, ich hechle wie ein Hund?“
Tim blieb stehen, stützte seine Hände auf den Knien ab und pumpte Luft in seine Lungen.
„Nicht direkt. Deine Zunge ... hängt ja nicht draußen.“
„Wie beruhigend.“ Chris war ebenfalls stehen geblieben und atmete mehrmals tief durch. „Ansonsten bräuchte ich mich ja nicht zu wundern, dass mir die Frauen wegrennen. Wer möchte schon einen hechelnden und sabbernden Partner.“
Tim richtete sich auf und ging langsam weiter.
„Hör schon auf! Du weißt genau, dass Sabrina dich verlassen hat, weil du zu viel gearbeitet hast. Die Alte hat dich einfach nicht verdient.“
Chris lachte verbittert auf.
„Das sieht Sabrina völlig anders.“
Tim nickte und blickte auf die Werre, deren sanft fließendes Wasser im Mondlicht schimmerte. Er hatte Sabrina nie gemocht. Sie war viel zu sehr von sich selbst eingenommen und Probleme anderer existierten für sie nicht. Chris war Abteilungsleiter in der Textilfirma, in der sie arbeiteten und sein Vorgesetzter. Das Arbeitsaufkommen im letzten halben Jahr war mörderisch gewesen und Sabrina hatte kein Verständnis dafür aufgebracht, dass Chris so gut wie nie pünktlich Feierabend machen konnte. Im Gegensatz zu ihm musste er sogar oft Samstags arbeiten. Allmählich ebbte die Arbeitsflut ab, doch Sabrina war weg, hatte vor einem Monat Schluss gemacht und Christian die Schuld am Scheitern ihrer Beziehung gegeben. Sie war sogar richtig sauer auf ihn, weil er sie angeblich links liegen lassen hat, was Tims Meinung nach nicht stimmte. In seiner mageren Freizeit hatte Christian sich ausschließlich um sie gekümmert und versucht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Aber es war ihr nicht genug gewesen und sie hatte keine Geduld aufgebracht, die Phase von Christians Überbelastung mit ihm durchzustehen. Sein Freund musste eine Frau finden, die mehr Interesse für seine Probleme aufbrachte.
„Wie findest du denn die neue Sekretärin? Sie wirkt zwar etwas schüchtern, sieht aber süß aus.“
Christian schüttelte den Kopf und strich sich die Haare aus der Stirn.
„Ich weiß nicht. Gestern wollte ich mir einen Kaffee aus der Küche holen, doch die wurde von einer Gruppe Frauen belagert, die schon von weitem zu hören war. Deine süße Sekretärin war auch dabei und unter dem Gejohle der anderen Frauen hat sie uns Männer als Dreibeiner bezeichnet. Das hat sich nicht gerade schüchtern angehört.“
Tims blaue Augen blitzten amüsiert auf.
„Das ist doch völlig normal. Wir haben auch schon in Männerrunden über das andere Geschlecht hergezogen, vor allem, wenn Alkohol mit im Spiel war.“
„Ich weiß, aber irgendwie passte das nicht zu meiner Vorstellung, die ich mir von ihr gemacht hatte. Außerdem ist es sowieso besser, in der Firma kein Techtelmechtel anzufangen.“
„Wie wäre es dann mit Lydia, der Freundin meiner Frau. Du solltest sie endlich mal kennenlernen, sie ist toll.“
„Und warum hast du dann Lilian geheiratet und nicht Lydia?“
„Weil Lilian die heißeste Braut und liebevollste Mutter im Universum ist“, erklärte Tim mit leuchtenden Augen. In seiner Stimme schwang soviel Wärme mit, dass es Christian einen Stich versetzte. Lilian und Tim waren wie geschaffen füreinander und ihre kleine Tochter machte ihr Glück perfekt. Er beneidete die beiden.
Tim musterte seinen Freund von der Seite.
„Nun guck doch nicht so bedröppelt. Du findest schon noch die Richtige.“
„Ja, wenn ich fünfzig bin.“
Tim verdrehte die Augen. Eigentlich war Chris nicht pessimistisch veranlagt, aber die Trennung von Sabrina steckte ihm wohl noch in den Knochen.
„Du bist erst neunundzwanzig und hast noch alle Zeit der Welt, um Kinder zu zeugen.“
„Ich werde in einem Monat dreißig, Tim! Alle Zeit der Welt habe ich bestimmt nicht mehr. Außerdem fällt mir gerade ein, dass ihr euch zu meinem Geburtstag keine peinlichen Sachen ausdenken müsst. Ich bin nicht da.“
„Du willst kneifen und nicht halb nackt den Bürgersteig fegen?“
Christian blieb stehen und starrte seinen Freund an.
„Sehe ich so aus?“
„Natürlich, du kannst es dir doch leisten.“ Tims Mundwinkel verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen und er zog Chris weiter. „Die gesamte Frauenbelegschaft und ein Kollege freuen sich schon darauf.“
„Erst recht ein Grund, abzuhauen. Mir ist im Moment einfach nicht nach solchen Späßen.“
Mittlerweile hatten sie ihre Wagen erreicht, die sie auf dem Parkplatz hinter dem Ludwig-Jahn-Stadion abgestellt hatten. Tim blieb an seinem Golf stehen und meinte:
„Ich weiß, aber in einem Monat kann sich deine Laune ja noch bessern. Musst du Samstag arbeiten?“
„Morgen? Nein, zum Glück nicht. Warum?“
„Weil du morgen zum Essen zu uns kommst. Wir werden auch Lydia einladen.“
Christian schüttelte entschieden seinen Kopf.
„Ich habe wirklich keinen Bock, mich morgen von euch verkuppeln zu lassen. Ich möchte einfach nur ein ruhiges Wochenende genießen und mal wieder Zeit für mich haben.“
„Na gut. Aber nächstes Wochenende kommst du nicht drum rum. Lydia ist wirklich in Ordnung.“
„Und rattenscharf?“
„Auf jeden Fall.“
Christian lächelte halbherzig und gab Tim zum Abschied einen Klaps auf den Oberarm.
„Wir sehen uns Montag in der Firma. Grüß Lilian und deine Tochter von mir.“
„Mach ich. Schönes Wochenende, Chris.“
Tim hob grüßend eine Hand und stieg in seinen Wagen.
Chris ging zu seinem eigenen und betrachtete den Mond, der wie eine riesige Laterne am Himmel hing. Er tauchte die Umgebung in ein diffuses Licht und schaffte  eine unheimliche Atmosphäre. Die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm. Apropos Film. Chris fand, dass es Zeit wurde, an den gemütlichen Teil des Abends zu denken. An Pizza, ein oder zwei Bierchen und einen guten Film. Er wollte einfach nur abschalten und die Welt die Welt sein lassen. Noch bevor er losfuhr, rief er bei seiner Lieblingspizzeria an. Bier stand bereits im Kühlschrank und ungesehene Blu-rays lagen zur Genüge neben dem Fernseher.
Christian brauchte nur fünf Minuten bis zu seinem kleinen, gemieteten Häuschen am Ende einer Sackgasse. Er fuhr in die Garage und beeilte sich, ins Haus zu kommen, da er noch duschen wollte, bevor die Pizza geliefert wurde.

Kapitel 2: Rusana

Noch eintausend Meter bis zur Abfahrt Herford - Bad Salzuflen. Es wurde Zeit, die Überholspur zu verlassen. Rusana setzte den Blinker und zwängte ihren Golf zwischen zwei Lastkraftwagen auf die rechte Spur, um die Ausfahrt nicht zu verpassen. Es war Freitagabend und offenbar versuchte jeder Pendler und Brummifahrer Deutschlands, oder zumindest Nordrhein-Westfalens, über die A2 nach Hause zu gelangen, um das Wochenende zu genießen. Das Gewusel ging Rusana auf die Nerven und sorgte dafür, dass ihre Stimmung noch tiefer in den Keller rutschte. Der einzige, mickrige Lichtblick war, dass sie ihr Ziel fast erreicht hatte: Herford. Allerdings glaubte die Vinetanerin nicht, dass ihre Suche in dieser Stadt enden würde. Nach zweiunddreißig Jahren hatte Rusana kaum noch Hoffnung, die Person zu finden, die den Fluch brechen konnte. Den Fluch, den ihr Bruder über Marco ausgesprochen hatte. Dabei waren zweiunddreißig Jahre gar nicht so lange, wenn man bedachte, dass ihre Rasse bis zu zweitausend Jahre alt wurde. Eigentlich war sie mit ihren achtundneunzig Jahren noch ein junger Hüpfer und sollte das Leben genießen. Aber nein, sie fiel von einer Depression in die nächste und fühlte sich alles andere als lebendig. Die hoffnungslose Suche hatte sie ausgelaugt. Warum musste die gesuchte Person auch Müller heißen? Es gab tausende Müllers. Als sie zuletzt im Online Telefonbuch den Namen Müller aufgerufen hatte, gab es alleine in Deutschland weit über zweihunderttausend Treffer. Selbst wenn sie davon die gewerblichen ausschloss, blieben noch einhundertsiebenundneunzigtausend Treffer. Irre! Warum musste Marco vor neunundfünfzig Jahren unbedingt mit einer Katrin Müller ins Bett steigen und ungewollt Nachwuchs zeugen? Hätte er sich für sein erstes Stelldichein nicht eine Frau mit einem selteneren Namen suchen können? Das würde ihr die heutige Suche nach Marcos Nachkommen, die ihn von dem Fluch befreien konnten, erheblich erleichtern. Einer würde schon reichen, egal ob Sohn, Tochter, Enkel oder Enkelin, aber sie waren nicht auffindbar. Alles, was sie gefunden hatte, waren die Gräber von Marcos Eltern. Rusana hatte einfach zu wenig Informationen. Sie wusste nur, dass Marcos damalige Bettgespielin Katrin Müller hieß, die Beziehung in die Brüche ging, noch bevor der Nachwuchs geboren wurde, und dass Marco damals in München lebte. Wo Katrin Müller abgeblieben war und welche Namen ihre Nachkommen heute trugen, wusste Rusana nicht. Sie wusste noch nicht einmal, ob Katrin auch in München gelebt hat. Hinweise darauf hatte sie keine gefunden. Sollte Katrin Müller geheiratet haben, konnte sie heute jeden Namen der Welt tragen, genauso wie ihre Nachkommen.
Aber Rusanas einziger Anhaltspunkt war nun einmal der Name Katrin Müller und leider war die Frau nicht mehr auffindbar, da halfen auch die Einwohnermeldeämter nicht weiter. Rusana war auf ihrer Suche sogar Spuren bis nach Amerika gefolgt, jedoch ohne Erfolg. Katrin Müller blieb verschollen. Zurzeit konzentrierte Rusana sich wieder auf Deutschland und klapperte eine Stadt nach der anderen ab. Sie stattete jeder Person, die Müller hieß, einen Besuch ab. Egal, ob männlich oder weiblich, denn sie wusste nicht, ob Katrin Müller einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt gebracht hatte. Natürlich auch nicht, ob deren Nachkommen männlich oder weiblich waren. Es war deprimierend. Aussichtslos. Aber Rusana durfte nicht aufhören zu suchen. Sie musste weiter machen, auch wenn sie sich ausgebrannt fühlte. Für sich, für Marco und für ihren Bruder Ruven. Der Fluch musste gebrochen werden und dafür brauchte sie nun einmal einen Nachkommen von Marco Richter. Für heute standen noch zwei Namen auf ihrer Liste. Der erste war Christian Müller. Ihm wollte sie auf jeden Fall noch einen Besuch abstatten, bevor sie sich ein Hotel suchte.

Rusana folgte den Anweisungen ihres Navigationsgerätes. Als die Frauenstimme verkündete, dass sie ihr Ziel erreicht habe, stoppte sie und starrte auf den Wendeplatz vor sich sowie den dahinterliegenden Wald.
„Weiter geht es hier auch nicht“, murmelte sie. „Gut, dass Christian Müller nicht irgendwo im Unterholz haust. Ich hätte jetzt echt keinen Bock mehr, durch die Büsche zu rennen.“
Sie parkte den Wagen vor dem letzten Haus, stellte den Motor ab und verglich noch einmal die Hausnummer mit ihrer ausgedruckten Anschrift. Sie passte.
Rusana schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Sie war müde, aber das hier würde ja schnell gehen. Wie immer würde es heißen: Leider einer Niete, bitte versuchen Sie beim nächsten Müller ihr Glück.
Rusana öffnete ihre Augen wieder, als neben ihr ein Wagen entlangfuhr und auf dem Wendeplatz hielt. Kurz darauf stiegen zwei dunkel gekleidete Männer aus und öffneten die Heckklappe ihres altersschwachen Kombis. Sie blickten sich kurz um, bemerkten sie in ihrem Wagen jedoch nicht und begannen, Müll auszuladen und in den Wald zu schmeißen. Rusana zog ein wenig verwundert die Brauen hoch. Wieso machten die Männer das nicht an einem dunkleren Abend? Selbst für einen Menschen, der nachts nicht so gut sehen konnte wie sie, waren die beiden im Licht des Mondes und der genügend vorhandenen Straßenlampen gut zu erkennen.
„Ihr Idioten hättet euren Müll auch mitten am Tag hier abladen können. Ich glaube kaum, dass es dann belebter wäre, wie jetzt.“
Ein weiterer Wagen fuhr an ihr vorbei und parkte genau vor ihrem. Rusana rutsche etwas tiefer in ihren Sitz und schüttelte den Kopf. Hier war doch mehr los, als sie eben noch geglaubt hatte.
Der Fahrer des neu angekommenen Wagens stieg aus, öffnete die Hintertür und nahm eine graue Styroporbox vom Rücksitz. Da hatte wohl jemand Pizza bestellt. Der junge Mann, Rusana schätze ihn auf zwanzig, ging um seinen Wagen herum und stockte, als er die beiden Männer bemerkte, die nun auf ihn zukamen. Sie waren nur noch fünf Schritte entfernt und bevor Rusana sich fragen konnte, was die beiden Umweltsünder vorhatten, rief einer von ihnen gedämpft:
„Du hast doch bestimmt Geld dabei! Her damit!“
Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, zogen sie Klappmesser aus ihren Jackentaschen und öffneten sie drohend. Rusana lächelte. Sie hatte Hunger und außer einem Happen Pizza könnte sie durchaus ein wenig Blut vertragen. Sie nahm ihre Umhängetasche vom Nebensitz - schließlich hatte sie noch einen Besuch vor sich - und griff nach dem Türöffner. Sie hielt überrascht inne, als sich ein weiterer Mann ins Spiel einmischte. Er stand barfuß und mit offenem Hemd in der Haustür und drohte, die Polizei zu rufen. War das Christian Müller?

Kapitel 3: Hoffnung

Christian hatte geduscht und eilte in sein Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Der Pizza-Bringdienst benötigte zwar meistens über eine halbe Stunde, aber vielleicht kam er dieses Mal ja früher. Wie zur Bestätigung hörte Christian durch das auf Kippe stehende Fenster einen Wagen vor dem Haus halten. Er konnte durch die geschlossene Jalousie zwar nicht sehen, wer da draußen war, aber es konnte ja eigentlich nur der Pizzabote sein. Christian warf sein Handtuch aufs Bett und zog sich hastig Unterhose und Jeans an, als er plötzlich eine Männerstimme hörte:
„Du hast doch bestimmt Geld dabei! Her damit!“
Er erstarrte kurz, doch dann griff er nach einem Hemd, das er sich auf den Weg zur Haustür überzog. Er riss sie auf und rief:
„He! Lasst den Mann in Ruhe oder ich rufe die Polizei!“
Einer der Angreifer - er hatte rote Haare, der andere blonde - setzte sich in seine Richtung in Bewegung und meinte drohend:
„Das würde ich an deiner Stelle lassen. Außerdem wollen wir doch nur ein bisschen Kleingeld.“
In diesem Moment stieg Rusana aus ihrem Wagen und sagte mit warmer, verführerischer Stimme:
„He Jungs, darf ich mitspielen?"
Augenblicklich hatte sie die Aufmerksamkeit aller vier Männer.
Christian beobachtete perplex, wie die Frau um ihren Wagen herum auf die Ganoven zuging und dabei betont ihre Hüften schwang. Ihr eng anliegendes Shirt trug nicht dazu bei, ihre atemberaubende Figur zu verbergen und ihre rabenschwarzen, hüftlangen Haare glänzten im Licht des Mondes sowie der Straßenlampen. Die Frau sah zwar aus wie Christians fleischgewordener Traum, aber offenbar war sie nicht ganz dicht. Oder sie war ein sexy Racheengel, der Kung-Fu und Bujutsu beherrschte. Wahrscheinlicher war jedoch, dass sie die beiden Männer ablenken wollte, damit er und Manuel - Chris kannte den Pizzaboten von vorherigen Lieferungen - ihnen die Messer abnehmen konnten. Egal, was ihre Beweggründe waren, er sollte handeln, bevor die hübsche, aber verrückte Lady den Gaunern zu nahe kam. Doch nicht nur Chris löste sich aus seiner Starre und setzte sich in Bewegung, sondern auch der blonde Dieb. Er gab Manuel einen kräftigen Stoß, sodass dieser rücklings zu Boden stürzte und die Styroporbox mit der Pizza fallen ließ. Danach ging er mit einem überheblichen Grinsen auf Rusana zu, während sein rothaariger Kumpan sein Klappmesser auf Chris richtete. Dieser suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, den Messerschwinger zu überwältigen, ohne verletzt zu werden, als er von einem Knurren abgelenkt wurde. Einem tiefen, unheimlichen Knurren, das ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Zu seinem Entsetzen kam es eindeutig von der fremden Frau. Als sei das nicht schon beängstigend genug, entblößte sie zwei albtraumhaft lange Eckzähne und stürzte sich mit einem erneuten Knurren auf den blonden Dieb. Einen Lidschlag später segelte er durch die Luft und landete drei Meter weiter rücklings im Blumenbeet. Der zweite Gauner hatte keine Zeit, sich von seiner Überraschung zu erholen. Innerhalb einer Sekunde stand sie vor ihm, griff nach seinem Handgelenk und quetschte es so fest, dass er wimmernd das Messer fallen ließ. Gleich darauf zog sie ihn mit einer Hand zu sich, schlug ihre Zähne in seinen Hals und presste die andere Hand auf seinen Mund, um seinen Schmerzensschrei zu dämpfen. Seine Befreiungsversuche wirkten so hilflos, wie die eines zehnjährigen Kindes.
Christians Verstand begriff nicht, was er da sah. Vollmond hin, Vollmond her, es gab keine Werwölfe und erst recht keine Vampire. Also, was stimmte hier nicht?
Plötzlich sprang der Pizzabote auf und bekreuzigte sich. Er starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die blutsaugende Fremde - oder hatte sie sich einfach nur festgebissen? - und bewegte sich rückwärts auf seinen Wagen zu.

Rusana bemerkte seinen Rückzug. Sie zog ihre Zähne aus dem Hals ihres Opfers, blickte Manuel tief in die Augen und gab ihm einen mentalen Befehl. Sofort blieb er stocksteif stehen. Danach versetzte sie ihrem bibbernden Blutspender einen heftigen Stoß, sodass er zurücktaumelte und gegen seinen Komplizen stieß, der sich wieder aufgerappelt hatte. Sie fauchte, bleckte ihre Zähne und ging langsam auf die Männer zu. Es amüsierte sie köstlich, als die beiden panisch rückwärts stolperten, sich umdrehten und zu ihrem altersschwachen Kombi rasten. Rusanas Stimmung stieg. Vielleicht sollte sie öfter mal Ganoven in Angst und Schrecken versetzen, das würde ihre hoffnungslose Suche erheblich auflockern.
Um zu gewährleisten, dass die Möchtegerndiebe vorerst von ihrer schlechten Angewohnheit, Mitbürger zu überfallen, kuriert waren, verzichtete sie darauf, ihre Erinnerungen zu löschen. Ihnen würde sowieso niemand glauben, dass sie einem Vampir begegnet waren - und genau genommen war sie ja auch keiner. Sie war Vinetanerin.

Mittlerweile hatte Christian sich dazu entschlossen, nicht länger untätig herumzustehen und war leise an Rusana vorbeigeschlichen. Er verstand zwar nicht, was hier gerade passierte, aber er hielt es für vernünftiger, sich und Manuel in Sicherheit zu bringen. Nachdenken konnte er später noch. Er griff nach dem Arm des Pizzaboten, um ihn ins Haus zu ziehen, doch zu seiner Überraschung wehrte Manuel sich. Zwar nicht heftig, denn er wirkte benommen, doch seine Gegenwehr kostete Christian Zeit. Er war sich sicher, dass die Verrückte - Chris weigerte sich, sie als Vampirin zu bezeichnen - sein Gerangel mit Manuel hörte. Er zerrte ihn direkt an ihr vorbei, doch sie beachtete sie nicht. Noch nicht. Noch beschäftigte sie sich mit den anderen Männern. Christian setzte mehr Körperkraft ein, um in die Sicherheit des Hauses zu gelangen und schaffte es bis zur Tür, als Manuel plötzlich rief:
„Ich muss stehen bleiben! Sie hat gesagt, ich muss stehen bleiben!“
Christian sah schwer atmend zu der Frau, die sich nun ihnen zuwandte. Ihr Blick bohrte sich in seinen und plötzlich hallte ihre befehlende Stimme in seinem Kopf:
„Bleib stehen!"
„Bestimmt nicht", keuchte Christian und zerrte Manuel energisch weiter durch die Haustür. Allerdings schaffte er es nicht, sie zu schließen.

Rusana starrte Christian verdattert an, während er den Pizzaboten ins Haus zerrte. Ihre Gedankenkontrolle funktionierte bei ihm nicht? Das war eine Überraschung, die sie aus der Fassung brachte und gleichzeitig ein erwartungsvolles Kribbeln in ihr auslöste. Normalerweise waren Menschen nicht dazu in der Lage, sich ihrer Kontrolle zu entziehen, es sei denn, durch ihre Adern floss gemischtes Blut, was bei Marcos Nachkommen der Fall war. Eine Vorfahrin von ihm hatte sich von einem Vinetaner schwängern lassen. Rusana und ihr Bruder gingen davon aus, dass es Marcos Großmutter oder Urgroßmutter gewesen sein muss, denn sein vinetanischer Blutanteil war recht hoch, weswegen nur eine oder zwei Generationen zwischen dem Techtelmechtel liegen konnten. Leider hatten sie die Frage, welcher Vinetaner in Marcos Familie mitgemischt hatte, nie klären können. Natürlich auch nicht, warum dieser es nicht für nötig gehalten hatte, sich um seine Nachkommen zu kümmern. Marco hatte erst von ihrem Bruder Ruven erfahren, dass er etwas Besonderes war. Ruven war ihm zufällig bei einem seiner Streifzüge durch Deutschland begegnet und hatte ihn mit nach Vineta genommen. Dort hatte er Marco verwandelt.
Rusana riss sich aus ihrer Verblüffung, als sie registrierte, dass Christian im Begriff war, die Tür zuzuschlagen. In Windeseile griff sie nach ihrer Handtasche, die sie auf den Boden hatte fallen lassen, und hechtete los. Sie erreichte die Tür, als sie nur noch einen Spalt weit geöffnet war, und stieß sie auf, sodass Christian einige Schritte zurücktaumelte. Der Pizzabote starrte sie verwirrt an, da ihre Beeinflussung allmählich nachließ, weswegen Rusana erneut in seinen Geist eindrang. Augenblicklich veränderte sich sein Blick und nahm wieder einen abwesenden Ausdruck an. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Christian sein Gleichgewicht wiedererlangt hatte und mit leicht ausgestreckten Händen auf sie zukam, um sie aus dem Haus zu schieben. Sie reagierte im Affekt, duckte sich und versetzte ihm einen Schlag gegen die Brust. So heftig, dass er rudernd nach hinten stolperte, die Balance verlor und mit einem Schmerzensschrei auf den Rücken fiel.
„Oh!“, entfuhr es Rusana. „Das wollte ich nicht.“
„Dann verschwinde doch einfach ... und lass Manuel in Ruhe“, keuchte Christian, während er versuchte, sich aufzurappeln - was schwierig war, da sein Kopf sowie sein Rücken schmerzten und er kaum Luft bekam. Er fühlte sich ein wenig benebelt und fragte sich, warum diese Frau so stark war. Konnte es sein, dass er halluzinierte? Hatte seine Exfreundin aus Rache die Wasserleitung manipuliert und seinem Duschwasser Drogen beigemischt? Oder befand er sich in einem Albtraum? Hatte er sich einen Horrorfilm angesehen und war dabei eingeschlafen? Die Handschellen, die die Verrückte aus ihrer Handtasche hervorzog, würden jedenfalls dafür sprechen.
Egal, ob Halluzination oder Albtraum, Handschellen kamen nicht infrage. Äußerst motiviert, den stechenden Schmerz im Rücken sowie seinen Luftmangel ignorierend, rollte er sich auf die Seite und drückte sich mit einem Arm hoch, um aufzustehen, doch da war sie schon über ihm. Er hatte keine Chance. Egal, ob er versuchte, sie zurückzustoßen, ihr die Beine wegzutreten, damit sie hinfiel, oder ihr seine Handgelenke zu entziehen - sie war schneller und stärker. Hinzu kam seine Hemmung, eine Frau zu schlagen. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte er sich geprügelt, doch so versuchte er nur, sie irgendwie von sich fernzuhalten. Zum Schluss lag er erneut flach auf dem Rücken und seine Hände waren mithilfe der Handschellen hinter seinen Kopf an ein Heizungsrohr im Flur gekettet. Christian war frustriert, denn während er nach Atem rang und sein Herz wild hämmerte, blickte sie lächelnd, und kaum aus der Puste, auf ihn hinunter. Was Chris jedoch völlig verwirrte und an seinen Verstand zweifeln ließ, war, dass er ihr Lächeln auch noch umwerfend fand.
„Wer bist du? Und was hast du eigentlich vor?“
„Mein Name ist Rusana und was ich möchte, erfährst du gleich. Aber zuerst muss ich mich um den Pizzaboten kümmern.“
Rusana ging zu Manuel, der, nur drei Schritte entfernt von ihnen, entrückt ins Nichts blickte.
„Und komm nicht auf die Idee, zu schreien. Das würde euch beiden nicht gut bekommen.“
Schreien? Klar, er könnte um Hilfe rufen, aber Christian bezweifelte, dass das jemand hören würde. Die Haustür war zu - wann hatte die Verrückte die geschlossen? - und die Nachbarn in den anderen Häusern saßen schon längst vor ihren lauten Fernsehern und genossen den Abend. Und ihre Drohung sollte er auch nicht ganz außer Acht lassen. Chris rüttelte an seinen Handschellen und beobachtete, wie Rusana Manuels Schläfen mit den Fingerspitzen berührte.
„Was hast du vor?“
„Ich manipuliere sein Gedächtnis. An mich und die Möchtegerndiebe wird er sich nicht mehr erinnern. Nur an die Auslieferung der Pizza und einen netten Plausch mit dir.“
Sie schloss ihre Augen, konzentrierte sich und ein paar Augenblicke später ließ sie ihre Hände sinken. Christian beobachtete erstaunt, wie Manuel lächelnd die Haustür öffnete, hindurchging und sie hinter sich zuzog. Jetzt war er allein mit der Irren. Super. Obwohl er wusste, dass es sinnlos war, zog und zerrte er an den Handschellen und überlegte fieberhaft, wie er sich aus dieser Misere befreien sollte. Ihr gegen das Schienenbein treten würde wohl auch nicht wirklich was bringen.
„Hör auf, so an den Handschellen zu ziehen. Du tust dir nur weh.“
„Dann mach mich doch einfach los.“
Rusana verschränkte ihre Arme vor der Brust.
„Zuerst möchte ich, dass du mir ein paar Fragen beantwortest.“
„Fragen?“
Rusana nickte. „Fangen wir mit deinem Namen an. Du heißt doch Christian Müller, oder?“
„Warum möchtest du das wissen?“
„Weil ich einen Müller suche, warum denn wohl sonst?“
Langsam wurde Rusana ungeduldig. Ihre Gedankenkontrolle hatte bei ihm nicht gewirkt, also war sie ihrem Ziel vielleicht näher, als sie zu hoffen wagte. Sie wollte Antworten. Hatte sie endlich jemanden gefunden, der Marco von seinem Fluch befreien konnte? Mit einem ungewollten Fauchen in der Stimme wiederholte Rusana ihre Frage:
„Bist du Christian Müller?!“
Statt zu antworten, versuchte Chris trotz seiner gefesselten Hände, sich von ihr wegzubewegen, indem er sich zur entgegengesetzten Seite schob. Rusana sah ein, dass die Faucherei keine gute Taktik war, ihn zum Antworten zu bringen. Kurzerhand stellte sie ihren Fuß in seinen Schritt - und war schockiert über sich selbst. Was tat sie da?
Ihre Maßnahme hatte den Erfolg, dass Christian augenblicklich erstarrte. Mit weit aufgerissenen Augen, in denen Unglaube und Panik standen. Was nicht verwunderlich war. Bis jetzt war Rusana noch keinem Mann begegnet, der nicht besorgt um sein bestes Stück gewesen wäre. Ohne ihren Fuß zu bewegen oder den Druck zu erhöhen, betrachtete sie seinen Oberkörper. Sein offenes Hemd war zur Seite gerutscht und erlaubte einen durchaus sehenswerten Blick auf seinen flachen Bauch und seine Brust, die sich viel zu schnell hob und senkte. Er sah gut aus. Zu gut! Kein Wunder, dass sie ihm jetzt, wo ein Funke Hoffnung in ihr aufloderte, etwas zu nahe trat. Aber vielleicht würde er jetzt endlich antworten.
„Also? Heißt du Christian Müller?“
Er nickte hektisch.
„Gut, das habe ich mir schon gedacht. Wie heißt deine Oma?“
„Hanna Menden.“
Enttäuschung stieg in Rusana hoch. Das war der falsche Name. Aber es gab ja noch eine Chance.
„Und deine andere Oma?“ Sie verstärkte den Druck ihres Fußes ein wenig, um zu demonstrieren, wie wichtig ihr die Antwort war.
Christian keuchte auf und rief:
„Katrin Müller!“
Rusana nahm ihren Fuß aus seinem Schritt und starrte ihn an. Sie konnte es nicht glauben, aber bis jetzt passte alles. Es sah so aus, als hätte sie gerade den Jackpott geknackt. Unwillkürlich begann Rusana, Christian mit Marco zu vergleichen. Hatten sie Ähnlichkeiten? Christians braune Haare, die feucht schimmerten, waren dunkler als Marcos, genauso wie seine Augen. Sie hatte schon so lange nicht mehr in Marcos Augen blicken können, denn sie waren seit zweiunddreißig Jahren geschlossen, aber sie konnte sich noch immer an sie erinnern. An das helle braun und an das Funkeln in ihnen, wenn er sich freute. Christians waren um etliche Nuancen dunkler und hatten einen unglaublich warmen Ton. Sie waren faszinierend. Oh man! Hatte sie nach all den Jahren endlich die richtige Person gefunden? War Christian wirklich Marcos Enkel? Es sah so aus, aber sie wagte nicht, sich zu freuen. Noch nicht. Zuerst musste sie sein Blut kosten. Das Blut der Nachkommen aus einer Beziehung zwischen Vinetaner und Mensch schmeckte einzigartig. Es war mit keinem anderen Blut zu vergleichen.

Christian atmete erleichtert auf, als Rusana ihren Fuß wegzog, doch sein Herzschlag wollte sich nicht beruhigen. Er fühlte sich völlig hilflos und verletzlich. Was wollte die Frau von ihm? Warum stellte sie diese Fragen über seine Familie?
Im Moment begutachtete sie ihn, als sei er eine aus der Erde gekrochene, neu entdeckte Spezies. Allerdings konnte er in ihren Augen keinen Wahnsinn entdecken, sondern nur Unglaube - und Trauer? Ja, Christian war sich sicher. Diese Erkenntnis schürte seine Angst jedoch noch mehr. Zeigten manche Irre nicht auch tiefe Trauer, kurz bevor sie ihre Opfer töteten, weil sie der Überzeugung waren, dass es sein musste?
Wie zur Bestätigung seiner sich überschlagenen Gedanken veränderte sich plötzlich ihr Blick. Ihre azurblauen Augen nahmen ein stürmisches Graublau an und ihre Haltung etwas Raubtierhaftes. Alarmiert riss er an den Handschellen und versuchte, seine Beine anzuziehen, um Rusana mit den Füßen von sich fernzuhalten, doch sie war schneller. Mit einer fließenden Bewegung setzte sie sich auf ihn, beugte sich vor und schlug ihre Zähne in seinen Hals. Er schrie auf. Vor Entsetzen und Schmerz. Ihr Biss tat höllisch weh und brannte, als würde jemand Säure auf seine Haut schütten. Er konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen schossen und mühte sich verzweifelt, Rusana abzuschütteln, doch sie ließ ihm keinen Spielraum. Mit ihrem Körper pinnte sie ihn am Boden fest und drückte mit einer Hand seine Schulter nach unten. Die andere Hand hatte sie in seine Haare vergraben und fixierte seinen Kopf. Christian konnte nur hilflos an seinen Handschellen ziehen und seine Beine bewegen, was ihm herzlich wenig nutzte. Sie war einfach zu stark. Plötzlich ließ der Schmerz nach, ebbte mehr und mehr ab, obwohl Rusanas Zähne noch in seinem Hals steckten. Das war mehr als angenehm und Christian hätte sich entspannt, wenn er nicht voller Panik gewesen wäre. Er fühlte sich eindeutig zu jung, um zu sterben. Egal, ob in der Realität, in einer drogenumnebelten Einbildung oder in einem Albtraum.
Auf einmal hörte Rusana auf, sein Blut zu trinken und er spürte, wie sie über die Bisswunde leckte. Das war ein irritierendes Gefühl und unter anderen Umständen hätte Chris es vielleicht sogar genossen. Sie richtete sich auf und blickte ihn abermals so merkwürdig an, als könne sie nicht glauben, was sie sah.
„Ich fürchte, wir beide werden eine Reise unternehmen müssen.“
„Reise?“, stieß Christian keuchend hervor, doch statt ihm zu antworten, beugte Rusana sich zur Seite und zog ihre Handtasche heran. Sie kramte darin herum und holte schließlich eine Plastikdose hervor, die sie öffnete und der sie ein rundes Pflaster entnahm. Zwischenzeitlich zerrte Christian wild an seinen Handschellen, doch damit erreichte er nur, dass seine Handgelenke schmerzten.
Während Rusana die Schutzfolie von der Klebeseite des Pflasters entfernte, antwortete sie auf seine Frage:
„Genau, eine Reise. Wir brauchen dein Blut.“
„Mein Blut?“ Christians Stimme klang in seinen eigenen Ohren schrill. Er war entsetzt und starrte das Pflaster an, als sei es ein gefährliches Messer.
„Ja, aber keine Panik. Ich werde dich jetzt schlafen legen, damit du dich beruhigst. Sonst bekommst du noch einen Herzinfarkt.“
Ihre Hand schoss vor und im nächsten Moment peckte das Pflaster auf der Bisswunde. Christian verstand gar nichts mehr. Wieso verarztete sie ihn, wenn sie etwas von ‚Schlafen legen’ faselte? Er hatte mit einem Kinnhaken gerechnet, oder dass sie ihn mit irgendeinem Gegenstand bewusstlos schlagen würde, allerdings konnte das ja noch kommen. Doch alles was passierte, war, dass ihm auf einmal schwindelig wurde und er die Augen nicht mehr offen halten konnte. Er driftete weg, Schwärze umhüllte ihn und zog ihn unaufhaltsam in einen tiefen Schlaf.
Rusana beobachtete, wie Christians Lider zufielen und sich sein Körper entspannte. Sie lauschte eine Weile seinen tiefen, regelmäßigen Atemzügen und schüttelte schließlich ungläubig den Kopf. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass sie nach zweiunddreißig Jahren endlich einen von Marcos Nachkommen gefunden hatte. Christian musste einfach der Richtige sein, denn es passte alles. Er war mit hoher Wahrscheinlichkeit Marcos Enkel, denn seine Oma hieß Katrin Müller und durch seine Adern floss menschliches und vinetanisches Blut. Nur ein Punkt war noch unklar. Ruven hatte zu ihr gesagt, sie solle auf ihre Gefühle achten. Für Marco? Für Christian? Sie hatte ihren Bruder gefragt, was er damit meinte, doch er war ihr ausgewichen. Ruven hatte den Fluch im blinden Zorn ausgesprochen, genauso wie die Bedingungen, ihn zu brechen - und nun ganz offensichtlich Angst, ihr diese Bedingungen auseinanderzupflücken. Nun ja, der Punkt würde sich klären, wenn sie mit Christian in Vineta ankam. Jetzt musste sie erst einmal ein paar Klamotten für ihn packen und mit ihm von hier verschwinden. Außerdem hatte sie das kribbelige Bedürfnis, mit ihrer menschlichen Freundin in Passau zu telefonieren. Sie musste ihr unbedingt erzählen, dass ihre Suche endlich ein Ende gefunden hatte.
Bevor Rusana sich erhob, strich sie Christian eine vorwitzige Haarsträhne aus der Stirn und flüsterte:
„Schlaf gut, Schakuta Ru.“

Kapitel 4: Kein Albtraum

Christian rollte sich auf die Seite und zog im Halbschlaf die warme Bettdecke etwas höher. Sein Unterbewusstsein wartete auf das Klingeln des Weckers, doch dann fiel ihm ein, dass Samstag war. Er hatte frei. Behaglich kuschelte er sich tiefer in den samtweichen Zudeck und genoss die Freiheit, faulenzen zu können. Bilder seines verrückten Traumes tauchten vor seinen geschlossenen Lidern auf und er schüttelte eine wenig benommen den Kopf. Was hatte sein Gehirn da für einen verrückten Kram ausgebrütet? Er sollte mal wieder richtig Urlaub machen und abschalten. Christian begann zu grübeln. Es war doch nur ein Traum, oder? Er öffnete blinzelnd die Augen und musterte den fliederfarbenen Zudeck. So einen Bezug besaß er nicht, da war er sich sicher. Er fuhr hoch und sein Herz begann zu hämmern, als er die Gitterstäbe entdeckte. Er war eingesperrt! Hastig suchte sein Blick nach der Verrückten, doch sie war nicht zu sehen.
Er befand sich in einem geräumigen Raum, der einer Küchenzeile und einer Wohnecke Platz bot - und seinem Gefängnis. Der hintere Teil des Raumes war durch dicht beieinanderstehende Eisenstäbe abgetrennt. Christian sprang aus dem Bett, lief die wenigen Schritte bis zur Zellentür und rüttelte panisch daran. Er wollte hier raus! Doch die Tür, genauso wie die Stäbe, gaben keinen Millimeter nach. Christian ließ die Hände sinken und zwang sich, tief durchzuatmen. Er musste überlegt vorgehen.
Auf dem ausgezogenen Sofa außerhalb seiner Zelle lag eine zerwühlte Bettdecke, also hatte dort die Verrückte geschlafen. Die Verrückte! Wie hatte sie sich genannt? Rusana! Wo war sie? Egal, er musste hier raus, solange sie weg war. Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr und stellte überrascht fest, dass es bereits Mittag war. Was hatte Rusana ihm da für ein Zeug verpasst? Immerhin fühlte er sich gut und hatte keine Kopfschmerzen. Christian musterte die Fenster, durch die helles Sonnenlicht in den Raum fiel. Zwei größere befanden sich außerhalb seiner Zelle und ein kleineres innerhalb. Er würde hindurchpassen, aber leider war es durch Gitterstäbe gesichert. Er könnte das Fenster öffnen und um Hilfe rufen, aber dann würde er wahrscheinlich auch Rusana auf sich aufmerksam machen. Sie war bestimmt nicht weit weg. Außerdem waren draußen nur Bäume zu sehen. Stand dieses Haus mitten im Wald? Christian drehte sich um und entdeckte eine Tür neben seinem Bett. Neugierig öffnete er sie und blickte in ein kleines Badezimmer mit schwarz-weißen Möbeln und Fliesen. Zumindest hatte Rusana ihn nicht in ein dreckiges Loch verschleppt, was ihn allerdings nicht glücklicher stimmte. Christian tastete nach der Bisswunde an seinem Hals, und als er das Pflaster fühlte, trat er zu dem Spiegel über dem Spülstein. Er löste es und starrte die beiden roten, rundlichen Punkte auf seiner Haut an. Mehr war von dem Biss nicht mehr zu sehen? Er fuhr vorsichtig mit den Fingern darüber und stellte erstaunt fest, dass die Berührung nicht einmal schmerzte, auch nicht, als er fester auf den Biss drückte. Hatte er das Ganze doch nur geträumt? Aber woher stammten dann die beiden Punkte und das Pflaster? Träumte er etwa noch immer? Christian blickte an sich herunter. Er war barfuß und trug das Hemd und die Hose von gestern Abend. Sein Blick wanderte zurück zu dem Biss und schließlich betrachtete er seine Handgelenke, auf denen bläuliche Stellen zu sehen waren. Er hatte wohl zu stark an den Handschellen gezerrt, um freizukommen. Er betastete sein rechtes Handgelenk und zuckte leicht zusammen. Das tat weh. Nein, er träumte nicht. Rusana hatte ihn tatsächlich entführt und wollte sein Blut. Er musste hier raus!
Er blickte zum Badezimmerfenster, das ebenfalls vergittert war. Es war zwar kleiner, als das im Wohnzimmer, aber er würde noch hindurchpassen. Christian rüttelte probehalber an den Stäben und stellte fest, dass sie sich bewegten. Das Mauerwerk des Fenstersimses, in das die Gitterstäbe eingelassen waren, gab nach. Nicht viel, aber immerhin.
Christian blickte nervös zurück in den Wohnraum, doch von Rusana war noch immer nichts zu sehen. Er packte mit beiden Händen das Gitter und zog so kräftig er konnte, schaffte jedoch nicht, es aus dem Mauerwerk zu reißen. Schwer atmend schüttelte Christian seine Arme aus und versuchte es erneut. Dieses Mal stemmte er beide Füße gegen die Mauer unter dem Fenster und setzte seine ganze Körperkraft ein - ohne Erfolg. Er bräuchte einen spitzen, harten Gegenstand, um das Mauerwerk um die Stäbe herum wegzuschlagen, aber so etwas würde wohl kaum hier herumliegen. Frustriert zog Christian erneut an den Stäben und stemmte seine Füße mit aller Kraft gegen die Wand.
„Ist das deine tägliche Morgengymnastik?“
Vor Schreck ließ Christian die Stäbe los und landete keuchend auf seinem Gesäß. Er sprang jedoch sofort wieder auf und starrte Rusana durch die geöffnete Badezimmertür an. Unschuldig lächelnd stand sie vor den Gitterstäben und musterte ihn. Sie sah fantastisch aus. Was für ein Jammer, dass sie verrückt war. Vielleicht würde es ja helfen, mit ihr wie mit einem Kind zu reden. Christian ging langsam auf sie zu und blieb einen Meter vor den Stäben stehen.
„Rusana, du musst mich freilassen. Du kannst nicht einfach durch die Gegend laufen und Menschen verschleppen.“
In Rusanas Augen blitzte es amüsiert auf. Zu amüsiert für Christians Geschmack. Sie legte ihren Zeigefinger auf ihre Unterlippe und zog die Stirn kraus, als denke sie angestrengt nach.
„Darf ich nicht?“
Christian verdrehte die Augen. Sie veräppelte ihn.
„Du bist verrückt, weißt du das? Du brauchst ärztliche Hilfe.“
War es klug, so etwas zu einer Irren zu sagen?
Rusana seufzte und ihr Blick wurde ernst.
„Du glaubst wirklich, dass ich durchgeknallt bin, oder? Und du kannst nicht glauben, was du gestern Abend gesehen und erlebt hast.“
Christian zog hilflos eine Schulter hoch.
„Nicht wirklich. Es gibt keine Vampire.“
„Da gebe ich dir recht, denn als Vampir würde ich mich nicht bezeichnen. Dennoch bin ich stärker und schneller als du, besitze spitze Zähne und kann die Gedanken der Menschen beeinflussen.“
„Das ist nicht möglich.“
Gut, er hatte gestern keine Chance gegen sie gehabt, sie hatte Manuel beeinflusst und er hatte ihre Stimme in seinem Kopf gehört. Aber dafür musste es eine logische Erklärung geben.
„Du hast einfach ein paar Tricks drauf, die ich noch nicht durchschaue.“
Das belustigte Funkeln kehrte in Rusanas Augen zurück. Sie deutete auf die massiven Eisenstäbe vor sich.
„Bieg sie auseinander.“
„Was?“
„Mach schon, ich beweise dir, dass ich eine Vinetanerin bin und über Kräfte verfüge, die Menschen nicht besitzen.“
„Vinetanerin?“, murmelte Christian. Damit konnte er nichts anfangen.
„Bieg die Stäbe auseinander“, wiederholte Rusana. „Du wirst es nicht schaffen, aber ich.“
Christian zögerte. Er kam sich ein wenig lächerlich vor, doch schließlich trat er an die Stäbe und versuchte sie mit aller Kraft auseinanderzubiegen. Erfolglos! Rusana sah ihm schmunzelnd zu, und als er zurücktrat, legte sie ihre Hände an derselben Stelle auf die Eisenstäbe, wo er sie berührt hatte. Sie holte tief Luft, konzentrierte sich und drückte die Stäbe auseinander, die im Zeitlupentempo nachgaben. Kaum außer Atem ließ Rusana die Hände sinken und blickte Christian triumphierend an. Dieser starrte ungläubig von den Gitterstäben zu ihr. Als sie plötzlich ihren Mund öffnete, wie ein wütender Hund ihre Lippen zurückzog und sich vor ihre normal aussehenden Eckzähne lange spitze Reißzähne schoben, wich er entsetzt zurück. Genau wie am Abend zuvor änderte sich Rusanas Augenfarbe in ein dunkles graublau und sie stierte ihn an wie ein Raubtier kurz vor dem Sprung. Jetzt war Christian dankbar für die Gitterstäbe zwischen ihnen.
„Willst du sie berühren?“, Rusanas Stimme klang tief, fast wie ein Knurren.
Er sollte diese horrorhaften Fänge befühlen? Christian schüttelte mangels Stimme entschieden seinen Kopf. Er war doch nicht verrückt.
Rusana verwandelte sich zurück.
„Glaubst du mir jetzt?“
Christian räusperte sich. Er konnte nicht leugnen, was er gesehen hatte, aber sein Verstand glaubte es nicht und suchte nach einer Erklärung.
„Du ... du bist ... hat man dich gentechnisch verändert? Bist du irgendwelchen durchgeknallten Wissenschaftlern entwischt?“
Rusana setzte eine beleidigte Miene auf, aber in Wahrheit belustigte sie Christians verzweifelter Erklärungsversuch. Jetzt, wo ihre deprimierende Suche vorbei war, fühlte sie sich lebendig wie seit Jahren nicht mehr. Es machte einfach Spaß, Christian zu ärgern und zu beobachten, wie seine dunkelbraunen Augen mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Faszination noch dunkler wurden. Aber dennoch wünschte sie sich, er würde ihr glauben und die Angst vor ihr verlieren. Es wäre einfacher für sie beide. Ihr Blick wanderte über seinen Körper und sie fragte sich, ob seine Augen noch dunkler werden würden, wenn ihre Hand sanft über die leichten Wölbungen seiner Muskeln glitt, über seine Brust, seinen Bauch ... Rusana trat einen Schritt vom Gitter zurück und schüttelte ihren Kopf. Was dachte sie da nur? Wo kamen diese Gefühle her? Nun ja, sie hatte die letzen zweiunddreißig Jahre mehr oder weniger wie eine Nonne gelebt und nun stand dieses Prachtexemplar von Mann vor ihr. Ruvens Worte fielen ihr ein: „Achte auf deine Gefühle“. Ja, das sollte sie wohl.

Rusanas Musterung machte Christian noch nervöser als er sowieso schon war. Er konnte den Ausdruck ihres Gesichtes nicht deuten. Er glaubte in ihren Augen Verlangen, Sehnsucht und Unsicherheit zu sehen, war sich jedoch nicht sicher - und einordnen konnte er diese Emotionen erst recht nicht. Schließlich hatte seine Exfreundin ihm oft genug vorgeworfen, dass er kein Frauenexperte war. Wie sollte er da eine Verrückte verstehen. War Rusana verrückt? War sie psychisch krank? Und vor allem: Was hatte sie vor?
Als Rusana zurücktrat und abwesend ihren Kopf schüttelte, stellte er leise die Frage, die ihn am meisten beschäftigte:
„Werdet ihr, oder du, mich umbringen?“
Rusana blickte ihn verwirrt an.
„Wieso sollten wir das tun?“
„Du hast gesagt, ihr braucht mein Blut.“
Rusana ging ein Licht auf. Sie hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie ihre leicht dahergesagte Ankündigung in seinen Ohren klingen musste. Wahrscheinlich hatte er sich bereits die schlimmsten Horrorszenarien ausgemalt, wie sie ihn qualvoll ausbluten ließ. Sie trat wieder näher zum Gitter:
„Niemand möchte, dass dir etwas geschieht, Chris. Weder ich, noch mein Bruder und schon gar nicht dein Großvater.“
„Mein Opa?“ Zu dem Misstrauen in Christians Augen gesellte sich Zorn. „Das ist wirklich ein schlechter Scherz. Mein Opa ist vor einem Jahr gestorben.“
„Das tut mir leid, aber naturgemäß hat doch wohl jeder Mensch zwei Großväter, oder? Ich rede von Marco Richter, deinem Opa väterlicherseits.“
„Den habe ich nie kennengelernt und seinen Namen höre ich heute zum ersten Mal. Du kannst mir also einen vom Pferd erzählen. Vielleicht liegt er auch schon längst unter der Erde.“
„Tut er nicht. Aber er läuft momentan auch nicht gerade fröhlich durch die Gegend. Er ist der Grund, warum ich dich entführt habe, denn er braucht deine Hilfe.“
Christian musterte prüfend ihr Gesicht, ihre Augen. Suchte nach Anzeichen von Spott, doch er fand keine.
„Hilfe in Form meines Blutes?“
„So ist es. Ein Schluck wird reichen. Den wirst du entbehren können, ohne zu sterben.“
„Dann nimm mir doch einfach Blut ab und lass mich gehen.“
Rusana schüttelte bedauernd ihren Kopf.
„Das geht leider nicht. Das Blut muss frisch sein, sonst hilft es nicht.“
„Du bist doch durchgeknallt.“
Der Satz war Christian herausgerutscht und merkwürdigerweise tat es ihm leid, als er ihren verletzten Blick bemerkte. Das war beunruhigend. Diese Frau besaß eine Ausstrahlung, der er sich nicht entziehen konnte, obwohl er ihr nicht traute, nicht wusste, was sie war.
„Hör zu, Chris. Mir ist klar, wie diese Situation auf dich wirken muss. Wie wäre es, wenn wir jetzt frühstücken und ich dir alles von Anfang an erzähle. Woher ich komme, wer ich bin und warum dein Großvater Blut von dir braucht. Ich habe Kaffee, Brötchen und Aufschnitt besorgt. Du hast doch bestimmt Hunger, oder?“
Ja, das hatte er.
„Kann ich mir aussuchen, ob ich frühstücken oder doch lieber hier raus möchte?“
„Nein.“
„Schade. Dann also Frühstück.“
„Gut. Ich werde den Tisch decken.“
Sie deutete auf einen Holztisch, der zur Hälfte auf seiner Seite des Gitters stand. Über dem Tisch war eine Lücke zwischen den Gitterstäben, allerdings zu klein, um durch sie fliehen zu können. Bevor Rusana sich abwandte und zur Küchenzeile ging, um die Kaffeemaschine anzustellen, erklärte sie:
„Ich habe ein paar von deinen Klamotten mitgenommen. Die Tasche steht hinter dem Kopfende deines Bettes.“
Christian ergriff sie und ging ins Badezimmer. Er sah ein, dass er im Moment nicht fliehen konnte. Aber es würde sich bestimmt noch eine Gelegenheit ergeben. Auf keinen Fall würde er Rusana freiwillig zu seinem angeblichen Großvater begleiten.

Kapitel 5: Mordanschlag

Rusana füllte den Kaffee in eine Warmhaltekanne, als Christian aus dem Bad trat und unschlüssig stehen blieb. Er hatte sein offenes Hemd gegen ein schwarzes Shirt getauscht, was Rusana ein wenig bedauerte, allerdings machte er auch so eine gute Figur. Er hatte sich nicht rasiert und seine dichten Haare standen an einigen Stellen widerspenstig ab, was seiner männlichen Ausstrahlung jedoch keinen Abbruch tat. Ganz im Gegenteil.
„Setz dich doch, der Kaffee ist auch schon fertig.“
Christian folgte Rusanas Aufforderung und ließ sie nicht aus den Augen, als sie zu ihrer Seite des gedeckten Holztisches ging. Sie hatte sich umgezogen und trug nun eine Jogginghose und ein bauchfreies, eng anliegendes Top. Ihre langen Haare, die vorhin noch zu einem Zopf geflochten waren, hatte sie gelöst. Nun flossen sie wie Seide über ihre rechte Schulter. Diese Frau war eine Waffe, der die Männerwelt nichts entgegenzusetzen hatte. Und Rusana setzte diese Waffe erbarmungslos ein, da war Christian sich sicher. Sein Verstand warnte ihn, doch seinen Körper kümmerte das herzlich wenig und reagierte auf sie.
Rusana spürte ihre Wirkung auf Christian und triumphierte innerlich, ließ es sich jedoch nicht anmerken. Sie hoffte, sein Vertrauen zu gewinnen, wenn er sie als Frau und nicht als Monster sah. Dass er seinerseits ein Prickeln in ihr auslöste, ignorierte sie geflissentlich. Sie tat das hier nur, um Marco zu helfen.
„Greif zu“, ermutigte sie ihn. “Immerhin habe ich dich gestern um dein Abendbrot gebracht.“
Christian zögerte kurz, doch dann griff er nach einem Brötchen und der Butter.
„Dann fang mal an zu erzählen, ich bin ganz Ohr.“
„Gut.“ Rusana nahm sich ebenfalls ein Brötchen. „Ich komme aus Vineta.“
„Und ich aus Atlantis.“
Rusana lachte leise.
„Du kennst also die Legende.“
Ja, er kannte sie. Christian hatte nicht geschaltet, als Rusana erwähnte, dass sie Vinetanerin sei, aber Vineta sagte ihm etwas.
„Sicher. Vineta soll die reichste Stadt Europas gewesen sein und vor Gold und Silber geglänzt haben. Leider waren die Bewohner hochmütig und gottlos, weswegen die Stadt vor eintausend Jahren durch ein Sturmhochwasser vernichtet wurde. Sie soll in der Nähe von Usedom gelegen haben oder, wenn ich mich recht erinnere, bei Barth. Angeblich erhebt sich die versunkene Stadt jeden Ostermorgen aus den Fluten und ist für einen kurzen Moment sichtbar.“
Christian stockte und überlegte kurz.
„Ach ja, und Glocken sollen zu hören sein.“
Rusana beugte sich etwas vor.
„Diese Stadt gab es wirklich, Chris. Sie lag vor Usedom bei Koserow und in einer anderen Dimension existiert sie noch immer.“
„Klar, und alle Vinetaner sind Vampire.“
„Ich bin kein Vampir! Wie du sehen kannst, macht mir das Sonnenlicht nichts aus und ich esse ganz normal, so wie du auch. Ich bin verwundbar und sterbe, wenn die Verletzungen zu schwer sind. Aber wenn alles gut geht, kann ich zweitausend Jahre alt werden.“
„Wow!“ Christian deutete mit seinem Messer auf ihren Mund. „Und wozu hast du diese beängstigenden Fänge?“
„Na ja, ein Mal in der Woche brauche ich schon ein wenig Blut, um zu überleben. Aber normalerweise jagen wir nicht. In Vineta leben Menschen, die uns ihr Blut zur Verfügung stellen.“
Christian ging auf Rusanas Erklärungen ein, obwohl er ihr kein Wort glaubte.
„Und diese Menschen leben freiwillig bei euch?“
„Ja, sie sind glücklich in Vineta. Außerdem sind sie bis ins hohe Alter vital und gesund, denn unsere ärztliche Wissenschaft ist eurer weit überlegen. Und bevor du fragst: Nein, wir mischen uns nicht in eure Entwicklung ein. Allerdings passiert es hin und wieder, dass Vinetaner und Menschen miteinander ins Bett hüpfen und die Nachkommen aus diesen Beziehungen sind etwas Besonderes. So wie du.“
Christian trank einen Schluck Kaffee.
„Du willst mir also weismachen, dass ich ein Mischling bin?“
Rusana nickte.
„So wie dein Großvater Marco.“
„Leben wir länger als normale Menschen?“
„Im Durchschnitt werdet ihr einige Jahre älter, seid ausdauernder und in der Regel bis ins hohe Alter gesund. Aber das war es auch schon. Erst mit eurer Verwandlung erlangt ihr die vinetanischen Eigenschaften.“
Christian fasste sich an seinen Hals und befühlte die Bisswunde.
„Keine Angst“, erklärte Rusana, „durch einen einfachen Biss werdet ihr nicht verwandelt.“
„Habt ihr meinen angeblichen Großvater verwandelt?“
„Ja, auf seinen eigenen Wunsch hin hat mein Bruder Ruven ihm den Gefallen getan. Marco ist jetzt achtundsiebzig, sieht aber nicht älter aus, wie du.“
Also Konkurrenz. Christian schüttelte leicht seinen Kopf. Warum dachte er so etwas? Wo er Rusana doch kein Wort glaubte.
„Wollen die Menschen, die bei euch leben, nicht auch verwandelt werden?“
„Es ist streng verboten, Menschen zu verwandeln.“
„Warum?“
„Weil im Gegensatz zu euch Mischlingen nur fünf Prozent die Verwandlung überleben.“
„Und warum braucht mein Großvater Blut von mir?“
„Mein Bruder hat ihn verflucht und nur das Blut von einem seiner Nachkommen kann ihn von dem Fluch befreien.“
Christian ließ das Brötchen, in das er gerade beißen wollte, sinken.
„Ich möchte dich wirklich nicht beleidigen, aber wir sollten jetzt zusammen einen Psychiater aufsuchen.“
„Ich brauche keinen Seelenklempner!“, erklärte Rusana vehement und lehnte sich angriffslustig vor.
Im Gegenzug lehnte sich Christian mit einem beschwichtigenden Lächeln zurück. Die Bewegung rettete ihm das Leben, denn im selben Augenblick gab es einen lauten Knall und etwas zischte dicht an seiner Stirn vorbei und bohrte sich in die Wand seitlich von ihm. Eine Kugel! Obwohl sein Verstand noch nicht begriffen hatte, dass durch das Fenster hindurch auf ihn geschossen wurde, sprang Christian auf - und die nächste Kugel streifte seinen linken Oberarm.
„Auf den Boden!“, schrie Rusana und rannte zur Tür.
Christian benötigte ihre Aufforderung nicht, um sich mit einem Hechtsprung unterhalb des Fensters in Sicherheit zu bringen. Er sah, wie Rusana die Tür aufriss und nach draußen stürmte. Wollte sie sich erschießen lassen? So ein Mist! Er konnte nicht einmal aus seiner Zelle raus. Und überhaupt, wer ballerte da draußen rum? Er starrte angespannt zu der weit geöffneten Tür. Sollte da jetzt jemand hereinkommen, würde er eine ausgezeichnete Zielscheibe abgeben. Seine Hilflosigkeit verfluchend, krabbelte Christian auf allen vieren ins Badezimmer und suchte sich ein Fleckchen, wo er vor einem Schuss durch die angelehnte Tür oder dem Fenster möglichst sicher war. Er griff nach einem Handtuch und presste es auf die stark blutende Wunde. Er hätte nicht gedacht, dass Streifschüsse so höllisch brannten und bluteten. Er lauschte unruhig. Was machte Rusana da draußen? Er hatte zwar gesehen, wie schnell sie sich bewegen konnte und wusste, wie stark sie war, aber das änderte nichts an seiner Angst um sie. Hoffentlich passierte ihr nichts. Kopfschüttelnd fragte sich Christian, ob er bereits am Stockholm-Syndrom litt.
Er wurde immer nervöser, und als er hörte, dass jemand die Zellentür aufschloss, ließ er das Handtuch fallen und sprang auf. Er presste sich an die Wand neben der Tür, in der Hoffnung, den Angreifer überwältigen zu können.
„Chris?“
Das war Rusanas Stimme. Erleichtert atmete Christian tief durch, schob die Tür auf und blickte um die Ecke. Sie stand direkt vor der Badezimmertür.
„Ist der Schütze weg?“
„Fürs Erste, ja. Aber wir sollten hier verschwinden“ - sie blickte auf seinen Arm, an dem das Blut herunterlief - „nachdem wir dich verarztet haben.“
Christian folgte ihrem Blick, und als er das Blut sah, fiel ihm schlagartig ein, dass sie sich für einen Vampirverschnitt hielt; doch noch bevor er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, legte sich etwas Kaltes um sein rechtes Handgelenk. Er fuhr zusammen und hob instinktiv den linken Arm, um Rusana wegzustoßen, doch sie war schnell genug, um die Handschelle auch um das zweite Handgelenk zu legen und einrasten zu lassen. Danach trat sie zurück, um deutlich zu machen, dass sie sich nicht auf sein Blut stürzen wollte.
Er hob seine Hände und in seinen Augen spiegelte sich eine Mischung aus Wut und Unsicherheit.
„Nimm mir die Handschellen ab, Rusana!“
„Nein, Chris! Du würdest bei nächster Gelegenheit fliehen und das kann ich nicht zulassen. Wenn wir in Vineta sind, wirst du alles verstehen.“
Sie griff nach seinem blutverschmierten Arm, und als er versuchte, ihn ihr zu entziehen, zischte sie:
„Halt still, ich möchte dir nur helfen und die Blutung stillen.“
Sie beugte sich vor und vermied es, ihn anzusehen, da ihre Fangzähne, in Erwartung des Geschmackes seines Blutes, ausgefahren waren. Diese Reaktion konnte sie nicht verhindert und sie wollte ihn nicht in Panik versetzen. Vorsichtshalber drückte sie ihn mit ihrem Körper fest gegen die Wand, um ihm möglichst wenig Spielraum zu lassen.
Christian fühlte sich Rusana gegenüber schwach wie ein Greis, was seinem Ego nicht gut bekam. Sollten die Vinetaner tatsächlich existieren, waren deren Kinder wahrscheinlich in der Lage, ihn zu verprügeln. Kein verlockender Gedanke. Er wartete angespannt auf den Schmerz ihres Bisses, doch alles was er spürte, war ihre warme Zunge auf seiner Haut. Rusana leckte das Blut ab, vom Handgelenk bis zum Oberarm, leckte mehrmals über die Wunde ... und das fühlte sich ... einfach nur gut an. Ein elektrisierendes Prickeln breitete sich auf seinem Arm aus und wanderte unaufhaltsam durch jede Zelle seines Körpers. Blut schoss in Regionen, in denen es im Moment nichts zu suchen hatte und Chris hatte Mühe, nicht aufzustöhnen.
„Du ... solltest das lassen.“
Rusana leckte ein weiteres Mal über die Wunde und blickte ihm ins Gesicht. Er sah noch, wie sich ihre Fänge zurückzogen, doch merkwürdigerweise erschreckten sie ihn dieses Mal nicht.
„Na, wie war das?“
„Anders als erwartet.“
Rusana lächelte, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar. Sie machte sich zu große Sorgen wegen des unbekannten Schützen. Sie griff nach Christians Tasche, die auf einem Hocker neben der Dusche stand, und verließ das Bad, um sie zu ihrem Wagen zu bringen. Ihre eigene Tasche lag bereits im Kofferraum. Nach kurzem Zögern folgte Christian ihr, steuerte jedoch die Küchenzeile an. Er zog mehrere Schubladen auf, in der Hoffnung, einen Gegenstand zu finden, mit dem er die Handschellen öffnen konnte. Doch auf die Schnelle fand er nichts Geeignetes und griff nach einem Fleischmesser, als er sie zurückkommen hörte.
„Möchtest du mich erstechen?“
Rusana stand nur einen Meter hinter ihm.
„Ungern.“
Christian drehte sich um und hielt ihr das Messer entgegen, was wegen der gefesselten Hände ein wenig ungeschickt wirkte.
„Nimm mir die Handschellen ab.“
„Nein.“
Rusana trat so dicht an ihn heran, dass das Messer nur Millimeter von ihrer Brust entfernt war. Ihr Blick bohrte sich in seinen. Sie hatte wunderschöne Augen. Ihre Stimme war ein Wispern:
„Könntest du mich töten, Schakuta Ru?“
Nein, konnte er nicht, was ihm schon vorher klar gewesen war. Aus Angst, dass sie sich selbst verletzte, falls sie noch näher kam, wich er zurück. Er versuchte das Messer zu senken, was wegen der ungünstigen Haltung seiner gefesselten Hände jedoch nicht wirklich gelang. Also wandte er sich um und ließ das Messer auf den Küchentresen fallen. Ihre Hand legte sich auf seinen Arm und völlig unerwartet hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange.
„Du hast ein gutes Herz, Christian. Ich verspreche dir, dass mein Bruder und ich nicht vorhaben, dir etwas anzutun. Komm jetzt. Wir müssen hier weg, bevor der Schütze es sich anders überlegt und zurückkommt.“
Sie zog ihn mit sich bis zur Haustür.
„Woher weißt du, dass er weg ist?“
„Ich habe ihn bis zu seinem Wagen verfolgt und ihn davon fahren sehen. Er war sehr schnell, also handelt es sich um einen Vinetaner.“
„Und warum hat er auf mich geschossen?“
„Ich weiß es nicht und das macht mir Sorge. Warum sollte jemand verhindern wollen, dass du in Vineta ankommst und Marco rettest? Der Schütze hatte es eindeutig auf dich abgesehen, denn auf mich hat er keinen einzigen Schuss abgefeuert. Wozu er durchaus die Möglichkeit gehabt hätte. Es handelt sich also nicht um ein Attentat auf die Königsfamilie.“
„Königsfamilie?“
„Ja, durch meine Adern fließt königliches Blut und mein Bruder ist König der Vinetaner.“
Christian schüttelte frustriert seinen Kopf.
„Lass uns zur nächsten Nervenheilanstalt fahren, ja?“
Rusana ersparte sich eine Antwort, trat einen Schritt nach draußen und suchte konzentriert die Gegend ab.
„Ich denke, es lauert niemand auf dich. Los, zum Wagen!“
Sie fasste nach Christians Handschellen und zog ihn mit. Er folgte ihr willig, da er keinen großen Wert darauf legte, erschossen zu werden.

Kapitel 6: Fluchtversuch

Als Rusana den holprigen Waldweg entlangfuhr, der von dem kleinen Häuschen, in dem sie die Nacht verbracht hatten, wegführte, suchte Christian nach verräterischen Bewegungen zwischen den Bäumen. Ihm war ein wenig mulmig zumute. Wieso wollte ihn jemand ins Jenseits befördern? Wollte jemand verhindern, dass er lebend in Vineta ankam? Aber das konnte nicht sein, denn den Ort gab es nicht. Er betrachtete den Streifschuss und stellte erstaunt fest, dass sich bereits eine Borke auf der Wunde bildete. Rusana war jedenfalls kein normaler Mensch, das stand fest. Hatten größenwahnsinnige Wissenschaftler ihre Gene manipuliert? War so etwas möglich?
Als der unbefestigte Waldweg endete, bog Rusana rechts ab auf eine Landstraße. Bald darauf verriet ein Straßenschild, dass sie Richtung Schwerin fuhren. Jetzt wusste Christian wenigstens, in welcher Ecke Deutschlands sie sich befanden. Der Verkehr wurde etwas dichter und er blickte unsicher in den Seitenspiegel.
„Ob uns wohl jemand folgt?“
„Möglich, aber bis jetzt habe ich den Wagen des Angreifers nicht gesehen. Er fährt einen schwarzen Passat. Ich frage mich, woher er das Versteck kannte und vor allem, woher er wusste, dass wir dort sind. Dass du dort bist! Wir müssen sehr vorsichtig sein und dürfen auf keinen Fall eines meiner anderen Verstecke aufsuchen.“
„Du hast mehrere Gefängnisse vorbereitet?“
„Sicher. Ich hatte schließlich lange genug Zeit, mir auszumalen, dass du, oder ein anderer von Marcos Nachkommen, mich nicht freiwillig begleiten würde.“
Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
„Hat deine Oma, also Katrin Müller, eigentlich ein Mädchen oder einen Jungen zur Welt gebracht?“
„Einen Jungen. Meinen Vater Erwin Müller. Warum?“
„Weil ich Marcos Nachkommen schon seit zweiunddreißig Jahren suche und nur wusste, dass die Frau, die er geschwängert und nie geheiratet hat, Katrin Müller hieß. Bis ich auf dich gestoßen bin, habe ich keine Spur von ihr, ihren Kindern oder Enkeln gefunden.“
„Zweiunddreißig Jahre?“, fragte Christian überrascht. „Wie alt bis du eigentlich?“
Rusana grinste.
„Man fragt eine Frau nicht nach ihrem Alter.“
„Wie alt?“, beharrte er.
„Achtundneunzig.“
Christian musterte sie abschätzend. Sie sah nicht älter aus als er, eher jünger.
„Du glaubst mir nicht?“
„Fällt mir schwer.“
„Verständlich. Also, wo hat deine Großmutter gelebt? Warum konnte ich keine Spur von ihr finden?“
Christian warf einen prüfenden Blick über seine Schulter auf die Wagen hinter ihnen, bevor er fragte:
„Ich nehme an, du hast hauptsächlich in Deutschland gesucht?“
„Ja, weil Marco in München aufgewachsen ist. Aber zeitweise war ich auch in anderen Ländern Europas und in Amerika.“
„Dann ist es nicht verwunderlich, dass du meine Oma nicht gefunden hast. Sie ist Österreicherin, und als sie achtzehn war, mit ihrer Familie nach Australien ausgewandert. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits schwanger, was allerdings erst in Australien herauskam. Sie hat sich darüber ausgeschwiegen, wer der Vater ihres Kindes ist und behauptet, es sei nur ein Unfall gewesen, ein Urlaubsflirt. Da sie sich bereits in Australien befanden und meine Urgroßeltern nicht vorhatten, wieder nach Österreich zurückzukehren, akzeptierten sie schließlich das Unabänderliche, unterließen ihre vorwurfsvolle Fragerei und unterstützten meine Oma so gut sie konnten. Mein Vater erblickte also in Australien das Licht der Welt.“
Rusana schlug gefrustet ihren Handballen gegen das Lenkrad.
„Australien! Wie soll ein Mensch darauf kommen!“
Christian blickte sie an und zog eine Braue hoch. In seinen dunklen Augen blitzte eine Mischung aus Schalk und Triumph auf, was in Rusanas Magen ein Flackern auslöste.
„Du bist doch kein Mensch.“
„Doch, irgendwie schon, nur anders.“
Christian schaute auf seine Handschellen und zog leicht an ihnen.
„Ja, beängstigend anders.“
Rusana hatte nicht vor, das Thema zu vertiefen und fragte stattdessen:
„Wieso bist du nicht in Australien?“
„Weil ich, als ich sechzehn war, mit meiner Tante nach Deutschland gegangen bin.“
„Wieso mit deiner Tante?“
Christian schwieg und Rusana glaubte schon, er wollte ihre Frage nicht beantworten, doch dann erklärte er leise:
„Mein Vater hatte einen tödlichen Unfall, als ich acht Jahre alt war. Das hat meine Mutter nie verkraftet. Sie hat angefangen zu trinken und mich immer mehr vernachlässigt. Glücklicherweise wohnte ihre Schwester im selben Haus und hat sich um mich gekümmert, hat die Mutterrolle übernommen. Als sie einen Deutschen heiratete und ihm in seine Heimat folgte, war es völlig selbstverständlich, dass die beiden mich mitgenommen haben. Meiner leiblichen Mutter war das egal.“
„Lebt sie noch?“
Christian schüttelte seinen Kopf.
„Zu viel Alkohol.“
„Und deine Oma? Katrin Müller?“
„Hat den Tod ihrer Tochter nicht verkraftet.“
Einige Kilometer schwiegen sie, bis Christian plötzlich fragte:
„Wenn du die Wahrheit sagst, ist dieser Marco mein Großvater und hat demnach meine Großmutter geschwängert. Warum hat er sich nicht um seinen Sohn gekümmert und warum hat er nicht erzählt, dass du deine Suche in Österreich beginnen musst? Oder in Australien?“
„Leider hat Marco nur einmal erwähnt, dass er ein Kind gezeugt hat, wollte aber nicht darüber sprechen, unter welchen Umständen es passiert ist. Zumindest nicht mit mir. Es ist möglich, dass mein Bruder mehr darüber weiß, aber eben nicht, dass sie Österreicherin war oder ausgewandert ist.“
„Warum habt ihr Marco nicht einfach gefragt?“
Rusana seufzte und ein trauriger Ausdruck legte sich auf ihre Züge.
„Wie ich schon sagte, hat Ruven ihn verflucht. Er liegt seit zweiunddreißig Jahren in einer Art Koma und nur dein Blut kann ihn aufwecken.“
Sie hörte Christian schnauben, doch sie ging nicht darauf ein. Sie hatte Verständnis dafür, dass er ihr nicht glaubte. Wie sollte er auch? Seine Welt bestand aus logischen Fakten.
„Ist dir eigentlich klar, dass du der Einzige bist, der Marco retten kann? Dein Vater ist tot und du hast keine Geschwister, oder?“
„Nein, habe ich nicht und deine Geschichte behagt mir immer weniger. Es gibt keine Flüche, das ist doch alles Hokuspokus, Rusana.“
„Wenn wir in Vineta sind, wirst du sehen, dass ich nicht verrückt bin.“
Christian stützte in einem Anflug von Verzweiflung seinen Kopf in seine Hände und stieß ein unwilliges Geräusch aus, weil die Handschellen ihn in seinen Bewegungen einschränkten und unbequem waren. Schließlich atmete er tief durch und versuchte, sich zu entspannen.
„Gut, bleiben wir bei deiner Story. Warum hat dein Bruder meinen Großvater überhaupt verflucht?“
Rusana biss sich auf die Unterlippe. Ihr behagte es nicht, Christian den wahren Grund zu erzählen, wollte ihn aber auch nicht belügen. Also wich sie aus.
„Marco und ich haben etwas getan, was Ruven sehr erzürnt hat. So sehr, dass er die Kontrolle über sich verloren hat. Sonst hätte er niemals den Fluch ausgesprochen, wozu übrigens nur Könige imstande sind. Mittlerweile bereut er es zutiefst und verflucht die Macht, die ihm mit der Übernahme der Krone zuteilwurde.“
„Aha“, brummte Christian. „Euer Vergehen muss ja entsetzlich gewesen sein, wenn dein Bruder sich hat so gehen lassen.“
Rusana räusperte sich und stierte auf die Straße. Christian studierte ihr Seitenprofil und stellte fest, dass er sie stundenlang ansehen könnte. Ein rötlicher Schimmer breitete sich auf ihrer Wange sowie ihrem Hals aus, was ihn verwunderte. War sie verlegen? Das passte nicht zu ihr, denn bisher war sie sehr selbstsicher aufgetreten. Oder schämte sie sich für das, was sie und Marco getan hatten? Wollte sie ihm deswegen nichts über den Grund des Fluches erzählen? Frustriert löste Christian seinen Blick von der Frau, die seine Gefühle gehörig durcheinanderwirbelte. Er war davon überzeugt, dass sie ihre Geschichte glaubte. Dass sie ihm aus ihrer Sicht nichts vormachte, was seine Lage jedoch nicht einen Deut besser machte. Er würde ihr gerne helfen, aber Rusana würde ihn niemals freiwillig zu einem Arzt begleiten. Außerdem konnte er die Augen nicht davor verschließen, dass sie Fähigkeiten besaß, die nicht erklärbar waren. Würden die Ärzte sie als Versuchskaninchen missbrauchen und ihr mehr schaden als helfen? Der Gedanke machte Christian Angst. Außerdem passte der Mordversuch nicht in das Bild. Warum sollte ihn jemand töten wollen, wenn Rusana sich die Geschichte nur einbildete?
Als sie plötzlich bremste, wurde Christian aus seinen Grübeleien gerissen. Vor ihnen stauten sich die Wagen und ein Ortseingangsschild wies darauf hin, dass sie Schwerin erreicht hatten. Es ging nur noch kriechend voran und Christian überlegte, ob das die Gelegenheit war, zu fliehen. Wollte er fliehen? Er sollte es versuchen. Wenn es ihm gelang, konnte er in Ruhe über eine Möglichkeit nachdenken, Rusana zu helfen, denn sie würde ihren Plan, ihn nach Vineta zu bringen, garantiert nicht aufgeben und wieder auftauchen.
Ihr Weg führte sie mitten durch die Stadt und Christian musste nicht fragen, wohin Rusana fuhr. Er war sich sicher, dass sie auf die A14 wollte und von dort auf die A20, um nach Usedom zu gelangen. Als sich die Bürgersteige rechts und links der Straße mit Passanten füllten, die einkauften oder flanierten, bereitete sich Christian innerlich auf seine Flucht vor. Die nächste rote Ampel kam, Rusana stoppte und Christian zog an dem Türöffner, doch nichts passierte. Die Tür ließ sich nicht öffnen.
„Kindersicherung“, erklärte Rusana mit einem leichten Grinsen.
„Na gut“, knurrte Christian, drückte den Automatikknopf für seine Seitenscheibe, und als sie herunterfuhr, wedelte er mit seinen Händen, damit die vorbeigehenden Passanten seine Handschellen sahen, und rief: „Hilfe!“
Rusana stoppte das Herunterfahren der Scheibe über die Bedienungselemente auf ihrer Seite und aktivierte die Sperre für die elektrischen Fensterheber, sodass Christian von seinem Platz aus die Scheibe nicht mehr öffnen konnte.
Eine Passantin mittleren Alters war jedoch auf ihn aufmerksam geworden und riss beherzt die Autotür auf. Sie beugte sich leicht vor und blickte in den Wagen, während eine weitere Frau hinter ihr stehen blieb und neugierig über ihre Schulter schaute.
„Ist hier alles in Ordnung?“
Christian war im ersten Moment so überrascht von soviel Courage, dass es ihm die Sprache verschlug. Im Gegensatz zu Rusana, die augenblicklich reagierte. Mit einem zuckersüßen Lächeln erklärte sie:
„Klar, mein Freund liebt es nur, Aufsehen zu erregen. Er steht auf Handschellen, wenn du verstehst, was ich meine.“
Die Augen der attraktiven Frau weiteten sich und einige Augenblicke später breitete sich ein laszives Grinsen auf ihrem Gesicht aus.
„Das stimmt doch gar nicht!“, entrüstete sich Christian. „Sie hat mich ...“
Die nächsten Worte blieben ihm im Hals stecken, da Rusana ihre Hand auf seinen Oberschenkel legte. Viel zu nahe an seiner Männlichkeit, was eine heiße Welle auslöste, die durch seinen Körper schoss.
Das Grinsen der Frau wurde noch etwas breiter und anzüglicher, während sie ihren Blick über Christians Schritt und seinen Oberkörper gleiten ließ.
„Oh ja, ich verstehe ganz genau.“ Sie schaute Christian tief in die Augen und legte einen perfekten Wimpernschlag hin. „Ich würde gerne mitspielen. Stehst du zufällig auf einen Dreier oder Vierer?“
„Tut er nicht!“, rief Rusana und ein Fauchen schwang in ihrer Stimme mit. Sie fing den Blick der Frau ein, der plötzlich glasig wurde. Kurz darauf zog die Fremde sich zurück, schlug die Tür zu und entfernte sich vom Wagen, gefolgt von ihrer Begleiterin. Christian war völlig verdattert. War er zuerst entrüstet über Rusanas Handeln, verwirrte ihn die harsche Abfuhr, die sie der Frau verpasst hatte. Wüsste er es nicht besser, würde er ihre Reaktion als Eifersucht einstufen, aber das war nicht möglich. Ihr Herz gehörte Marco, denn sonst hätte sie wohl kaum jahrzehntelang nach Rettung für ihn gesucht. Vorausgesetzt, an ihrer Geschichte war etwas Wahres dran.
„Lass deine Hände gefälligst unten, sonst binde ich sie fest und dann wird es sehr ungemütlich für dich.“
Ihre Stimme klang gereizt.
„Und du leg deine Hände nicht auf Stellen, wo sie nichts zu suchen haben!“, rief Christian ebenso gereizt.
Ihre Blicke bohrten sich ineinander und lösten sich erst, als jemand hinter ihnen hupte, weil die Wagen vor ihnen weiterfuhren. Christian lehnte sich zurück und versuchte, sich zu beruhigen. Diese Frau machte ihn wahnsinnig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er verfiel ihr, entwickelte Gefühle für sie und das war alles andere als gut.
Auch Rusana versuchte, sich wieder zu beruhigen. Ihr Herz schlug viel zu schnell, denn ihre mehr oder weniger intime Berührung hatte nicht nur bei Christian eine Welle von Gefühlen ausgelöst. Allmählich verstand sie, was Ruven gemeint hatte, als er sagte, sie solle auf ihre Gefühle achten. Was würde passieren, wenn sie sich in Christian verliebte? Blödsinn, redete sie sich ein. Du hattest einfach nur zu lange keinen guten Sex mehr.

Kapitel 7: Alwin

Christian und Rusana sprachen während der Fahrt durch Schwerin kein Wort mehr miteinander. Erst, als sie die Autobahn erreichten, fragte Christian ruppig:
„Bin ich Montag wieder zu Hause?“
Rusana warf ihm einen Seitenblick zu, antwortete jedoch nicht. Stattdessen beschleunigte sie und überholte zwei Lastkraftwagen.
„Also nicht?“, hakte Christian nach, dem die Spannung, die zwischen ihnen lag, nicht mehr behagte.
Rusana fuhr auf die rechte Spur und drosselte die Geschwindigkeit. Sie biss sich auf die Unterlippe, was sie immer dann tat, wenn sie verlegen war oder angestrengt nachdachte. Christian ertappte sich dabei, dass er diese Angewohnheit süß fand, und stellte sich vor, wie ihre vollen Lippen schmecken würden, wie sie sich anfühlen würden ...
‚Hör auf!’, befahl er sich selbst und starrte aus seinem Seitenfenster. Wo sollten diese Gedanken hinführen?
„Es gibt zwei Übergänge in unsere Welt.“, erklärte Rusana plötzlich.
Er wandte sich ihr wieder zu und wartete darauf, dass sie weiterredete.
„Vor eintausend Jahren gab es natürlich noch mehr, aber bis auf die beiden sind alle anderen Übergänge zusammen mit der Stadt zerstört worden.“
Da Christian zu der Überzeugung gekommen war, dass Rusana glaubte, was sie sagte, ging er auf ihre Erklärung ein:
„Und es gibt Probleme mit den noch intakten Übergängen?“
Sie nickte.
„Einer von ihnen kann nur mit einem U-Boot durchquert werden, was regelmäßig ein Mal im Monat geschieht. Eigentlich hatte ich vor, diesen Übergang mit dir zu nehmen, doch das Boot kommt erst in vierzehn Tagen. In Anbetracht dessen, dass jemand versucht dich zu töten, möchte ich ungerne so lange warten.“
„Wie rücksichtsvoll.“ Christian konnte sich seine Ironie nicht verkneifen. „Kann dein Bruder das U-Boot nicht früher schicken?“
„Es gibt keine Möglichkeit, von hier aus mit Ruven in Kontakt zu treten.“
„Was ist mit dem anderen Übergang?“
Rusana biss sich erneut auf ihre Lippe.
„Er ist unbequem und zu Beginn ist die Gegend auf unserer Seite nicht gerade zivilisiert.“
„Wie unzivilisiert ist es denn dort?“
„Natur pur, eben.“
Christian musterte sie, versuchte in ihrer Mimik zu lesen, warum sie ihm auswich, was sie ihm verschwieg. Rusana bemerkte es und schenkte ihm ein zaghaftes, aber bezauberndes Lächeln.
„Lass uns erst mal nach Usedom fahren, dann sehen wir weiter, ja?“
Ihrem Lächeln und der stillen Bitte in ihren Augen, nicht weiter nachzubohren, hatte Christian nichts entgegenzusetzen. Diese Frau schaffte es, seinen Verstand in tausend Stücke zerbröckeln zu lassen. Andererseits legte er keinen Wert darauf, schon wieder mit ihr zu streiten, zumal er nicht an die Übergänge glaubte. Also wechselte er das Thema:
„Sie werden mich zu Hause vermissen, wenn ich Montag nicht im Büro auftauche. Ich möchte nicht, dass meine Tante sich Sorgen macht.“
„Dann ruf sie an, aber was willst du ihr sagen? Die Wahrheit wird sie wohl kaum glauben.“
Wie wahr.
„Du solltest auch nicht erwähnen, dass ich dich entführt habe, denn dann würde sie sich bestimmt wahnsinnige Sorgen machen.“
Auch wahr.
„Und solltest du deiner Tante erzählen, wohin wir fahren, müsste ich dein Gespräch leider unterbrechen. Dann würde sie sich auch wieder Sorgen machen und das möchtest du ja nicht. Außerdem würde ich dich in den Kofferraum sperren, falls sie mitbekommt, dass wir nach Usedom fahren. Es könnte ja sein, dass sie die Polizei informiert und die dürfen dich natürlich nicht bei mir finden.“
„Hexe!“, knurrte Christian.
„Vinetanerin“, säuselte Rusana amüsiert. Es machte ihr Spaß, ihn aufzuziehen.
Er warf einen Blick auf ihr Handy in der Ladeschale der Freisprecheinrichtung und runzelte die Stirn.
„Was?“
„Hast du eigentlich jemanden angerufen, nachdem du mich verschleppt hast, und verraten, wohin du mich bringst?“
„Nur meiner Freundin und die ist hundertprozentig vertrauenswürdig. Warum fragst du?“
„Na ja, wenn wir uns jetzt in einem Thriller befänden“ - er funkelte Rusana an, um ihr klar zu machen, dass er sich genauso fühlte - „würden unsere Feinde entweder die Position deines Fahrzeuges über GPS verfolgen oder uns über dein Handy orten. Natürlich könnten sie auch das Handy beziehungsweise das Telefon deiner Freundin abhören.“
„Mein Wagen hat kein GPS, aber das mit dem Handy ist durchaus denkbar“, erwiderte Rusana grübelnd. Sie griff zum Handy und schaltete es vorsichtshalber aus. „Es ist wohl besser, du rufst deine Tante erst mal nicht an. Tut mir leid.“
Christian hatte nicht vor, ihr zu widersprechen und blickte, wie schon des Öfteren, über seine Schulter, um Ausschau nach dem Passat seines Angreifers zu halten. Glücklicherweise war nichts Verdächtiges zu sehen, aber sicherer fühlte er sich deswegen nicht.

Sie verfielen in ein angenehmes Schweigen, da sich die Spannung zwischen ihnen aufgelöst hatte, und jeder hing seinen Gedanken nach. Irgendwann stellte Rusana das Radio leise an, woraufhin Songs aus den Achtzigern Christian einlullten. Er fühlte sich total ausgelaugt, was nach dem Stress der letzten Monate nicht verwunderlich war und schaffte es nur mit Mühe, seine Augen offen zu halten. Sein Körper wollte die unfreiwillige Ruhe nutzen und schlafen, doch sein Verstand fand das alles andere als angebracht. Immerhin wollte ihn jemand umbringen. Schließlich begann es zu regnen und das monotone Geräusch der Scheibenwischer, das Prasseln auf dem Autodach und die Musik sorgten letztendlich dafür, dass er wegdriftete.
Als Christian eingeschlafen war, warf Rusana ihm immer wieder kurze Blicke zu. Er sah schon gut aus, da gab es nichts dran zu rütteln. Da es mit dem Regen draußen merklich kühler geworden war, drehte sie die Heizung etwas höher, damit er nicht fror. Wie sollte sie ihn nur sicher nach Vineta bringen? War es besser, auf das U-Boot zu warten oder sollten sie den anderen Übergang nehmen? Mit dem Mörder im Nacken waren beide Wege gefährlich.

Am späten Nachmittag erreichten sie Wolgast. Rusana kannte hier ein älteres Ehepaar, das ein kleines Restaurant in einer Seitenstraße betrieb. Es waren Menschen, keine Vinetaner, weswegen Rusana nicht glaubte, dass sie in irgendeiner Weise an dem Komplott gegen Christian beteiligt waren. Außerdem war das Ehepaar ihr sehr zugetan und hatte sich bisher immer gefreut, wenn sie vorbeikam. Was allerdings nicht sehr oft vorkam, da Rusana die Gastwirte nur besuchte, wenn sie nach Vineta wollte - und das war selten geworden. Sie mied es, nach Hause zu gehen. Der seelische Schmerz, der sie dort erfasste, war einfach zu gewaltig, nahm ihr die Luft zum Atmen, erdrückte sie. Deswegen hatte sie es immer vorgezogen, trotz ihrer Hoffnungslosigkeit weiter nach Marcos Nachfahren zu suchen. Das war einfacher, als Marco Tag für Tag in dem Krankenzimmer liegen zu sehen, das Ruven neben seinem Schlafgemach hatte einrichten lassen. Marcos Körper wurde mit allem, was er zum Überleben benötigte, versorgt, und seine Muskeln und Sehnen durch technische Hilfsmittel beweglich gehalten. Dennoch sah er aus wie eine Leiche. Sein Anblick zerriss Rusana das Herz und auch Ruven bereitete ihr Kummer. Er war verzweifelt über seine Tat, machte sich die schwersten Vorwürfe, den Fluch ausgesprochen zu haben. Er zerbrach daran.
Rusana wischte sich die Tränen, die sich in ihre Augen geschlichen hatten, fort und warf einen Blick auf Christian, der noch immer schlief. Er war der Einzige, der das Unglück beenden konnte. Sie musste gut auf ihn aufpassen. Nicht auszudenken, wenn ihm etwas zustoßen würde. Rusana ertappte sich dabei, dass diese Vorstellung sie nicht nur wegen des Fluches ängstigte. Sie entwickelte Gefühle für Christian, die sie irritierten, drängte sie jedoch in den letzten Winkel ihres Herzens zurück.
Sie parkte hinter dem Haus im privaten Bereich des Restaurants, damit eventuelle Verfolger ihren Wagen nicht von der Straße aus sehen konnten. Nachdem sie den Motor abgestellt hatte, tippte sie Christian auf die Schulter und sagte:
„Wach auf, Schakuta Ru.“
Christian fuhr hoch und starrte sie einen Augenblick lang desorientiert an, was ihr Herz schneller schlagen ließ, da sie ihn so verschlafen unglaublich süß fand. Du musst deine Gefühle in den Griff kriegen, ermahnte sie sich erneut, lächelte ihn jedoch an und erklärte:
„Wir sind in Wolgast und machen jetzt eine kleine Pause bei Bekannten von mir. Ich frage mal kurz nach, ob wir willkommen sind.“
Mit diesen Worten stieg sie aus und ging zur privaten Eingangstür, die sich seitlich des Hauses befand. Glücklicherweise regnete es nicht mehr, aber es war rech kühl und sie fröstelte leicht. Sie schellte, trat jedoch gleich darauf mehrere Schritte zurück, damit sie ihren Wagen und somit Christian im Auge behalten konnte. Sie hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie sie dem Ehepaar erklären sollte, dass ein Mann in Handschellen sie begleitete. Sie könnte die Gastwirte beeinflussen, doch es behagte ihr nicht, ihre mentalen Kräfte einzusetzen und ihre Freunde zu Marionetten zu degradieren.
Als die Tür sich öffnete, begrüßte Rusana die sechzigjährige Frau:
„Hallo Alma.“
„Rusana?“, erwiderte die Frau überrascht, doch dann breitete sich ein herzliches Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie trat nach draußen und zog Rusana an ihren üppigen Körper. „Du hast dich ja lange nicht blicken lassen, Schätzchen. Komm rein!“
Rusana lachte. Sie wusste, sie war willkommen, wie immer.
„Ich bin nicht alleine“, erklärte sie, als sie sich von Alma löste.
„Das macht doch nichts. Hast du endlich einen Freund gefunden, der genauso langsam altert wie du?“
Alma und ihr Ehemann Otto wussten nicht, dass sie Vinetanerin war, aber sie ahnten es. Sie waren beide in dieser Gegend aufgewachsen und es rankten sich einige Legenden um die versunkene Stadt Vineta.
Rusana brauchte vorläufig nicht zu antworten, da sich Otto zu ihnen gesellte und sie genauso herzlich begrüßte, wie es zuvor seine Frau getan hatte. Sein gutmütiges Gesicht strahlte vor Freude und Rusana stellte amüsiert fest, dass seine Haare seit ihrem letzten Besuch noch schütterer geworden waren, dafür aber der Umfang seines Bauches zugenommen hatte. Es war Otto anzusehen, dass er Koch mit Leib und Seele war.

Christian blickte über seine Schulter und beobachtete Rusana. War jetzt die Gelegenheit abzuhauen? Er könnte versuchen, über die Mittelkonsole zu klettern und auf Rusanas Seite auszusteigen. Aber wieder einmal war er sich nicht sicher, ob er noch fliehen wollte. Sie waren bereits in Wolgast. Koserow war nur noch einen Katzensprung weit entfernt und somit die sagenumwobene Stadt Vineta. Sollte er Rusana nicht die Gelegenheit geben, ihm zu beweisen, dass sie nicht durchgeknallt war? Dass die Stadt existierte? Für sie wünschte er es sich, schallt sich im nächsten Moment jedoch einen Idioten. Vineta war und blieb ein Hirngespinst in Rusanas Kopf.
Christians Überlegungen wurden jäh unterbrochen, als seine Autotür aufgerissen wurde. Unter einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze hinweg, starrte ihn ein Mann aus eisblauen Augen an. In seiner rechten Hand blitzte ein gewaltiges Messer auf, bereit zuzustoßen - doch er zögerte. Christians Herz raste. Wie durch Watte hörte er den Mann sagen:
„Es tut mir leid. Ich ... ich möchte das hier wirklich nicht tun.“
Noch während der Fremde sprach, zog Christian intuitiv seine Beine an, drehte sich zur Seite und schaffte es, seinem Angreifer die Füße in den Leib zu rammen. Dieser taumelte mit einem Schmerzensschrei zurück und ließ das Messer fallen. Im nächsten Moment war Rusana neben dem Mann und warf ihn endgültig zu Boden. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er streckte in einer ergebenen Geste beide Arme von sich und rief:
„Ich wollte es nicht tun. Sie zwingt mich! Sie zwingt uns alle!“
Rusana verharrte in ihrer Bewegung und warf einen Blick auf Christian, der ausgestiegen war und etwas blass am Wagen lehnte. Sie atmete erleichtert auf, als sie kein Blut auf seinem Shirt entdeckte, und wandte sich wieder dem Angreifer zu. Dieser lag noch immer regungslos vor ihr auf dem Boden und beobachtete sie mit weit aufgerissenen Augen. Er war Vinetaner, was unschwer an seinen leicht ausgefahrenen Fangzähnen zu erkennen war. Er war sehr nervös und ganz offensichtlich kein eiskalter Killer, denn sonst wäre Christian jetzt tot. Kein Mensch entkam der Schnelligkeit eines Vinetaners. Ein Frösteln durchlief Rusanas Körper. Warum hatte er seinen Plan nicht in die Tat umgesetzt?
„Wie ist dein Name?“
„Alwin.“
„Und wen hast du mit ‚Sie’ gemeint?“
„Das würdet Ihr mir nicht glauben, Meju Rusana“, antwortete er bedrückt.
Rusana griff nach dem Messer und erlaubte Alwin durch eine knappe Handbewegung, sich zu erheben. Er richtete sich jedoch nicht ganz auf, sondern verharrte, ein Knie auf dem Boden, in hockender Haltung vor Rusana und schob die Kapuze seiner Jacke nach hinten. Schulterlange, dunkelblonde Haare kamen zum Vorschein.
„Du solltest es mir dennoch verraten, Alwin.“
Er sah sie nicht an, als er den Namen der Unbekannten ausspie:
„Otruna!“
„Bitte?“ Rusana glaubte, sich verhört zu haben.
„Ich sagte ja, Ihr würdet mir nicht glauben, Meju Rusana“, murmelte Alwin niedergeschlagen.
„Rusana?“ Otto trat zögernd neben sie. „Ich denke, ihr solltet nicht draußen diskutieren. Kommt lieber rein. Wäre ja möglich, dass hier noch mehr Möchtegernmörder rumlaufen.“
„Nein“, erklärte Alwin. „Im Moment bin ich der Einzige, von dem Marcos Nachkomme Gefahr droht. Aber ich habe nicht vor, ihm etwas anzutun. Ich kann es nicht. Dennoch wäre es sicherer für uns alle, wenn uns niemand zusammen reden sieht.“
„Na gut“, meinte Rusana. „Aber nur, wenn Alma und du wirklich nichts dagegen habt, Otto.“
„Natürlich nicht. Kommt rein!“
Otto deutete mit einer Hand an, ihm zu folgen und ging voraus. Alwin erhob sich nach einem fragenden Blick auf Rusana und folgte dem Gastwirt, ohne die geringsten Anzeichen, fliehen zu wollen. Den Schluss bildeten Christian und Rusana.
„Ist alles in Ordnung?, fragte sie besorgt.
„Nicht wirklich“, gab Christian zu. „Ich bin es nicht gewohnt, als Zielscheibe durch die Gegend zu rennen.“
Als Antwort legte sie tröstend ihre Hand auf seinen Unterarm. Fast hätte sie ihn verloren. Der Gedanke löste Übelkeit in ihr aus.
Ihre sanfte Berührung tat Christian gut. Ihre Hand fühlte sich warm und beruhigend an. Bevor sie ins Haus gingen, fragte er:
„Was bedeutet Meju Rusana?“
„Ins Deutsche übersetzt bedeutet es etwa: königliche Rusana.“
„Aha.“
„Du glaubst mir schon wieder nicht“, stellte sie gespielt entrüstet fest.
„Das stimmt, aber er hat vor dir gekniet. Ich gebe zu, dass das meinen Unglauben ein wenig ins Schwanken bringt.“
Sie folgten den anderen eine Treppe hinauf und Otto führte sie in ein gemütliches Esszimmer, eingerichtet mit hellen Buchenmöbeln und einem Tisch, der sechs Personen Platz bot.
„Hier könnt ihr euch ungestört unterhalten“, meinte er. „Alma und ich werden uns zurückziehen.“
„Nein Otto.“ Rusana legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Ich möchte, dass ihr bleibt. Du und Alma, ihr wisst schon so lange, dass ich kein normaler Mensch bin, und habt mich dennoch akzeptiert. Einfach so. Ihr habt darauf verzichtet, mir Löcher in den Bauch zu fragen und jetzt bietet ihr uns auch noch den Schutz eures Hauses an. Ihr seid wahre Freunde und ich möchte euch nicht ausschließen.“
Ottos Gesicht lief vor Verlegenheit rot an, genauso wie das seiner Frau und ihre Augen glänzten vor Freude über Rusanas Vertrauen. Sie setzten sich und alle Blicke richteten sich auf Alwin, dem anzusehen war, wie unwohl er sich fühlte. Unsicher begann er zu erzählen:
„Wie ich schon sagte, Otruna zwingt mich, ich meine, wollte mich zwingen, ihn umzubringen.“ Sein Blick huschte zu Christian.
„Aber warum sollte sie so etwas tun? Warum möchte sie verhindern, dass der Fluch gebrochen wird?“
„Sie behauptet, dass ein großes Unglück das Königreich der Vinetaner heimsuchen wird, sobald Marco erwacht, Meju Rusana. Sie redet uns ein, ihr Handeln wäre nur zum Wohle des Volkes, aber ich glaube ihr nicht. Sie ist eine böse Hexe, getarnt als Samariterin. Sonst würde sie uns niemals erpressen und drohen, unsere Frauen und Kinder zu töten, sollten wir ihr nicht gehorchen. Nichtsdestotrotz haben einige von uns versucht, sich zu wehren und zum König vorzudringen, obwohl er in den letzten Jahren aus Kummer sehr zurückgezogen lebt und uns wahrscheinlich nicht glauben würde. Immerhin ist Otruna seine Vertraute, seine Sekretärin und genießt ein sehr hohes Ansehen in Eurer Familie. Aber bisher hat es niemand geschafft, mit dem König zu reden, da Otruna, und ihre Anhänger im Königshaus, jede Kontaktaufnahme verhindern.“
Tiefe Trauer legte sich auf Alwins Gesichtszüge und er senkte den Kopf, als er gedämpft erklärte:
„Als Beweis, dass sie ihre Drohung ernst meint, hat sie die Männer, die versucht haben zum König zu gelangen, töten lassen. Außerdem haben bereits zwei Väter ihre Söhne verloren und einer seine geliebte Ehefrau.“
Rusana blieb im wahrsten Sinne des Wortes der Mund offen stehen. Was Alwin berichtete, war einfach unglaublich.
„Das ... das ist unfassbar. Wir reden hier wirklich über Otruna?“
„Sie ist böse, Meju Rusana, glaubt mir bitte. Sie lässt Euch schon von Anbeginn Eurer Suche beobachten. Sie zwingt einige Vinetaner, ihr dabei zu helfen und bedroht deren Familien. Wir alle haben Angst vor ihr, denn sie ist eine eiskalte Mörderin.“
Da Rusana ihn noch immer ungläubig anstierte, redete Alwin weiter:
„Ihr habt gestern mit Eurer Freundin in Passau telefoniert und ihr erzählt, dass Ihr endlich einen von Marcos Nachkommen gefunden habt. Es ist sofort jemand nach Vineta aufgebrochen, um Otruna die Nachricht zu überbringen. Sie weiß also schon Bescheid. Es tut mir leid.“
„Hast du uns im Versteck aufgelauert und auf Christian geschossen?“
„Nein, das war Eluja Magaja. Bei ihm bin ich mir nicht sicher, ob er von Otruna gezwungen wird, oder ob er zu ihren treuen Anhängern gehört. Durch das Gespräch mit Eurer Freundin wusste er, wo Ihr seid. Außerdem hattet Ihr das Handy nicht ausgeschaltet, deswegen konnten wir Euch orten, Meju Rusana. Vor dem Mordversuch hat Eluja einen Sender an Eurem Wagen befestigt, deswegen wussten wir immer, wo ihr euch befindet. Ich bin zurzeit in Koserow eingesetzt, deswegen war es meine Aufgabe, euch abzufangen und Christian zu töten. Wir dachten uns, dass Ihr Eure Freunde in Wolgast aufsuchen würdet. Deswegen habe ich bereits in den Büschen auf eure Ankunft gewartet. Aber ich bin kein Mörder.“
Alwin senkte seinen Blick und knetete nervös seine Hände. „Ich konnte ihn nicht töten und jetzt habe ich entsetzliche Angst um meine Frau und meine Tochter.“
„Dann müssen wir eben verhindern, dass ihnen etwas geschieht", erklärte Rusana entschieden.
Alwin hob seinen Blick.
„Ihr glaubt mir?“
„Ja. Auch wenn Otrunas Absichten mir wirklich schleierhaft sind. Warum geht sie das Risiko ein, euch zu zwingen ihr zu helfen. Hat sie nicht genug ergebene Anhänger?“
„Ich weiß nicht, wer und wie viele Vinetaner hinter ihr stehen. Das macht die ganze Sache so gefährlich. Wenn ich mich jemandem anvertraue, weiß ich nie, ob er mich verrät, weil er zu Otruna gehört, oder besser gesagt, ihr verfallen ist.“
„Wann musst du Bericht erstatten, ob es dir gelungen ist, Chris zu töten?“
„Es gibt eine Einsatzzentrale, die auf meinen Anruf wartet. Aber ich denke, ich könnte mich bis morgen früh still verhalten, ohne dass sie Verdacht schöpfen, dass etwas nicht stimmt.“
„Dann müssen wir noch heute Nacht nach Vineta aufbrechen und können nicht auf das U-Boot warten. Die Mordanschläge auf Chris würden nur noch massiver werden. Außerdem könnte es, wenn wir zu lange hier bleiben, jemandem gelingen, nach Vineta zu gehen, um Otruna zu berichten, dass du die Seite gewechselt hast. Dann wäre deine Familie in Gefahr.“
„Ich sollte hier bleiben und euch den Rücken frei halten, indem ich verhindere, dass euch jemand folgt. Ich behaupte einfach, ihr seid mir entkommen und untergetaucht, da ihr unsere Verfolgungsmethoden durchschaut habt.“
„Und wenn sie dir nicht glauben?“
„Dann werde ich versuchen, sie zu überwältigen und einzusperren, bis Ihr mit der frohen Botschaft zurückkehrt, dass Otruna besiegt ist und sie uns und unseren Familien kein Leid mehr zufügen kann. Dabei hoffe ich auf die Unterstützung eines Vinetaners, der sich zurzeit in Zinnowitz aufhält. Er weiß nichts von Otrunas bösem Spiel und ist ein guter Freund von mir. Das glaube ich zumindest. Ich werde das Risiko eingehen und ihn einweihen.“
„Dann wünsche ich dir viel Erfolg, und dass wir uns gesund wieder sehen“, stimmte Rusana dem Plan zu.
Alwin deutete ein leichtes Nicken an.
„Ich werde Euch eine Liste mit den Namen der mir bekannten Vinetaner erstellen, die freiwillig oder unfreiwillig für Otruna arbeiten, damit Ihr möglichst viele Gegner kennt. Ich habe übrigens nie gewagt, mit Euch Kontakt aufzunehmen, weil ich Angst um meine Familie hatte und nicht zu hoffen wagte, dass Ihr mir Glauben schenken würdet.“
Rusana schenkte Alwin ein kleines Lächeln:
„Das verstehe ich.“
Alwin atmete tief durch und entspannte sich etwas.
„Ich nehme an, Ihr wollt den Übergang um ein Uhr durchqueren, da um diese Zeit die körperliche Belastung am Geringsten ist?“
„So ist es.“
„Dann werde ich jetzt, mit Eurer Erlaubnis, alles Notwendige für den Übergang besorgen sowie einen Fischkutter, damit ich Euch und Christian zum Riff bringen kann.“
„Ich wäre dir dankbar, Alwin.“
Dieser neigte, bevor er das Esszimmer verließ, seinen Kopf und erklärte:
„Ich bin Euch dankbar, Meju Rusana, dass Ihr mir Euer Vertrauen schenkt. Ich werde Euch nicht enttäuschen.“

Christian war vollkommen durcheinander. Als potenzielles Opfer durch die Gegend geschleppt zu werden war schon schwer zu verkraften, aber sein Verstand weigerte sich zu begreifen, dass sich die Legende um Vineta nach und nach als Wahrheit entpuppte. In was war er da hineingeraten? Spielten ihm Rusana und die anderen Theater vor? Aber warum sollten sie das tun? Sie konnten doch nicht alle verrückt sein, oder? Und überhaupt, was hatte Alwin mit ‚Riff’ gemeint? Sein Blick traf Rusanas, die ihn stumm musterte.
„Was hat Alwin damit gemeint?“
„Womit?“, fragte sie unschuldig.
„Mit dem Riff! Er meinte doch wohl nicht das sogenannte Vinetariff! Wie weit von der Küste ist es weg? Einen Kilometer? Und was sollen wir dort? Ohne Tauchausrüstung ins Wasser hüpfen, weil sich der Übergang auf dem Meeresboden befindet? Und was sollte die Anspielung auf die körperliche Belastung?“
Rusana biss sich auf die Unterlippe. Christians Vermutungen waren richtig und sie hätte ihm diesen Weg gerne erspart. Aber es ging nicht.
„Ich habe dir ja schon erklärt, dass ich das U-Boot vorziehen würde.“
Christian starrte sie fassungslos an.
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mitten in der Nacht in die Ostsee springe, um dann zu ertrinken. Vineta gibt es nicht!“
„Du wirst nicht ertrinken, Christian. Außerdem hast du keine Wahl“, wisperte Rusana ohne ihn anzublicken. Sie zog es vor, auf die Tischdecke zu stieren und mit ihrem Finger die Linien der aufgestickten Rosen nachzuziehen.
„Du glaubst nicht, dass es Vineta gibt?“, mischte sich Otto ein und grinste Christian an. „Wenn du hier aufgewachsen wärst, würdest du das sicher anders sehen. Ich an deiner Stelle würde Rusana gerne begleiten. Es ist ein Traum von mir, die Stadt zu sehen.“
„Wenn das hier vorbei ist, werde ich dir und Alma die Stadt zeigen“, versprach Rusana.
„Ehrlich?“, Otto verbarg seine Freude nicht und strahlte über das ganze Gesicht. Er schob seinen Stuhl nach hinten, stand auf und schlug Christian unsanft auf den Rücken:
„Nun stell dich mal nicht so an, min Jung. Das bisschen Tauchen wirst du schon schaffen. Ehrlich gesagt habe ich mich ja über die Handschellen gewundert. Wie kann man so eine Schönheit wie Rusana nicht freiwillig begleiten wollen?“
Er warf seiner Frau einen entschuldigenden Blick zu und redete weiter auf Christian ein:
„Entspann dich! Wir schließen alle Türen ab und öffnen auch das Restaurant heute Abend nicht. Alwin wird schon die Wahrheit gesagt haben und du bist vorläufig in Sicherheit. Ich gehe uns jetzt was Leckeres kochen, denn mit leerem Magen reist es sich schlecht.“
Er verließ das Esszimmer und Christian konnte ihm nur hinterherstarren. Wo war er hier gelandet? Er brauchte dringend eine Auszeit. An Alma gewandt frage er:
„Darf ich Ihr Bad benutzen?“
„Sicher, junger Mann. Komm, ich zeige es dir.“
Christian folgte ihr, ohne Rusana anzusehen, denn trotz seiner eigenen Verwirrtheit war ihm der Kummer in ihren Augen nicht entgangen. Aber er wollte ihn nicht sehen und sein Verständnis für sie irritierte und ärgerte ihn. Sie hatte ihm diesen Schlamassel eingebrockt. Ihn entführt! Wieso also machte er sich ihretwegen Sorgen? Warum wollte er ihr nicht wehtun? Weder körperlich noch verbal? Er musste dringend seine Gefühle in den Griff bekommen und für ein paar Minuten in Ruhe nachdenken.


Kapitel 8: Alma und Otto

Alma lächelte Rusana unsicher an, als sie ins Esszimmer zurückkam.
„Ich habe Christian ins Gästebad gebracht und vorsichtshalber in den unteren Räumen die Jalousien herunter gelassen.“
„Danke, Alma.“
Rusana kannte das Haus des Ehepaares in- und auswendig und wusste daher, dass das Gästebad kein Fenster besaß. Christian würde also nicht auf die dumme Idee kommen können, aus dem Fenster zu klettern.
„Sollen wir Otto in der Küche Gesellschaft leisten und bei einer Tasse Kaffee ein wenig snacken?“, fragte Alma, da ihr nichts Besseres einfiel, um Rusana aufzumuntern, die traurig und besorgt aussah.
„Warum nicht. Hier die Wände anzustarren bringt auch nicht viel.“
Außerdem hatte der Wechsel des Raumes den Vorteil, dass Rusana die Tür des Gästebades vom Küchentisch aus im Auge behalten konnte, da die Küche dem Bad direkt gegenüberlag.
Otto freute sich über die Gesellschaft beim Kochen und lauschte Almas Fragen und Rusanas Erklärungen, warum sie Christian entführt hatte und nach Vineta bringen musste. Das Ehepaar ließ nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen, dass sie ihr jedes Wort glaubten.
Die Zeit verging und Rusana blickte immer nervöser zur Badezimmertür. Was machte Christian nur so lange da drin? Nach einer halben Stunde hielt sie es nicht mehr aus und klopfte an die Tür:
„Chris? Ist alles in Ordnung?“
Keine Antwort.
„Chris?“
„Was sollte nicht in Ordnung sein?“, hörte sie ihn missmutig brummen. „Hast du Angst, dass ich mich in der Dusche ertränkt habe, damit ich nicht in der Ostsee ersaufen muss?“
„Quatsch! Außerdem wirst du nicht ertrinken. Wenn wir draußen auf dem Meer sind, wirst du den Übergang erkennen können und mir glauben. Das verspreche ich dir.“
Die Tür öffnete sich und Christian sah sie herausfordernd an:
„Du versprichst mir also, dass ich nicht ins Wasser springen muss, wenn ich nur Dunkelheit in der Tiefe des Meeres sehe?“
„Das kann ich dir versprechen“, antwortete Rusana, ohne zu zögern.
Christian blickte ihr in die Augen. Lange und tief. Suchte in ihren azurblauen Iriden die Bestätigung, dass sie ihn nicht anlog, nur damit er keinen Aufstand machte. Doch er fand keine Lüge in ihren Augen, auch keinen Wahnsinn. Dafür begann sein Herz zu rasen, denn er drohte sich in ihren Augen zu verlieren. Sie waren wunderschön. Soviel dazu, seine Gefühle in den Griff bekommen zu wollen. Wozu hatte er sich im Badezimmer sein Gehirn zermartert? Er musste sie nur ansehen und war verloren. Was war nur los mit ihm? Er brach den Blickkontakt ab und räusperte sich. Auch Rusana benötigte einige Augenblicke, um sich zu fangen. Sie wandte sich schnell ab und ging zurück in die Küche. Christian folgte ihr und Alma stellte ihm lächelnd eine Tasse Kaffee auf den Tisch.
„Das Essen ist sofort fertig, Kinnings. Setzt euch doch.“
Während Alma den Tisch deckte und Otto routiniert sein Essen fertig zauberte, hörten die beiden nicht auf zu reden. Abwechselnd berichteten sie Christian, egal, ob er es hören wollte oder nicht, wie sie sich kennengelernt hatten. Dieser begriff recht schnell, dass das Ehepaar so viel redete, weil sie nervös waren und sich Sorgen machten. Sie versuchten nur, die Stimmung aufzuheitern und die Spannung, die in der Luft lag, zu vertreiben.
Kurze Zeit später kämpfte Christian frustriert mit einem vorzüglichen Rinderfilet, das er nur schwer in Stücke geschnitten bekam. Seine Hände waren durch die Handschellen so nah beieinander, dass es unmöglich war, Messer und Gabel vernünftig zu halten.
Alma bemerkte sein Dilemma, zog den Teller kommentarlos zu sich und schnitt das Fleisch in kleine Stückchen. Rusana warf Christian einen amüsierten Blick zu, den er mit einem genervten Augenrollen erwiderte, und Otto beobachtete alles mit einem zufriedenen Grinsen auf seinem Gesicht. Alma schob den Teller zurück und begann zu erzählen, wie sie Rusana kennengelernt hatte:
„Es ist nun schon über dreißig Jahre her, als ich mit Otto, wir waren noch nicht verheiratet, einen heftigen Streit hatte. Der Grund war lächerlich. Es war ein Samstag und wir halfen meiner Schwester und ihrem Mann bei der Renovierung ihrer neuen Wohnung. Ich strich die Wände des Schlafzimmers und irgendwann vermisste ich Otto. Ich ging auf die Suche und fand ihn schlafend auf einem Sessel im Wohnzimmer. Ich muss dabei sagen, dass der arme Kerl eine echt anstrengende Woche hinter sich hatte und es auch schon elf Uhr abends war. Aber damals habe ich echt pampig reagiert und ihn angeschrien, warum er faul herumliegt, während wir anderen noch arbeiten müssen.“
„Zu ihrem Schutz muss ich sagen, dass Alma ebenfalls eine anstrengende Woche hinter sich hatte“, warf Otto ein. „Sie war genauso ausgelaugt wie ich. Ihr Vorwurf war also nicht ganz unberechtigt.“
„Jedenfalls eskalierte die ganze Situation“, erzählt Alma weiter. „Streitend strichen wir die Wände des Schlafzimmers zu Ende, und als Otto mich nach Hause bringen wollte, lehnte ich dankend ab. Ich hatte damals eine kleine Zweizimmerwohnung in Koserow und wohnte nicht weit weg von meiner Schwester. Also fauchte ich ihn an und ließ ihn stehen. Als er mir dennoch folgte, schlug ich ihn erfolgreich in die Flucht. Es war eine wunderbare, klare, aber windige Nacht. Anstatt nach Hause zu gehen, ging ich zum Strand, um meinen Kopf ein wenig freizubekommen. Ich liebe den Duft der Meeresluft mitten in der Nacht. Ich wanderte also am mondbeschienen Wasser entlang und bereute den Streit mit Otto bereits. Ich war wirklich hässlich zu ihm gewesen. Da das Meer laut rauschte, bemerkte ich die drei Männer, die in der Nähe des Baumgürtels am Rand des Strandes ein Gelage abhielten, zu spät. Zwei von ihnen waren so betrunken, dass ich ihnen mühelos entkommen wäre, aber der dritte Mann war leider noch so nüchtern, dass er mich einholte, als ich wegrannte. Er warf mich zu Boden und schleppte mich anschließend zu seinen grölenden Kumpels zurück. Noch nie in meinem Leben hatte ich so furchtbare Angst. Ich schrie aus Leibeskräften und mein Herz hämmerte so wild, dass ich Angst hatte, es würde aus meiner Brust springen. Doch dann ... “
Alma stockte und schenkte Rusana ein Lächeln, dass jeden Stein zum Erweichen gebracht hätte. Christian, der Alma gebannt zugehört hatte, wartete darauf, dass sie weitererzählte. Es ging um Rusana und da wollte er nichts verpassen. Für den Moment hatte er sogar seine eigenen Probleme vergessen, genoss das Essen und fühlte sich erstaunlich wohl.
„ ... tauchte Rusana auf. Sie stiefelte pitschnass aus dem Meer, fauchte wie ein wildes Tier und zeigte ungeniert zwei lange weiße Eckzähne. Das war wirklich unheimlich, denn sie sah aus wie ein Vampir. Jedenfalls stürzte sie sich auf die Männer. Ich habe noch nie so eine starke Frau gesehen. Es war beeindruckend, wie schnell sie mit meinen Angreifern fertig wurde und ich schwankte zwischen Angst und Dankbarkeit. Ich wusste nicht, ob ich wegrennen sollte, doch als die Männer am Boden lagen, kam sie zu mir und lächelte mich an. Sie erklärte mir, dass ich keine Angst haben müsse und sie machte wirklich nicht den Eindruck, als wolle sie mir etwas antun. Da sie pitschenass war und ich bemerkte, dass sie fror, fragte ich sie, wo sie wohne. Sie antwortete geheimnisvoll: ‚Nicht hier’, und so kam es, dass sie mich nach Hause begleitete und bei mir schlief. Ich musste nicht fragen, was sie war. Ich wusste einfach, dass sie aus Vineta stammte. Aus diesem Zusammentreffen entwickelte sich eine Freundschaft und Rusana kommt uns jedes Mal besuchen, wenn sie sich in dieser Gegend aufhält. Sie hat uns immer geholfen und uns sogar Geld für unser Restaurant geschenkt. Otto und ich sind ihr sehr dankbar, denn wir sind uns sicher, dass wir ohne sie nie so glücklich geworden wären. Die drei Männer damals hätten mein Leben zerstört, wenn Rusana nicht gewesen wäre.“
„Wieso habt ihr sie nie nach Vineta gefragt und mit ihr über eure Vermutung gesprochen?“, fragte Christian neugierig.
Otto zuckte mit seinen Schultern.
„Wir wussten doch, wo weg sie kommt und stellten im Laufe der Jahre fest, dass sie nicht so altert wie wir. Natürlich waren wir voller Neugier und hätten gerne mehr über Vineta erfahren, aber wir wollten nicht aufdringlich sein. Wir waren ihr einfach nur dankbar und sind es noch immer.“
Christian nickte verstehend und wandte sich an Rusana:
„Ich nehme an, damals hast du mit deiner Suche begonnen?“
„Genau. Ich war ziemlich niedergeschlagen und habe mich über die offene Art von Alma, und später auch von Otto, gefreut. Mir war klar, dass Alma am Strand gesehen hatte, was ich bin, aber sie hat mir dennoch ihr Vertrauen geschenkt. Das habe ich damals gut gebrauchen können. Almas und Ottos Freundschaft bedeutet mir sehr viel.“
„Wie bist du eigentlich über die Grenze nach Westdeutschland gekommen? Damals stand die Mauer doch noch.“
Rusana hob eine Braue und in ihren Augen blitzte es belustigt auf.
„Schon klar“, meinte Christian kopfschüttelnd. „Dumme Frage von mir. Du hast die Grenzpolizisten mental beeinflusst.“
„So ist es.“

Die nächsten zwei Stunden gaben Alma und Otto Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten und Christian gestand sich ein, dass er das Ehepaar mochte. Sie waren echte Unikate und einfach nur liebenswert. Es erstaunte ihn, wie die beiden es schafften, die Stimmung aufzuhellen und er ertappte sich dabei, dass er Rusana gerne lachen hörte. Ihr Lachen war glockenhell, warm und ansteckend. War es möglich, dass ihr Wahnsinn auf ihn abfärbte? Wie sonst konnte es sein, dass er hier verhältnismäßig entspannt saß, anstatt über Flucht nachzudenken? Die wahrscheinlich sowieso sinnlos sein würde, aber egal, er sollte sich eigentlich mehr Sorgen machen. Aber momentan fühlte er sich, als säße er in einem Kokon, der alles Beängstigende fern hielt.
Diese Empfindungen verflüchtigten sich jedoch schlagartig, als jemand Sturm klingelte. Einen Moment sahen sich alle erschrocken an, doch dann sprang Rusana auf und lief ins Erdgeschoss, um nachzusehen, wer vor der Tür stand. Es war Alwin und er war überaus nervös. Er folgte Rusana in die Küche und erklärte:
„Ich befürchte, ihr müsst sofort aufbrechen, denn Christian ist hier nicht mehr sicher. Die Einsatzzentrale hat mich mehrmals versucht anzurufen und letztendlich blieb mir nichts anderes übrig, als an mein Handy zu gehen. Alles andere wäre zu auffällig gewesen. Durch den Sender am Wagen ist ihnen natürlich bekannt, dass ihr hier seid und sie wollten wissen, ob ich Chris bereits eliminiert habe. Ich hätte vielleicht ja sagen sollen, doch ich habe zu lange mit der Antwort gezögert. Deswegen war ihnen sofort klar, dass Marcos Nachfahre noch lebt. Sie haben mir vorgeworfen, dass es doch nicht so ein großes Problem sein könnte, einen Menschen aus dem Weg zu räumen und mir nach einer kurzen Diskussion großzügig bis Mitternacht Zeit gegeben. Aber ich bin mir sicher, dass sie mir misstrauen und jemanden schicken, der mich überwacht oder Christian selbst umbringt. Also müsst ihr schnellstens hier weg.“
Er blickte zuerst Alma und dann Otto entschuldigend an:
„Es wäre wohl auch besser, wenn Sie untertauchen, bis diese ganze Geschichte vorbei ist. Der Attentäter wird hier auftauchen und Sie über Meju Rusana und Christian ausfragen und mit Sicherheit als Bedrohung einstufen. Tut mir wirklich Leid.“
„Mir auch“, erklärte Rusana bedrückt. „Ich hätte euch da niemals mit reinziehen dürfen.“
Otto tätschelte ihren Arm:
„Ist schon gut. Wir haben zwar Angst, aber wir werden uns einfach ein nettes Hotel auf dem Land suchen und für eine Weile abtauchen.“
„Gut. Ich schreibe Ihnen die Adresse einer Homepage auf. Dort finden Sie unter anderem Gedichte. Klicken Sie auf das Gedicht: ‚Das Meer’. Endet der letzte Vers mit: ‚ ... und die Sonne ging auf, über einem friedlich schlafenden Meer’ - ist alles in Ordnung und Sie können zurückkommen. Endet der letzte Vers mit: ... ‚und die Sonne ging auf, über einem windgepeitschten Meer’ - müssen Sie sich weiterhin ruhig verhalten. Schalten Sie ihre Handys nicht ein und besorgen Sie sich genügend Geld, um überall bar bezahlen zu können.“
„Das machen wir“, erklärte Alma und eilte aus der Küche, um die Koffer zu packen. Kurz darauf holte Alwin auf Rusanas Bitte hin ihre und Christians Reisetaschen aus dem Wagen sowie zwei wasserdichte, nicht allzu große Rucksäcke aus seinem eigenen. Einen davon drückte Rusana Chris in die Hände.
„Pack hier Kleidung zum Wechseln rein. Nach dem Übergang sind wir pitschnass und werden sie brauchen. Außerdem solltest du den Pullover überziehen, den ich dir eingepackt habe. Es ist recht kühl und windig draußen.“
„Und wie soll ich das anstellen?“
Christian ließ den Rucksack fallen und hielt ihr seine gefesselten Hände entgegen. Rusana holte den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schloss die Handschellen auf, jedoch nicht, ohne Alwin durch einen Blick zu signalisieren, dass er auf Christian aufpassen sollte. Dieser ignorierte den Vinetaner - der demonstrativ seine Arme vor der Brust verschränkte und beeindruckende Muskeln zeigte - und genoss das Gefühl, seine Hände frei bewegen zu können. Nachdem er Rusanas Aufforderungen nachgekommen war, bat er Otto um Papier, Kugelschreiber und einen Briefumschlag. Eilig schrieb er seiner Tante ein paar Zeilen, in denen er erklärte, dass er sich kurz entschlossen eine Auszeit genommen hatte, weil er sich völlig fertig fühlte. Ihm war klar, dass seine Tante, sein Onkel und auch sein Freund Tim sich dennoch große Sorgen um ihn machen würden. Es war nicht gerade typisch für ihn, sich ohne ein Wort aus dem Staub zu machen und unentschuldigt seinem Arbeitsplatz fern zu bleiben. Aber sie würden wenigstens keine Vermisstenanzeige aufgeben. Alma hatte sogar eine Briefmarke zur Hand und versprach ihm, den Brief unterwegs in einen Postkasten zu werfen.

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© Elisa Vordano 2014